Japan in Tianjin. Settlers, State and the Tensions of empire before 1937

Dryburg, Marjorie (2007): „Japan in Tianjin. Settlers, State and the Tensions of empire before 1937“. In: Japanese Studies 27: 1. 19–34.

Tianjin, Hafenstadt in der Nähe Beijings, beherbergte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundersts eine große japanische community mit rund 6000 Mitgliedern. Dryburg untersucht in ihrem Artikel, wie diese Menschen zum imperialen Projekt Japans standen. Sie versucht aufzuzeigen, dass es nicht nur zwischen den informellen Kolonisatoren und der chinesischen Seite Spannungen gab, sondern auch unter Kolonisatoren selbst Differenzen existierten, deren Untersuchung lohnenswert ist.

Die japanische community in Tianjin entstand 1896. Obgleich sie die drittgrößte in China war, mussten ihre Mitglieder doch auf einige Annehmlichkeiten verzichten, die Japanern in Shanghai, der größten japanischen Ansiedlung zu Verfügung standen. So gab es in Tianjin nur wenig hochwertiges japanisches Essen. Auch die ökonomischen Möglichkeiten waren hier wesentlich begrenzter als in Shanghai, wo man mit etwas Glück relativ schnell vermögend werden konnte. Dafür bestanden oberflächlich betrachtet in Tianjin keine Spannungen zwischen kleinen und gehobenen Angestellten, die von Firmen für eine begrenzte Dauer entsandt wurden. Überwiegend ließen sich Japaner nieder, die langfristig in der Stadt bleiben wollten. Gegenüber den Chinesen grenzten sie sich indes deutlich ab, wie Dryburg diskursanalytisch an Quellen aufzeigen kann. Diese wurden in imperialistischer Manier als irrational, unhygienisch und den Japanern in allen Belangen unterlegen empfunden. Dabei schwang auch die Angst mit, sich selbst langsam der eigenen Heimat zu entfremden. Trotzdem unterstützten die Japaner in Tianjin koloniale Projekt des Mutterlandes nicht vorbehaltslos. Gegenüber der politischen Linie der japanischen Armee gab es immer wieder Vorbehalte, wenngleich die Menschen sich von den Soldaten auch Schutz erhofften.

Dryburg vermag es gut, in biographischen Skizzen einzelner Siedler aufzuzeigen, dass die diese nicht einfach mit den politischen Ambitionen der Elite dieser Zeit ineinsgesetzt werden dürfen, sondern dass die imperiale Durchdringung Chinas ein vielschichtiges, teilweise widersprüchliches Unterfangen war. Tianjin ist dafür ein gutes Beispiel, weil die japanische Ansiedlung auf den ersten Blick sehr homogen erscheint, sich aber bei genauerem Hinsehen tiefe Brüche innerhalb der commmunity offenbaren. Daher ist der Artikel eine gute Veranschaulichung theoretischer Positionen postkolonialer Debatten und unterfüttert diese mit konkreten Fakten. Zudem wird die Realität des kolonialen Alltags nachvollziehbar.

CT