Die Spuren der japanischen Einwanderung in Brasilien

Arai-HirasakiArai, Jhony; Hirasaki, Cesar (2008): 100 anos da imigração japonesa no Brasil. Burajiru nihon imin no kiseki  [100 Jahre japanischer Einwanderung in Brasilien. Die Spuren der japanischen Einwanderung in Brasilien]. Imprensa Oficial: São Paulo. 284 Seiten. ~30 €. ISBN 8570606028.

 

 


Eine Reihe gespannter Gesichter. Dann kommt er in Sicht, und die Menschen schwenken Fahnen, applaudieren, winken. Wie einen Popstar begrüßen fast 25.000 Menschen den japanischen Kronprinzen Naruhito im Juni 2008 in São Paulo. Sein Besuch krönt die Feiern zum einhundertjährigen Jubiläum der japanischen Einwanderung nach Brasilien, die in vielen Veranstaltungen an die größte Gemeinschaft japanischer und japanischstämmiger Menschen außerhalb Japans erinnerten.

Erinnerung und ihre Konstruktion sind Bestandteile von kultur- wie sozialwissenschaftlicher Forschung, die sich ausgehend vom klassischen Konzept des kollektiven Gedächtnisses nach Maurice Halbwachs über die (zuerst antiken) Formen kulturellen Gedächtnisses nach Jan Assmann bis hin zu Pierre Noras modernen Orten der Erinnerung erstreckt. Das angesprochene Jubiläum wurde in Japan und Brasilien gefeiert und das meist an Gruppen oder Länder gebundene Konzept von Erinnerung erhielt so eine länderübergreifende, transnationale Dimension.

In Brasilien behandelte im Zuge des Jubiläums 2008 eine Reihe von Publikationen die Geschichte und Folgen der japanischen Einwanderung. Als Teil eines offiziellen Erinnerungsdiskurses, der von politischen wie zivilgesellschaftlichen Akteuren in Brasilien wesentlich bestimmt wurde, sticht das hier zu besprechende »100 anos da imigração japonesa no Brasil« (im folgenden »100 anos«) heraus. Das Buch entstand in Kooperation des offiziellen Organisationskomitees der Hundertjahrfeier mit der einflussreichen nikkei-Vereinigung Bunkyo und dem Verlag des Bundesstaates São Paulo. Den Stellenwert dieser Publikation als offizielles Medium der Erinnerung betonen auch die prominenten Vorworte des Gouverneurs des Bundesstaats, José Serra, sowie des Präsidenten des Organisationskomitees, Uehara Kokei. Verfasser sind die brasilianischen Journalisten Jhony Arai und Cesar Hirasaki, die im japanisch-brasilianischen Verlag JBC bereits zwei gemeinsame Bücher zur Geschichte der brasilianischen nikkei und dekasegi herausgegeben haben.

»100 anos« ist zweisprachig in Portugiesisch und japanischer Übersetzung verfasst und zeichnet in sechs Kapiteln chronologisch die Geschichte der japanischen Einwanderung nach Brasilien und die Re-Migration brasilianischstämmiger nikkei nach Japan nach. Die Erzählungen in den Kapiteln werden dabei von Fotostrecken und kurzen, anekdotenhaften Randnotizen ergänzt. Mit einem Anteil von etwa 70 großformatigen Fotoseiten ist »100 anos« eine bildreiche Dokumentation mit weitgehend unveröffentlichtem Material aus dem offiziellen Archiv des Museums der japanischen Einwanderung in São Paulo.

Beginnend mit der Ausgangssituation in Japan und Brasilien zu Beginn der offiziellen Einwanderung 1908 werden in Kapitel 1 (kôhî nôen he no tôchaku) die Überfahrt, die Ankunft und die Bedingungen auf den Kaffeeplantagen dargestellt. Im zweiten Kapitel (kaitakuchi no seikatsu) liegt der bildreiche Fokus auf den Erfahrungen zunehmend selbstständiger Siedlergruppen bei der Neulandgewinnung in verschiedenen Regionen Brasiliens (u.a. im Amazonasgebiet). Die veränderte politische Situation ab den 1930er Jahren und die Loyalitätskonflikte innerhalb der japanischen Gemeinde während des Zweiten Weltkriegs behandelt das dritte Kapitel (senzen senchû sengo no imin) relativ kurz. Weitaus ausführlicher widmen sich die Autoren der zunehmenden Integration der Eingewanderten in die brasilianische Gesellschaft der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre in Kapitel 4 (sokoku ni natta burajiru). Arai und Hirasaki zeigen das gewachsene Selbstbewusstsein der japanischen Gemeinde anhand vieler Beispiele zur sichtbaren Präsenz in Kunst, Kultur, Politik oder Wirtschaft. Im fünften Kapitel (dekasegitachi nihon he no kisan) wird der Fokus auf Japan gelegt und die Re-Migration der japanischstämmigen Brasilianer ab den 1990er Jahren beleuchtet. Die Autoren liefern hier einen kompakten, kenntnisreichen Überblick über klassische Aspekte der Lebens- und Arbeitsbedingungen, die sie um Themen wie Presse, Freizeitgestaltung und Kindererziehung erweitern. Im abschließenden sechsten Kapitel (hokorubeki isan) wird sehr kurz und mit lediglich geringem Informationsgehalt versucht, den Einfluss der japanischen Einwanderung auf das heutige brasilianische Alltagsleben darzustellen.

»100 anos« richtet sich inhaltlich wie sprachlich an ein nicht nur akademisch, sondern generell interessiertes brasilianisches wie japanisches Publikum. Es besticht durch eine klassische chronologische Struktur des Themas, ist in den Formulierungen ebenso präzise wie anspruchvoll und überzeugt mit seiner guten journalistischen Aufarbeitung besonders im vierten und fünften Kapitel. Deutlich wird auch, dass Arai und Hirasaki aktuelle Forschung zur japanischen Einwanderung sowie eigene Kenntnisse einfließen lassen. Ebenso beeindruckt die reiche Auswahl an Fotografien in sehr guter Auflösung, die es in dieser Form bisher kaum gegeben hat. Zudem rücken die Autoren in den Anekdoten sehr gelungen – teils humorvoll, teils nachdenklich – Ausschnitte der hundertjährigen Geschichte ins Rampenlicht.

Auch als vorwiegend journalistische Publikation mit wenigen Querverweisen, von denen man sich sicher mehr wünschen dürfte, offenbart »100 anos« ein Grundproblem der wissenschaftlichen Forschung zur japanischen Einwanderung in Brasilien: Die sehr gut dokumentierte frühe Phase (bis etwa 1930) nimmt auch hier einen größeren Stellenwert ein als die Brüche, Probleme und Kontroversen der Zwischen- und Nachkriegszeit. Feststellbar ist generell der Versuch einer Inszenierung der japanischen Einwanderung als Erfolgsgeschichte, ohne dass die Publikation zusätzliche Schwerpunkte setzen kann. Oberflächlich und ein wenig abstrus erscheint das abschließende Kapitel, in dem eine japanische Präsenz in Brasilien anhand einer oberflächlichen, hoch- bis populärkulturellen Mischung von Beispielen wie Ikebana, Cosplay, Massagetechniken, Origami oder japanischer Küche belegt werden soll.

Der Stellenwert von »100 anos« sollte wie kurz angesprochen auch aus dem Entstehungszeitpunkt heraus im Zusammenhang mit anderen Publikationen beurteilt werden. Hier befindet sich das Buch in durchaus gehobener Position, da es fundiert und kenntnisreich Geschichte aufarbeitet. Als Pluspunkt erweist sich die journalistische Ausrichtung der Autoren, die fesseln und faszinieren können. »100 anos« lässt sich mit Gewinn sowohl als journalistische Historiographie wie auch kritisch als Beispiel für Schwerpunkte des öffentlich geführten Diskurses über die japanische Einwanderung in Brasilien und deren Folgen für beide Länder lesen.

Peter Bernardi