Übersetzung: Texte von Isozaki Arata

IsozakiIsozaki, Arata (2011): Welten und Gegenwelten. transcript: Bielefeld. 194 Seiten. 21,80€. ISBN 9783837611168.

 

 

 

„Mit ihrem Gewimmel und Getümmel scheint uns die große Stadt das Leben selbst zu sein. Doch wir alle wissen, dass sie beständig den Tod in sich trägt.“

Stadt ist für den Architekten Isozaki Arata mehr als eine Ansammlung von Häusern, Architektur mehr als das Planen und Konstruieren eines Gebäudes. In Isozakis Schriften, von denen jetzt eine Auswahl in Übersetzung im transcript-Verlag erschienen ist, zeigt sich eine sehr tiefe Reflexion dessen, was Raum, Kultur und Architektur verbindet, wie sich geschichtliche Zäsuren auf unser Raum- und Architekturverständnis auswirken und welche Auswirkungen das Zeitalter des Internet auf das Leben in Städten haben wird.

Isozaki Arata ist einer der weltweit berühmtesten Architekten. Er hat Bauwerke wie das Museum of Contempoary Art in Los Angeles, den Mito Art Tower, das Himalayas Center in Shanghai und Teile des Potsdamer Platzes geschaffen. Ebenso spannend wie seine fertigen Gebäude, die man besichtigen und betreten kann, sind seine ungebauten Konstrukte, die nur auf dem Papier existieren. Das Prinzip „Unbuilt“ spielt eine zentrale Rolle in Isozakis Schaffen, denn durch die Realisierung verlieren Projekte für ihn ihren utopischen Charakter. Vor allem in den 1960er Jahren waren es gerade die Utopien, die Isozaki besonders faszinierten. Er entwarf „urbane Wälder“, die Tokyo in die Vertikale erweitern sollten, gigantische Visionen, die für ihn aber immer auch schon deren zukünftige Zerstörung und Zerfall mit einschlossen. Isozakis Architektur kreiste um die Ruinen, die sich im 2. Weltkrieg in sein Gedächtnis eingebrannt haben und die Leerstellen, die diese bilden. Isozakis Konzept in den 1960er Jahren lautete: „Ruinen liegen in der Zukunft unserer Stadt, die Stadt der Zukunft liegt in Ruinen.“

Neben den Ruinen des 2. Weltkrieges sind es unter anderem die Studentenrevolten, der Fall der Berliner Mauer und der 11. September 2001, die Isozaki als wichtige Punkte in der Entwicklung der modernen Architektur ausmacht. In seinen Schriften gewährt er auch sehr persönliche Einblicke, zum Beispiel in die Gefühle, die ihn beim Entwurf der Festival Plaza für die Expo 1970 in Osaka überkamen und schließlich zum Zusammenbruch führten: Er hatte über fünf Jahre mit Zweifeln gekämpft, weil er das Empfinden hatte, für die Staatsmacht und für das Establishment zu arbeiten, was eigentlich gegen seine Grundsätze war. Auch sein Entwurf für das Stadtzentrum der Wissenschaftsstadt Tsukuba bereitete ihm Probleme, weil er sich der politischen Bedeutung des Projektes sehr bewusst war: „Meine Bedenken hinsichtlich der Wahl eines Stils kamen nicht von ungefähr, denn mir war klar geworden, dass Japan als Nation symbolisiert werden sollte.“

„Sind Städte nicht bloß abstrakte Ideen? Nichts als mentale Bilder, die von Bürgern aufgrund wechselseitiger Vereinbarung für ihre praktischen Zwecke aufgebaut wurden?“

Isozaki beschäftigt sich in seinem Werk viel mit der Virtualität von Städten und wie diese durch die Menschen, die sich darin bewegen, erst entstehen. Durch die Vermessung, technische Erfassung und Ausstattung der Städte werden diese nach Isozaki zu einer „Stadttextur“, einem Raum, der bestimmt ist durch immaterielle Codes, die entschlüsselt werden wollen. Die Stadt wird immer mehr aufgeladen mit Botschaften, ist angefüllt mit Unsichtbarem. Diese Gedanken, 1967 formuliert, sind heute aktueller denn je. Städte werden durch Dienste wie Google Maps und Street View, durch Navigationsgeräte und Smart Phones heute ganz anders durchschritten und wahrgenommen. Isozakis Texte regen dazu an, darüber nachzudenken, was diese veränderte Erfahrung des Raumes für unser Leben bedeuten kann.

Sehr interessant ist auch der Aufsatz, in dem sich Isozaki mit dem Begriff ma beschäftigt, der einen Zwischenraum beschreibt und sowohl auf Raum als auch auf Zeit bezogen sein kann. Anhand des Begriffes ma versucht Isozaki aufzuzeigen, wie sich das Verständnis von Raum und Zeit in Japan historisch anders verhalten hat als im westlichen, von Descartes geprägten Denken. Ebenso beschäftigt sich der Architekt in seinem theoretischen Werk mit den Auswirkungen der Globalisierung, die für ihn allerdings nicht gleichbedeutend mit einer Homogenisierung ist: „Schon bei kleinsten Erschütterungen treten Brüche und Risse auf und es entstehen Inseln, die sich voneinander unterscheiden und nebeneinander existieren. In ihrer Unverwechselbarkeit werden sie zu Ikonen.“

Neben kulturkritischen Essays beinhalten Isozakis Schriften auch literarische Verarbeitungen seiner Thesen, wie zum Beispiel die satirische Kurzgeschichte „Institut für Stadtzerstörung GmbH“. Der transcript-Verlag hat eine schöne Auswahl von neun Texten zusammengestellt und den drei Themenkreisen „Reale und virtuelle Ruinen“, „Architektur und Stadt“ und „Raum und Zeit“ zugeordnet. Isozakis Aratas Texte sind auch für Architekturlaien eine lohnenswerte Lektüre, da sie Gebäude immer in ihrem kulturellen Kontext sehen und zum Nachdenken, unter anderem über die Entwicklung des städtischen Raumes, das Zusammenleben mit anderen Menschen und Kunst anregen.

Elisabeth Scherer