Tsurumi Shunsuke and the Roots of Civic Mythology in Postwar Japan

Avenell, Simon (2008): “From the „People“ to the „Citizen“. Tsurumi Shunsuke and the Roots of Civic Mythology in Postwar Japan”. In: positions 16: 3. 711–742.

Die Proteste gegen den „Vertrag über gegenseitige Kooperation und Sicherheit“ zwischen Japan und den Vereinigten Staaten von Amerika, der 1960 unterzeichnet wurde, gelten gemeinhin als der Ursprung eines neuen bürgerlichen Bewusstseins in Japan. Der Begriff shimin (Bürger) fand damals, so die Verklärung der Protestbewegung, Eingang in die politische Arena und macht fortan Karriere in Kontexten wie der Zivilgesellschaft (shimin shakai). Avenell zeigt dagegen auf, dass die Wurzeln dieses Begriffs auf die direkte Nachkriegszeit zurückführbar sind. Durch diese Vorgeschichte sind auch einige der späteren Probleme in der Konzeption der Zivilgesellschaft erklärbar.

Ende der 1940er gründete der Philosoph Tsurumi Shunsuke mit seiner Schwester und einigen gleichgesinnten Intellektuellen, darunter z.B. Maruyama Masao, das Institute for the Science of Thought. Im Dunstkreis dieses Instituts entwickelte er seine Theorie der normalen Leute und des Alltagslebens. Die einfachen Menschen sollten auf Basis ihrer Alltagserfahrungen zur Stütze der neuen Demokratie werden, während sich die Intellektuellen zurückhalten sollten. Letztere hatten vor 1945 versagt, weil sie es nicht vermocht hatten, die Grauen des Faschismus zu verhindern, sondern sich im Gegenteil sogar allzu oft dem Staat andienten. Damit wollte Tsurumi auch sein eigenes Versagen als Intellektueller im Krieg aufarbeiten: Er war als Beamter zuständig für die Anwerbung und Versendung von Trostfrauen gewesen.

Aus heutiger Sicht ist etwas verstörend, dass auch die Nation (minzoku) eine wichtige Rolle im Entwurf von Tsurumi spielte. Doch wie Avenell (718) darlegt, hatten die Ideen von Tsurumi sowieso einige Schwächen aufzuweisen: „it was never entirely clear why the ethnic nation and everyday life were more qualified to underwrite democracy than academic knowledge or philosophy.“ Tsurumi und andere Mitglieder des Instituts entwickelten sich in den nächsten Jahrzehnten zu höchst einflussreichen Vordenkern alternativer linker Bürgerbewegungen. Das Lob des Alltagslebens führte aber auch zu Problemen. So konnten sich Bürgerbewegungen darauf berufen, zunächst ihren eigenen „Hinterhof“ gegen Großprojekte des Staates verteidigen zu wollen, ohne sich darum zu kümmern, ob diese dann an andere Stelle realisiert wurden. Der eigene Alltag konnte so jedenfalls verteidigt und gesichert werden.

Simon Avenell legt die Ursprünge der Zivilgesellschaft in Japan leicht nachvollziehbar dar. Eine Reihe konzeptioneller Probleme aktueller zivilgesellschaftlicher Akteure in Japan werden so verständlicher. Zudem bietet der Aufsatz eine Reihe von Anknüpfungspunkten für eigene Gedanken. Er eignet sich damit gut als historische Basislektüre für Haus- oder Bachelor-Arbeiten im Bereich der Zivilgesellschaft und sozialer Bewegungen.

CT