Alter: unbekannt – Über die Vielfalt des Älterwerdens

UMS1506sotheKollewe.inddKollewe, Carolin; Schenkel, Elmar [Hrsg.] (2011): Alter: unbekannt. Über die Vielfalt des Älterwerdens. Internationale Perspektiven. Bielefeld: Transcript. 29,80 €, ISBN 978-3-8376-1506-7.

 

 

 

Der Band „Alter: unbekannt“ versammelt Aufsätze, die auf Vorträgen bei einer Ringvorlesung basieren. Die öffentliche Vorlesungsreihe begleitete die Ausstellung „FaltenReich: Vom Älterwerden in der Welt“ des Leipziger GRASSI Museums für Völkerkunde im Jahr 2009. Obwohl die Frage der gesellschaftlichen Alterung inzwischen breit diskutiert wird, sei der zugrundeliegende Begriff des Alters selbst immer noch schwammig, konstatiert die Mitherausgeberin Carolin Kollewe im Vorwort. Deswegen versucht sich der Band daran, durch ein sehr interdisziplinäres Spektrum von Beiträgen zur Klärung beizutragen. In drei Teilen werden verschiedene Aspekte des Alterns untersucht. Zunächst sind dies die Alternsbilder. Im zweiten Teil werden alternde Gesellschaft weltweit vorgestellt, um Vergleiche zu Deutschland zu ermöglichen. Abschließend sind es alternde Körper die in den Mittelpunkt gerückt werden.

Der erste Teil wird durch einen sehr kurzen Text des Philosophen Christoph Türcke eingeleitet. Türcke fragt, warum alte Bauwerke und Ruinen bewundert werden, während bei Menschen Alter negativ besetzt ist. Er kommt zu dem Schluss, dass in der Renaissance der Vergleich zwischen Bauruinen und alten Menschen sehr offenkundig thematisiert worden sei und durchaus nicht zum Nachteil letzterer. Im zweiten Aufsatz konstatiert die Sozialwissenschaftlerin Herrad Schenk konstatiert, dass sich das Altersbild wandele und positiver besetzt sei. Das ist nur konsequent, sind doch die Generationsbeziehungen ebenso wie die Situation der Alten in der Gesellschaft an sich sehr gut. Allerdings trifft dies nicht auf alle Alten zu. Schenk folgend sind viele alte Menschen zwar in der Lage, die Freiräume des Alters zu nutzen. Doch es gibt auch viele Alte mit Handicaps, die eben kaum von der Freiheit des Alters profitieren. Die Literaturwissenschaftlerin Ilse Nagelschmidt nähert sich dem Thema über einen klassischen Text der Alternsforschung, Simon de Beauvoirs „Das Alter“, bezieht dabei aber auch eine Reihe anderer Texte Beauvoirs ein, um die Vielschichtigkeit ihrer Argumentation plastischer zu machen. Der Aufsatz der Theaterwissenschaftlerin Veronika Darian über den Umgang mit Altern auf der Theaterbühne und im Tanz schließt den ersten Teil ab. Allerdings kommt Darian nicht über eine bloße Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen Stücken und Inszenierungen hinaus. Es ist kaum zu erkennen, was der Artikel aussagen will. Das gilt weniger für die anderen drei Texte, die oft sehr pointiert sind und interessante Gedanken einbringen – wenngleich diese auch nicht immer allzu neu sind. Sehr auffällig ist, dass alle Aufsätze auf Vorträgen basieren. Zeigt sich das in den Pointen positiv, würde man sich doch oft – so gerade bei Schenk – wünschen, dass die diskursive Verankerung von Begriffen und Konzepten etwas deutlicher herausgearbeitet würde. Gerade für nicht intensiv mit der Materie vertraute Leser ist es deshalb schwer, nachzuvollziehen, worauf sich die Texte stützen. Besonders anstrengend ist die mangelnde Nachbearbeitung der Vortragsmanuskripte für den Leser aber vor allem dann, wenn wie bei Nagelschmidt typische Vortragsfloskeln („Lassen Sie mich jetzt …“, S. 47) verwendet werden.

Ganz im Gegensatz zum ersten Teil sind die Aufsätze des zweiten Teils sehr faktenorientiert. Die fünf Texte stellen alternde Gesellschaften in verschiedenen Teilen der Welt vor bzw. fragen in einem Fall nach der Situation von Migranten in Deutschland. Zwar lässt sich so die Situation in Deutschland besser einordnen, doch manche der Texte spannen den Bogen des (impliziten) Vergleichs doch sehr weit. Peter van Eeuwijk schreibt z.B. über die Situation von Alten in Indonesien und Tansania. Dabei wird der Leser nicht nur mit Details überfrachtet, es bleibt auch ungeklärt, worin der Vorteil liegen soll, gerade Tansania und Indonesien gemeinsam in einem Text abzuhandeln. Einzig die Kästen, die grundlegende Trends in beiden Ländern kurz skizzieren, verschaffen einen besseren Überblick, sind allerdings auch sehr verallgemeinernd. Harald Künemund und Nele Marie Tschanus konterkarieren van Eeuwijks Analysen zudem in ihrem anschließenden Aufsatz geradezu. Dachte man gerade noch, alles über alte Menschen in Tansania zu wissen, machen die beiden Autoren deutlich, dass die Datenlage doch sehr dünn ist. Damit stellt sich die Frage, warum sie Deutschland und Tansania gegenüberstellen. Der längere Teil zu Deutschland ist überzeugend und spielt die Stärken des ethnologischen Blicks auf die eigene Gesellschaft sehr gut aus. Tansania kann dann allerdings aufgrund der dünnen Beschreibung kaum zur Erhellung beitragen. Ganz andere Probleme ergeben sich bei Haci-Halil Usculans Frage, wie die Generationenbeziehungen in türkischen Migrantenfamilien beeinflusst werden. In dieser Konstellation übernehmen oft auch die Eltern von den Jungen Werte, weil diese die umgebende deutsche Gesellschaft besser kennen und sprachlich verstehen. Leider verliert sich diese spannende Frage im Text und es geht vor allem um die Erziehungsproblematik in muslimischen Familien zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Uculans Ausführungen dazu sind durchaus von Interesse, tragen aber sehr wenig dazu bei, den schwammigen Begriff des Alters in diesem Kontext zu klären. Im Gegensatz zu Usculan schafft Renate Krieg es, mit ihrem Beitrag über die gesellschaftliche Alterung in China, den Fragen des Bandes gerecht zu werden. Als Folge der politischen Umwälzungen ist es nicht einfach, auf die gleichzeitigen demographischen Veränderungen zu reagieren. Besonders zwischen Stadt und Land herrschen große Unterschiede. Dabei wird inzwischen zwar wieder die konfuzianische Pflicht der Kinder propagiert, für ihre Eltern zu sorgen, doch in der Realität haben viele Alte in der Übergangsphase ernsthafte Probleme. Abgeschlosssen wird der zweite Teil von einer Beschreibung der Lage in Mexiko durch die Mitherausgeberin Carolin Kollewe. Kollewe diskutiert erst die allgemeine Entwicklung in Mexiko, um dann mit ethnographischem Material gut nachvollziehbar aufzuzeigen, welche Konsequenzen die zunehmende Alterung hat. In den ärmeren Regionen des Landes können die Menschen in mittleren Jahren kaum Ressourcen für später aufsparen. Die Armut setzt sich so im Alter fort und der durchaus auch befreiende Aspekt von Alter in Deutschland ist unter diesen Umständen nicht vorhanden

Im abschließenden dritten Teil befassen sich vier Artikel mit alternden Körpern. Jutta Buchner-Fuhs hat dazu geforscht, wie alte Menschen Fitnessstudios und Friseursalons bewerten, also Orte, die dem Schönheitshandeln dienen. Sie macht deutlich, wie sich mediale Schönheitskonstruktionen auswirken und die Vorstellung vom alten Körper bestimmen. Das schlägt sich auch in einer normativen Darstellung des guten Körpergefühls im Alter wieder. Dazu stellt sie ein Interview mit einem Paar vor, das seine Wahrnehmung zu diesem Themenkomplex darlegt. Auch Vera Bamler wählt den Weg, über ein konkretes Interview Zusammenhänge zu verdeutlichen. Sie schreibt über Sexualität im Alter und legt zunächst sehr plausibel dar, dass viele Forschungsergebnisse zu wenig berücksichtigen, aus welcher Generation die Befragten stammen und wie sie im Hinblick auf Sexualität sozialisiert wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass Frauen im Alter scheinbar weniger Interesse an Sexualität zeigen, da sie schlichtweg in Zeiten aufgewachsen sind, in denen weibliche Sexualität restriktiv gehandhabt wurde. Im Interview wird dagegen eine Frau vorgestellt, die durch eine andere Erfahrung von Sexualität in jüngeren Jahren eben auch Vorstellungen äußert, die sich nicht mit gesellschaftlichen Stereotypen von Sexualität und Alter decken.  Andreas Kruse wendet sich danach der Frage von „Offenheit, Generativität und Integrität“ zu – so der Titel des Aufsatzes. Zunächst versucht er theoretisch, dann mit dem Beispiel des alten Johann Sebastian Bach zu diskutieren, welche Entwicklungsmöglichkeiten auch und gerade im Alter gegeben sind, unter der Voraussetzung der Offenheit. Der Artikel ist allerdings nicht unbedingt leicht verständlich und trotz des Beispiels eher unanschaulich. Zum Abschluss des Bandes stellt Ortrun Rina humangenetische Diskurse und die positive Betonung der Jugend zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Entsprechungen zum Beginn des 21. gegenüber. Bei allen interessanten Parallelen schließt dieser Aufsatz wieder stark an die ersten des Bandes an. Das Manuskript des Vortrages scheint nur leicht bearbeitet in das Buch übernommen worden zu sein. So sind die Gedanken von Rina zwar anregend, verbleiben aber stark an der Oberfläche.

Insgesamt spricht der Band „Alter: unbekannt“ zwar viele interessante Fragen an. Besonders der Blick über den Tellerrand nach Mexiko, China oder Tansania ist bereichernd. Viele Gedanken lassen sich jedoch nur schwer nachverfolgen, da sie Vortragsmanuskripten entstammen und für das Buch nicht tiefer fundiert wurden. Wer anregende Ideen für eine Hausarbeit braucht, kann aus diesem Buch einiges herausziehen, wer aber vertiefent in das Thema einsteigen will, wird nur wenige Aufsätze hilfreich finden und sich oft etwas alleine gelassen fühlen.

CT – Christian Tagsold