Jugendkriminalität

Yamanoha, Tsuyoshi (2007): “Shônen ni yoru kyôaku hanzai no rikai ni mukete [Hin zu einem besseren Verständnis von schwerer Jugendkriminalität]”. In: Seishônen Mondai 54: 627. 14–19.

Yamanoha stellt in seinem Aufsatz eine Klassifikation jugendlicher Schwerverbrecher vor, die im Rahmen einer im Jahr 2000 vom japanischen Familiengericht einberufenen Kommission entwickelt wurde. Die Klassifikation soll Rückschlüsse auf die Taten und deren Entstehung ermöglichen, um den Hintergrund schwerer Strafdelikte bei Jugendlichen besser einschätzen zu können und effektive Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Die Klassifikation wurde anhand von Informationen zu sozioökonomischen Hintergründen, Persönlichkeitsmerkmalen und devianten Karrieren von 25 jugendlichen Schwerverbrechern erstellt. Es werden drei Typen jugendlicher Delinquenz unterschieden. Typ A stammt aus zerrütteten und instabilen Familienverhältnissen, wächst größtenteils in Armut auf und hat als Folge eines von Gewalt geprägten Verhältnisses zu den Eltern ein negatives Selbstwertgefühl. Schon als Kind neigt Typ A zu Problemverhalten. Typ B hingegen wächst in einem stabilen familiären Umfeld auf und wirkt nach außen hin völlig unauffällig. Soziale Inkompetenz durch Isolation und Rückzug in virtuelle Welten (Typ B1) und massive Persönlichkeitsdefizite in Form von psychischen Störungen wie Schizophrenie und Wahnvorstellungen (Typ B2) sind hier dominant. Typ C schließlich wächst in einem stark von Leistungsdruck geprägten familiären Umfeld auf. Erfahrungen des Versagens und Scheiterns können von ihm nicht kompensiert werden und entladen sich in schwerer Delinquenz. Auffällig ist Yamanoha zufolge insgesamt, dass ein Großteil der untersuchten jugendlichen Schwerverbrecher zu sozialer Isolation neigt und sich ein komplexes Leben in virtuellen oder Traumwelten aufgebaut hat. Ziel neuer Maßnahmen zur Prävention von Delinquenz müsse es deshalb sein, die „Innenwelt“ der Jugendlichen zu ergründen.

Yamanohas Aufsatz und das von ihm kreierte Bild des jugendlichen Straftäters als „Rundum-Versager“ können als charakteristisch für die aktuelle Devianzforschung angesehen werden. Yamanoha konzentriert sich mit Hilfe der Klassifikation auf individuelle Defizite der Jugendlichen. Gesamtgesellschaftlicher Einflüsse als Faktoren für die Entstehung von Delinquenz lässt er dabei außer Acht, wodurch die Klassifikation  unzureichend erscheint. Insgesamt ist der Artikel durchaus lesenswert, ein kritischer Blick sollte jedoch beibehalten werden. Die Lektüre des Aufsatzes setzt fortgeschrittene Japanischkenntnisse voraus.

SO