Übersetzung des Romans GO!

goKaneshiro, Kazuki (2011; Japan: 2000): GO! [Übersetzung: Nora Bierich] Cass: Löhne. 208 Seiten. 17,80 €. ISBN 9783980902250.

 

 

 

 

Die Literatur der koreanischen Minderheit in Japan, die sogenannte zainichi bungaku (Literatur der in Japan ansässigen Koreaner)1, ist außerhalb Japans leider noch wenig bekannt, obwohl japankoreanische Autoren schon mehrfach den bedeutendsten Literaturpreis Japans gewonnen haben (Akutagawa-Preis: 1971 Lee Hoesung, 1988 Lee Yang-ji, 1996 Yû Miri, 2000 Gen Getsu). Auch die Verfilmung des erfolgreichen Romans GO! wurde mit dem gleichnamigen Titel 2002 auf der Berlinale gezeigt und danach im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, aber Literaturübersetzungen in das Englische sind nur spärlich vorhanden. In das Deutsche wurden bisher erst einige Kurzgeschichten japankoreanischer Autoren und ein Roman der japankoreanischen Schriftstellerin Yû Miri übersetzt (Goldrush, 2010). Die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung des bereits 2000 in Japan erschienen Romans GO! des Japankoreaners Kaneshiro Kazuki ist somit sehr zu begrüßen.

GO! ist (vordergründig) die Liebesgeschichte zwischen Sugihara und Sakurai. Ein Zitat aus Romeo und Julia, das dem Roman vorangestellt ist, zeigt schon auf, dass es sich um eine Liebe handelt, der viele Hindernisse gegenüberstehen, auch wenn dies sich weniger dramatisch gestaltet als bei Shakespeare. Sugihara und Sakurai entstammen keinen verfeindeten Familien, aber Sugihara ist Nachkomme koreanischer Einwanderer – sein eigentlicher Name ist Lee Chong-ho. Sakurai hingegen ist Japanerin.

Dass es in Japan eine koreanische Minderheit gibt, liegt im japanischen Imperialismus begründet. Als Japan Korea 1910 annektierte, wurden die Koreaner formal japanische Staatsbürger, wenn auch nur zweiter Klasse. Es begann eine Phase der Arbeitsmigration koreanischer Einwanderer nach Japan, wobei es später auch die Verschleppung von Koreanern nach Japan zur Zwangsarbeit gab. Mit dem Friedensvertrag von San Francisco von 1951 verloren die in Japan verbliebenen Koreaner (ca. 650 000 von 2 400 000) ihren Staatsbürgerstatus und wurden wieder zu Ausländern. Die koreanische Gemeinde in Japan vollzog die Teilung Koreas mit und ihre Mitglieder mussten zwischen nord- und südkoreanischer Staatsbürgerschaft wählen. Durch ihren Ausländerstatus werden sie Opfer verschiedener Formen von Diskriminierung und waren zum Beispiel bis Anfang der 1990er Jahre verpflichtet, für die Alien Registration Card ihre Fingerabdrücke nehmen zu lassen. Negativ auf die Berufschancen junger Japankoreaner wirkt sich aus, dass es nicht ohne weiteres möglich ist, mit dem Abschluss einer koreanischen Schulen an einer japanischen Universität aufgenommen zu werden. Auch war es für Angehörige der nordkoreanischen Staatsangehörigkeit schwierig ins Ausland zu reisen, wegen fehlender Abkommen zwischen Nordkorea und anderen Staaten inklusive Japan (Zur Situation der koreanischen Minderheit in Japan siehe auch Gohl 1976 und Field 2004).

Wie sich Diskriminierung auch im Privat- und Liebesleben Jugendlicher auswirkt, zeigt Kaneshiro in GO! anhand der Beziehung zwischen dem japankoreanischen Jungen Sugihara und dem japanischen Mädchen Sakurai. Der Protagonist Sugihara, der nicht lange zuvor von einer koreanischen Schule auf eine japanische Oberschule wechselte und dort einen japanischen Alias-Namen benutzt, verheimlicht Sakurai deshalb auch seine Abstammung, obwohl er ansonsten die Relevanz solcher Kategorisierungen wie Nationalität und Ethnizität geradezu genüsslich dekonstruiert:

„Eigentlich ist Staatsbürgerschaft so etwas wie ein Mietvertrag“, sagte ich. „Wenn einem die Wohnung nicht mehr gefällt, löst man den Vertrag eben auf.“ (S. 82)

So wechselt zu Beginn des Romans seine Familie von der nordkoreanischen Staatsangehörigkeit zur südkoreanischen – für eine Hawaii-Reise. Dies gibt Sugihara die Möglichkeit aus dem engen Kreis der koreanischen Schule und den damit verbundenen eingeschränkten Zukunftsaussichten auszubrechen. Doch damit beginnen die Probleme für Sugihara erst. Die Lehrer an seiner alten Schule nennen ihn einen „Volksverräter“ (S. 66), er verliert den Kontakt zu fast allen seinen koreanischen Freunden und ist auch an der japanischen Schule isoliert, nachdem dort seine Abstammung bekannt wurde. Ihm haftet das Image eines Schlägertyps an und immer wieder wird er von anderen Schülern seiner Schule herausgefordert, die sich beweisen wollen. Auf einer Party trifft er Sakurai, die auf eine andere Schule geht und von alledem nichts weiß. Sugihara fühlt sich sofort zu der exzentrischen Sakurai hingezogen. Als er ihr schließlich doch die Wahrheit gesteht, wird ihre Beziehung auf die Probe gestellt.

Mit dem Roman klärt Kaneshiro, der selbst auch Japankoreaner der zweiten Generation ist, auf humorvolle Weise über die Problematik der in Japan lebenden Koreaner, deren Lebensrealität und Geschichte auf. Kaneshiro will Jugendlichen, die in einer ähnlichen Situation wie Sugihara sind, helfen. Deshalb schafft er mit Sugihara eine Figur mit hohem Identifikationspotential für japankoreanische (männliche) Jugendliche. Sugihara ist gebildet, sportlich, witzig und selbstbewusst. Dies ist eine bewusste Abkehr von den oft sehr düsteren Werken der früheren zainichi bungaku, deren Protagonisten der Diskriminierung meist hilflos ausgesetzt sind und ihre japankoreanische Identität als konfliktbeladen sehen. In einem Interview kritisiert der Autor die bisherige zainichi bungaku deswegen auch als nicht genügend lösungsorientiert und zu düster (vgl. Iwata-Weickgenannt 2002:1-2). Kritisch zu sehen ist hier jedoch, dass die Lösung des Konfliktes zu sehr auf körperlicher Stärke beruht. Wer schwach und ungebildet ist, hat keine Chance sich zu behaupten. Die ausgedehnten Gewaltdarstellungen laufen Gefahr, gängige Stereotype über gewalttätige Koreaner zu bestätigen.

Die Übersetzung ist nah am japanischen Text. Dies mag teilweise etwas sperrig wirken, aber dennoch gelingt es Nora Bierich gut, den lockeren Tonfall des Originals ins Deutsche zu übertragen. Es handelt sich bei GO! um ein Jugendbuch, das aber auch für erwachsene Leser ohne weiteres lesenswert ist. Für den Unterricht ist es insofern interessant, als es – vielleicht einprägsamer als ein wissenschaftlicher Aufsatz – gelungen den Mythos der Homogenität der japanischen Nation demontiert.

SKL – Stephanie Klasen

 

Quellen:

Field, Norma (2004):  „Beyond Envy, Boredom and Suffering. Toward an emancipatory politics for Resident Koreans and other Japanese”. In: Michael Weiner (Hrsg.): Race, Ethnicity and Migration in Modern Japan,Vol. II: Indigenous and Colonial Others. London, New York: Routledge Curzon, S. 193-218.

Gohl, Gerhard (1976): Die koreanische Minderheit in Japan als Fall einer „politisch-ethnischen“ Minderheitengruppe. Wiesbaden: Otto Harrassowitz.

Iwata-Weickgenannt, Kristina (2002):  „Shakespeares Rose, Kaneshiros Löwe. Das Ringen um Anerkennung als Individuum im Roman und in der Verfilmung „Go“ des koreanischstämmigen Autors Kaneshiro Kazuki“. In: Horres, Robert (Hg.) Referate des 12. Deutschsprachigen Japanologentags, 2002 in Bonn Bd. IV: Literatur. Bonn: Bier’sche Verlagsanstalt (in Vorbereitung).


1 Der Ausdruck zainichi bedeutet „sich in Japan befinden“. Es steht als Abkürzung für zainichi chôsenjin (in Japan befindliche Nordkoreaner“ oder zainichi kankokujin („in Japan befindliche Südkoreaner“). Die Bezeichnung ist im allgemeinen Sprachgebrauch verbreitet, wirkt aber diskriminierend, da sie einen nur temporären Aufenthalt in Japan impliziert und die Japankoreaner auf eine Position außerhalb der japanischen Gesellschaft festlegt.