Fertility Politics in Italy

Krause, Elizabeth L./Marchesi, Milena (2007): “Fertility Politics as „Social Viagra“: Reproducing Boundaries, Social Cohesion, and Modernity in Italy”. In: American Anthropologist 109: 2. 350–362.

Italien ist noch vor Deutschland und Japan das Land mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt. In den Jahren 2003 und 2004 wurden vom Parlament zwei Gesetze verabschiedet, die sich mit diesen demographischen Änderungen befassen. Zum einen setzte die Regierung Berlusconi eine einmalige Bonuszahlung bei der Geburt eines zweiten oder weiteren Kindes von 1000 Euro durch, um Familien zu unterstützen. Zum anderen wurden die Regelungen für künstliche Befruchtung so verschärft, dass nur noch heterosexuelle Paare gemeinsam biologische Kinder zur Welt bringen können. Damit wurden nahezu gleichzeitig bessere Bedingungen zum Kinderkriegen geschaffen, aber auch die Fertilität einschränkenden Normen, unter denen das geschehen sollte, klar definiert. Krause und Marchesi haben die Diskussion um eine staatliche Familienpolitik und die entsprechende Gesetzgebung ethnographisch durch teilnehmende Beobachtung in Familienforen, Parteiveranstaltungen etc., Interviews und Diskursanalysen begleitet. Sie versuchen auf dieser Basis aufzuzeigen, welche Rolle die Selbsteinschätzung Italiens als moderne Nation für die Familienpolitik spielt. Der Kinderbonus versucht, Fertilität als staatliches Thema zu definieren und vorgeblich übergroße Bindungskräfte der Familie, die als Grund für Kinderarmut wahrgenommen werden, zugunsten einer neuen nationalen Kohäsion zurückzudrängen. Die Kleinfamilie erscheint damit als Fortsetzung der vormodernen italienischen Familie, die starke Sorge um das Wohlergehen der Kinder als Folge dieser partikularen Bindungskräfte. Das zweite Gesetz hingegen wurde in Italien weitestgehend als vom Vatikan beeinflusster Rückschritt in eine voraufgeklärte Zeit kritisiert. Verbunden damit wurden immer wieder Anspielungen auf den Islam wie die Bezeichung „Taliban-Gesetz“ vorgebracht, die durch ihre starke Dichotomisierung in Richtung eines Orientalismus wirken. Krause und Marchesi zeigen auf, dass das Metanarrativ der Moderne, entgegen anderslautender Aussagen der postmodernen Theoretiker, weiterhin höchst einflussreich ist und auch auf Seiten kritischer Feministinnen immer wieder unkritisch bedient wird. Der Aufsatz macht deutlich, wie  ethnographische Beschreibungen bei Problemen wie dem demographischen zu einer tieferen theoretischen Durchdringung beitragen können, wenngleich der rote Faden manchmal in zu vielen Anspielungen auf andere Autoren und deren Theorien untergeht.

CT