Geburtenrückgang und Differenzgesellschaft

Akagawa, Manabu (2007): „Motekakusa ga umidasu shōshika“ [Der sich polarisierende Beliebtheitsgrad Lediger verursacht den Geburtenrückgang]. In: Seishōnen mondai 626: 54. 2–7.

Intensiv und zumeist sorgenvoll werden in Japan seit den 1990er Jahren der Rückgang der Geburtenrate und die Entwicklung zu einer sich polarisierenden Differenzgesellschaft (jap.: kakusa shakai)  sowohl in Fach- und Regierungskreisen als auch in den Massenmedien diskutiert.

Akagawa Manabu, Professor für Kultursoziologie an der University of Tokyo, thematisiert in dem vorliegenden Artikel die zunehmenden sozialen Differenzen auf dem Heiratsmarkt (in der Liebe). Ausgangspunkt ist hierbei die Annahme, dass die Zunahme lediger Personen in der japanischen Gesellschaft die Ursache für den Rückgang der Geburtenrate ist. Diese Ledigen kennzeichnet zwar weiterhin ein starker Heirats- und Kinderwunsch, der jedoch insbesondere für die wachsende Gruppe der Männer mit einem niedrigen (unter 2 Mio. Yen) und die Gruppe der Frauen mit einem hohen Jahreseinkommen nicht realisierbar ist. Als Ursache identifiziert er den Wunsch der Frauen nach einer hypergamen Heirat, d.h. einer Heirat mit einem ökonomisch und sozial höher stehenden Partner. Somit entstehen zwei neue gesellschaftliche Verlierergruppen, namentlich die Männer der ‘neuen’ Unterschicht und die Frauen der ‘neuen’ Oberschicht.

Dieser Problematik liegt Akagawa zufolge wiederum die fortschreitende „Liberalisierung der Liebe“ (Zunahme der Liebesheiraten, Enttabuisierung der außerehelichen Sexualität) seit der Mitte der 1960er Jahre zugrunde. Infolgedessen kommt es zu einer Polarisierung des Beliebtheitsgrades Lediger (mote kakusa): Während bereits ökonomisch und sozial begünstigte Menschen (reich, schön, sozial angesehen) Erfolg auf dem Liebesmarkt haben und ihre Beliebtheitsgrad dadurch weiter steigt, ergeht es den eher benachteiligten Personen gerade umgekehrt. Durch den Grundgedanken des Liberalismus, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, erfahren Letztere ihre Situation außerdem als persönliches Scheitern.

Akagawa kritisiert mit dieser Argumentation die derzeitigen Regierungsmaßnahmen gegen den Geburtenrückgang, die sich vornehmlich an bereits verheiratete Paare wenden, statt ledige Menschen mit Heiratsschwierigkeiten zu unterstützen. Insofern liefert der Artikel einen neuen und interessanten Aspekt zu der derzeitigen Debatte um den Geburtenrückgang und die Polarisierung der Gesellschaft. Dennoch muss gesagt werden, dass Akagawa recht pauschalisierend argumentiert und eine differenzierte Betrachtung der komplexen Thematik fehlt. Außerdem bleibt die methodische und theoretische Herangehensweise des Autors unklar. Der Artikel eignet sich – auch aufgrund des Japanischen und der vielfältigen Verweise – nicht als Einstieg in die Thematik. Er kann jedoch zur Vertiefung oder als Einblick in den japanischen Diskurs empfohlen werden, auch wenn er bereits nicht mehr ganz aktuell ist.

NK