The Occupation Narrative of Ôe Kenzaburô

Hillenbrand, Margaret (2007): „Doppelgängers, Misogyny, and the San Francisco System: The Occupation Narrative of Ôe Kenzaburô“. In: Journal of Japanese Studies 33: 2. 383–414.

Die Dekonstruktion des Bildes von Literaturnobelpreisträger Ôe Kenzaburô als „left-wing conscience of postwar Japan“ steht im Mittelpunkt von Margaret Hillenbrands Aufsatz. Auf der Grundlage von fünf zeitlich und inhaltlich nahen Erzählungen geht sie besonders auf die Darstellung der weiblichen Figuren ein.

Die von Hillenbrand als „occupation narratives“ (385) zusammengefassten Erzählungen „Ningen no hitsuji“ (1958), „Miru mae ni tobe“ (1958), „Kuroi kawa, omoi kai“ (1958), „Kassai“ (1958) und „Warera no jidai“ (1959) greifen eine politisch symbolhafte Dreiecksbeziehung auf. Dieses Verhältnis zwischen einem jungen männlichen Protagonist mit einer älteren Prostituierten und deren ausländischen -meist amerikanischen- Freier endet für den Protagonisten mit einer Erschütterung seines Selbstbildes. Hillenbrand kommt zu dem Ergebnis, dass Ôe den männlichen Protagonisten als Opfer gegenüber einer weiblichen (Mit)Täterschaft als Kollaborateurin konstruiert. In der Festschreibung und Verurteilung der weiblichen Figuren als Sündenbock für ein kollaborierendes Verhalten stellt sie frauenfeindliche und reaktionäre Züge fest, die einem gängigen linksliberalen Ôe-Bild widersprechen. Sie schließt damit an Ergebnisse der Forschung an, die in den Werken Ôes einen diffusen nationalistisch-demokratischen Doppelcharakter zu erkennen meint.

Hillenbrand geht sowohl inhaltlich als auch sprachlich auf die Beschreibungen der Figuren ein, bei denen die Prostituierte als verzerrtes Bild einer Mutter und der Protagonist in einer kindlichen Rolle erscheint. Neben den Verweisen auf die Konstruktion einer klaren geschlechtlichen Hierarchie arbeitet sie auch die besondere Position der stereotypischen afro-amerikanischen Figuren in Ôes Erzählungen heraus.

Grundlegend für die Analyse sind für Hillenbrand zwei historische Elemente: Die (vergebliche) Widerstandsbewegung gegen die Revision des Amerikanisch-Japanischen Sicherheitsvertrages und die literarisch vielfach verarbeitete Figur der japanischen panpan-Prostituierten, die inoffiziell geduldet vor allem mit amerikanischem Militär verkehrte. Die literarische Verurteilung der Frauen sieht Hillenbrand als ein Ergebnis der moralischen und steigenden politischen Empörung Ôes: „secret erotic disgust […] takes precedence over a wholly admissible disgust with events in the politic realm“ (413).

Hillenbrand fasst die Erzählungen ausführlich zusammen und öffnet damit die Diskussion für interessierte Leser. Dabei ist ihre kritische Analyse sprachlich sehr anspruchsvoll, aber ausgesprochen lesenswert. Ihr Ansatz geht über eine spezielle Lesung der geschlechtsbezogenen Verzerrungseffekten (Gender Bias) von Ôes Erzählungen hinaus und zielt auf einen möglicherweise grundlegenden Trend in der literarischen Verarbeitung des Verhältnisses von Besatzern und Besetzten mit der dazwischen pendelnden Figur der Prostituierten.

PB