Der Ise-Schrein

iseInoue, Shôichi (2009): Ise jingû. Miwaku no nihon kenchiku [Der Ise-Schrein. Ein faszinierendes japanisches Bauwerk.]. Kôdansha: Tôkyô. 556 Seiten. ~22€. ISBN 4062154927.

 

 

 

Ich muss gestehen, dass ich in diesem Jahr zum ersten Mal in meinem Leben den Ise-Schrein besucht habe. Es war eine interessante, aber zugleich verwirrende Erfahrung. Vor allem die Tatsache, dass seit über eintausend Jahren die Gebäude des Hauptschreins alle zwanzig Jahre erneuert und getreu dem alten wieder aufgebaut wurden, hat mich sehr beeindruckt. Ich fragte mich, ob dies vielleicht im Gegensatz zu vielen erfundenen eine echte Tradition darstellt?

Ein Grund dafür, dass ich es lange Zeit vermieden habe, diesen Schrein zu besuchen, lag sicherlich an der ideologischen Einbettung dieses Schreins in den Rahmen des Tennō-Kultes. Der Ise-Schrein ist der Hausschrein der Tennōfamilie und die zehntausendjährige Kontinuität dieses Hauses ist eng verknüpft mit dem immer gleich bleibenden Bau des Schreins. Bedeutet die Existenz dieses Schreins also eine tatsächlich vorhandene Traditionalität?

Diese und andere Fragen schossen während des Besuchs durch meinen Kopf, ließen mich aber auch in der Zeit danach nicht los.

Eine Antwort auf diese Art von Fragen schien das vorliegende Werk zu geben. Vor allem machte der Titel neugierig, klingt er doch wie der Titel eines Reiseführers, der das ‚Japanische’ dieses Schreins hervorhebt. Der Titel suggeriert eine affirmative Darstellung dieses Schreins nach konventioneller Manier und schöne Fotos, die die Authentizität des Japanischen unterstreichen. Doch diese Erwartung schwindet sogleich mit dem Namen des Autors, der bisher immer wieder die gängigen ästhetischen Vorstellungen des Japanischen dekonstruiert hat. Es geht nämlich hier nicht in erster Linie um den schintoistischen Schrein, sondern um überwiegend wissenschaftliche Diskurse um den Ise-Schrein seit dem 18. Jahrhundert. Hier erfährt der Leser sehr viel darüber, auf welche Weise die japanische Traditionalität, die immer wieder mit diesem Schrein verbunden zu sein scheint, im Laufe der Zeit aufgebaut und verbreitet wurde. Inoue zeigt die Konstruktion bzw. Erfindung des Japanischen u.a. durch die wissenschaftliche Disziplin Architekturgeschichte am Beispiel des Ise-Schreins.

Insgesamt sind die sieben Kapitel weitestgehend chronologisch angeordnet, wobei jedes Kapitel einen bestimmten Themenbereich fokussiert. So kann der Leser einerseits den diskursiven Verlauf über fast 300 Jahre nachverfolgen und erfährt andererseits etwas über die thematischen Schwerpunkte, die in diesem langjährigen Diskurs behandelt wurden. Die behandelten Themen sind so vielfältig, dass hier nur einige von ihnen vorgestellt werden können, wobei der Fluss der Argumentationen keineswegs unter dieser thematischen Vielfalt leidet. In der vorliegenden Rezension beschränke ich mich daher auf die Darstellung der groben argumentativen Züge. Inoue zeigt durch eine sorgfältige und kenntnisreiche Analyse des Diskurses um den Ise-Schrein, wie die Rede der authentisch japanischen Bauweise dieses Gebäudes bereits im 18. Jahrhundert einsetzt, wie diese im neu etablierten Wissenschaftszweig der Architekturgeschichte fortgeführt wurde und unsere Sichtweise zutiefst prägte, und nun erst in jüngster Zeit eine kritische Revision erfährt. Mit einem Wort: Inoue dekonstruiert in diesem Buch die Ursprünglichkeit des Japanischen, von der seit dem 18. Jahrhundert die Rede ist.

Im ersten Kapitel zeigt der Autor, dass im Japan des 18. Jahrhunderts ein durchaus rationales Denkmuster entstand, das für weitere Betrachtungen des Ise-Schreins weitreichende Folgen mit sich brachte: Man entdeckte in einem ländlichen Gebiet in der Nähe von Kyoto mehrere Bauernhäuser mit einer Dachkonstruktion, die für den Ise-Schrein kennzeichnend war. Diese Analogie wurde historisch so erklärt, dass gerade diese Dachkonstruktion in dem betreffenden ländlichen Gebiet und im Ise-Schrein von allen gängigen kulturellen Entwicklungen der Architektur unberührt geblieben sei und so die ursprünglichste Form, also die urjapanische Gebäudeform überliefert wurde. Hier beweist Inoue, dass der Diskurs um die ursprüngliche Form des Japanischen bereits im 18. Jahrhundert begann und keineswegs mit der Entstehung eines institutionalisierten Wissenschaftszweigs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden ist. Zum andern wird deutlich, dass die Frage nach dem ursprünglich Japanischen von Anfang an den Denkfehler einer „self-fulfilling prophecy“ enthielt. Auf der Suche nach dem Ursprünglichen imaginierte man dieses anhand der vorhandenen Gebäudemerkmale und entwarf das Bild einer fernen Vergangenheit, um das ursprünglich japanische Gebäude dann auch in der Geschichte zu finden.

Wie dieses Denkmuster in Japan mit der Etablierung des neuen Wissenschaftszweiges der Architekturgeschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Einfluss gewann und zum festen Bestandteil der japanischen Architekturgeschichte wurde, legt der Autor im zweiten Kapitel dar. Inoue macht hier deutlich, wie sich der Glauben etablierte, dass nur der Ise-Schrein im Gegensatz zu allen anderen alten Gebäuden, die ausnahmslos Elemente chinesischen Einflusses aufwiesen, die rein japanische Architekturform bewahrt hätte.

Besonderes Interesse erweckt das dritte Kapitel, in dem die „Entdeckung“ des Ise-Schreins von der westlichen Perspektive in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt wird. Hier ist der Hauptakteur der deutsche Architekt Bruno Taut, der neben dem Ise-Schrein vor allem der westlichen Öffentlichkeit den Katsura-Palast als eine ästhetische Sehenswürdigkeit vorstellte. Dies war wohl auch deshalb bemerkenswert, weil vor Taut kaum jemand je einen schintoistischen Schrein als ästhetisch wertvoll erachtet hatte und die schintoistische Architektur vor dieser Zeit einhellig als primitiv und ästhetisch unwürdig abgetan wurde. Der Autor schildert den Prozess dieses Wandels in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem das „Japanische“ allmählich als architektonische Schlichtheit im Gegensatz zum gängigen buddhistischen Stil gesehen wurde. Paradigmatisch für dieses „Japanische“ stand dann das Teehaus, dessen geistige Grundlage im Zen-Buddhismus gesehen wurde. Dies wurde wiederum von modernistischen Architekten als Grundlage für ihre Stilrichtung „entdeckt“, so dass sowohl internationale als auch inländische Diskurse um die japanische Architektur entstanden, in denen die Besonderheit des Japanischen immer wieder Thema war.

Der Autor zeigt in den darauf folgenden Kapiteln, dass mit dieser Erfindung des Japanischen im Grunde zugleich eine Verengung der wissenschaftlichen Perspektive auf die Architekturgeschichte einherging. Die Suche nach dem Ursprung des rein-japanischen Architekturstils wurde nur auf die Gebiete innerhalb nationalstaatlicher Grenzen beschränkt, obwohl durch archäologische Forschung eindeutige Zusammenhänge mit anderen asiatischen Gebieten aufgewiesen wurden. Diese Selbstbeschränkung geht mit der ideologischen Überhöhung des Japanischen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts einher, für die der Ise-Schrein wiederum als paradigmatisches Beispiel für die Reinheit der japanischen Kontinuität stand und die selbst nach 1945 innerhalb der Architekturgeschichte nicht revidiert wurde. Auch in der Nachkriegszeit bestand das Interesse nach wie vor fort, den Ursprung des japanischen Stils festzulegen. So beschränkte sich die Perspektive in der Diskussion auf die Frage, ob dieser Stil, wie schon vorher angenommen, seinen Ursprung aus der religiösen Bestimmung des Gebäudes oder seiner Funktion als Speicher her stammte.

Schließlich wird im siebten und letzten Kapitel der erst in den 1990er Jahren einsetzende Perspektivenwechsel und auch die Frage nach dem Ursprung von Ost- und Südostasien im breiteren Kontext thematisiert. Der Autor verweist hier ausdrücklich auf die Schwierigkeiten, mit der diese neue Perspektive zu kämpfen hatte, da nach wie vor der Wunsch, die Reinheit des Japanischen nachzuweisen und bewahren zu wollen, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Bevölkerung stark vorhanden zu sein scheint.

Insgesamt liegt mit diesem Werk von Inoue eine höchst spannende und lesenswerte Untersuchung zur Konstruktion des „Japanischen“ vor. Die Perspektive, die der Autor in diesem Werk vertritt, geht über die viel diskutierte „Erfindung der Tradition“ hinaus. Denn der Ise-Schrein als Gebäude ist in der Tat keine Erfindung. Dieses Buch zeigt genau, wie die konkrete Erscheinung aber, verbunden mit den jeweiligen zeithistorischen Diskursen, sehr wohl einen Erfindungscharakter annehmen kann. Aufgrund dieser laufenden Diskurse werden bestimmte Bedeutungen von Einzelnen der Erscheinung des Ise-Schreins zugeschrieben und auf dieser Grundlage findet eine Interpretation der zugeschriebenen Bedeutung statt. Auch methodisch ist diese Abhandlung ein gelungenes Beispiel für die Möglichkeiten der Diskursanalyse. Alle interessanten Details hier aufzuzählen, wäre unmöglich. Es bleibt also nichts anderes übrig, als Inoues Buch tatsächlich zu lesen.

 SHS – Shingo Shimada