Japan. Fukushima. Und Wir.

japan_fukushima_und_wirZöllner, Reinhard (2011): Japan. Fukushima. Und Wir. Zelebranten einer nuklearen Erdbebenkatastrophe. Iudicium: München. 164 Seiten. Ca. 14€. ISBN 978-3-86205-311-7.

 

 

 

Die vom Großen Ostjapanischen Beben (higashinihon daishinsai) am 11. März 2011 ausgehende und die Region auf noch unbestimmte Zeit beschäftigende Dreifachkatastrophe bestehend aus Erdbeben, Tsunami und AKW-Unfall ist kaum ein halbes Jahr alt, da ist in den deutschen Medien nur noch vereinzelt von Millisievertzahlen und ums politische oder wirtschaftliche Überleben kämpfenden Verantwortlichen zu lesen. Der vermeintliche Untergang der Welt – und wenn nicht der Welt, dann zumindest von Teilen der japanischen Hauptinsel – steht vorerst nicht mehr zur Debatte. Dennoch scheint „Fukushima“ zu einem Schlagwort, zu einem geladenen Begriff geworden zu sein, dessen mediale Nutzung in einer Reihe mit „Tschernobyl“ oder „Hiroshima“ das Verständnis der überprüfbaren Hintergründe erschwert oder sogar ausblendet. Dies nimmt Reinhard Zöllner in seiner Verantwortlichkeit als Historiker und Japanologe an der Universität Bonn (vgl. S. 7) zum Anlass dem Thema Fukushima das erste deutschsprachige Buch zu widmen.[1]

In „Japan. Fukushima. Und Wir“ möchte er dabei über eine bloße chronologische Darstellung der Ereignisse sowie der eigenen Erfahrungen derselben herausgehen. Daneben gibt er einen Überblick über das Naturphänomen der bebenden japanischen Erde und führt in die Geschichte der Energie- vor allem Nuklearwirtschaft Japans ein. Zudem thematisiert er die mediale Berichterstattung in Deutschland und zuvor noch die mediale Aufnahme von Thematiken wie Erdbeben, Atomunfall oder Weltuntergangsszenarien in der japanischen Populärkultur. Für letzteres Vorhaben zieht er Beispiele aus über 50 Jahren japanischer Film- und Literaturgeschichte heran.

Dies alles auf circa 150 Seiten ausgewogen und mit einer Vielzahl an Bildern und Grafiken abzudecken, ist kein leichtes Unterfangen. An dieser Stelle ist es daher vielleicht sinnvoll anzumerken, dass Zöllner entgegen seiner Profession nicht an ein (ausschließlich) wissenschaftliches, sondern an ein breiteres Publikum schreibt. Sein Ziel ist es dabei, zu erreichen, dass – dem Titel entsprechend – „Japan, Fukushima und wir […] zu einem Thema konvergieren“ (S. 8), dass japanische Opfer zu „unsere[n] Opfern“ (ebd.) werden. In der Folge soll sein Buch auch an diesem Vorhaben gemessen werden.

Den Anfang macht eine circa 40-seitige Chronologie mit dem Titel „Eine Woche im März“, die den Ablauf und die direkten Folgen von Erdbeben, Tsunami, Nachbeben und den AKW-Unfällen, die Zöllner in Japan selbst erlebt hat, faktisch, übersichtlich und gut leserlich beschreibt. Hierbei kommen auch die persönlichen Perspektiven von Reinhard Zöllner sowie seiner Tochter Erika Zöllner, wobei die packende Darstellung der Tochter ein wenig im Kontrast zu dem selbstironisch wirkenden Bericht des Vaters steht.

Im zweiten Teil des Buches beschreibt Zöllner die Plattentektonik der Erde und erklärt, warum Japan zu einer ersten „Spielwiese der Seismologie“ (S. 54) wurde. In der Folge stellt er dar, wie sich die Seismologie ab dem 19. Jahrhundert über japanische und ausländische Forschung in Japan weiterentwickelte. Dabei betont er im Besonderen wissenschaftliche und später unternehmerische Partnerschaften zwischen Deutschland und Japan. An anderer Stelle geht er dann über diese bilaterale Verbundenheit hinaus und erkennt, dass „sie [die Seismologie] transnational war [. W]ichtige Vorgänge in der Erdkruste ließen sich nicht an nationalen Grenzen verbergen. Sie waren Sache der Weltgemeinschaft“ (S. 56).

Dazu verweist Zöllner auf die Forschung von deutschen wie japanischen Experten: Rolf Schick, ehemals Professor für Geophysik an der Universität Stuttgart, definiert Erdbeben nicht als „Naturkatastrophen“, sondern als „Naturereignisse“ (S. 49). Zu Katastrophen würden sie erst, wenn der Mensch in seiner Irrationalität nicht auf die Zeichen der Natur höre und beispielsweise Atomkraftwerke in Erdbebengebiete baue. Diesem Tenor folgend stellt Zöllner einen Aufsatz des japanischen Seismologen Ishibashi Katsuhiko vor, in dem dieser vor der „nuklearen Erdbebenkatastophe“ warnt (S. 70). Dieser weitsichtige und mutige Term soll dabei auch auf die Vorkommnisse in Fukushima angewandt werden.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Geschichte der Atomwirtschaft in Japan. Hier wird über die Betonung von Verbindungen von Forschern aus beiden Ländern erneut eine deutsch-japanische Schicksalsgemeinschaft erzeugt und die Nähe zwischen Staat, Medien und Wirtschaft in Japan kritisiert. Dies wird vor allem historisch begründet, so dass Zöllner an einer Stelle postuliert, dass der japanische Wissenschaftsjournalismus aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stamme und die japanische Jugend für die im Krieg gegen die USA benutzte Technik begeistern sollte (vgl. S. 75). Dieser „Geist“ lebe „bis heute fort“ (ebd.).

Das nächste Kapitel trägt den Namen „Ein Paradies, geschaffen in der Hölle“ und reißt Vielzahl von verschiedenen Themen an. Diese reichen von zukünftigen Möglichkeiten der  Veränderung des Energiemixes Japans und Beispiele für die Existenz einer japanischen Zivilgesellschaft[2] zu einem Versuch der Erklärung der vermeintlich kontrollierten Reaktion der Japaner nach Katastrophen. Vor allem über das zuletzt genannte Thema wird versucht, eine holistische Beschreibung des japanischen Nationalcharakters zu erreichen. Denn von Zöllner kritisierte, generalisierende Aussagen wie „die Japaner sind Stoiker“ werden oftmals durch neue Verallgemeinerungen ersetzt, so zum Beispiel wenn er resümiert: „Wir können also unterstellen, daß [sic!] selbst in einer Notlage Rationalität das Verhalten der allermeisten Japaner prägt. Unter der Voraussetzung allerdings, daß [sic!] es ausreichend zuverlässige Informationen gibt, die verhaltensorientierend wirken können“ (S. 124). Hauptnachweis für diese These soll eine Befragung von U-Bahn-Fahrgästen in Fukuoka sein, wobei fraglich bleibt, warum gerade diese repräsentativ für alle Japaner sein soll (vgl. S. 123). Vor dem Übergang zu einer Untersuchung der medialen Aufarbeitung des Themas „Katastrophen in Japan“ und der Berichterstattung nach dem 11.03.2011 widmet der Autor der Verfolgung von in Japan wohnenden Koreanern nach dem Großen Kantô-Erdbeben von 1923 eine halbe Seite seines Buches. Diese soll zum nächsten Kapitel überleiten, was in Bezug auf die eigentliche Vielschichtigkeit der Thematik jedoch etwas unglücklich ausgewählt erscheint.

Im letzten Abschnitt des Buches beschäftigt sich Zöllner mit medialen „Vor-Bildern“, die auf Katastrophen vorbereiten und so Verhalten in Katastrophensituationen oder die Interpretation derartiger Ereignisse beeinflussen können (S. 127). Dies ist ein hochinteressanter Versuch, die Rolle der Medien in (Vorbereitung auf) Katastrophensituationen anzugehen. Hierfür wählte der Autor japanische Filme oder Geschichten aus, die den Untergang Japans zum Thema hatten. Die Beispiele reichen von frühen Werken wie der deutsch-japanischen Koproduktion „Die Tochter des Samurai“ (1936), in deren Zusammenhang Zöllner erneut die Verbundenheit der beiden Länder – diesmal in Bezug auf die Etablierung des Katastrophenfilms durch Deutsche in Japan – betont, bis hin zu neueren Werken von Miyazaki Hayao.

Daran anschließend folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der medialen Berichterstattung nach dem 11.03.2011. Die Kritik an Deutschland als „Weltmeister der Apokalypse“ (S. 155) sowie an den „öffentlich-rechtlichen Panikmachern“ (S. 150) beinhaltet zwar viele interessante Punkte, letztlich wirkt sie aber etwas ungeordnet. Mal werden die Medien kritisiert, mal das Verhalten der deutschen Botschaft, und an anderer Stelle wird die deutsche Rezipientenschaft (indirekt) in den Vordergrund der Kritik gerückt. Zwar ist diese Beschäftigung mit der medialen Berichterstattung genauso wie die Thematisierung von Apokalypse-„Vor-Bildern“ in japanischen Medien ohne Zweifel sinnvoll und notwendig. Doch bedarf dies vielleicht einer besseren Strukturierung, der Einräumung eines größeren inhaltlichen Umfangs sowie vielleicht sogar eines medienwissenschaftlichen Hintergrunds auf Seiten des Autors.

Somit wird deutlich, dass Zöllner versuchte, innerhalb kürzester Zeit ein thematisch vielschichtiges Buch fertigzustellen, das gleichzeitig bewirken sollte, den deutschen Umgang mit der Thematik zu ändern. Japanische Opfer sollen nicht mehr aus der Ferne betrachtet werden, während die Deutschen sich selbst nicht mehr panisch und vielleicht voreilig als „Noch-nicht-Opfer“ (S. 149) ansehen sollen. Vielmehr soll die Welt in ihrer Verbundenheit, die Menschheit in ihrer gegenseitigen Verantwortlichkeit erkannt werden. Dass das alles – so hehr und edel diese Motive auch sein mögen – auf knappen 150 Textseiten umzusetzen, ein etwas zu hochgesetztes Ziel sein mag, muss vielleicht gar nicht mehr ausgesprochen werden. Dennoch bietet das Buch für das breite Publikum wie für den fachnahen Leser interessante Ansatzpunkte oder thematische Einstiegsmöglichkeiten. Darüber hinaus kann der erste Teil des Buches, der die persönlichen Erfahrungen des Autors vor Ort beinhaltet, vielleicht als eine Art Zeitzeugenbericht genutzt werden. Zudem verwendet Zöllner spannende historische wie aktuelle Abbildungen und Grafiken, die auch an anderer Stelle hilfreich werden könnten. Seine Thesen und die Kritik an den Medien sind in Teilen sicher berechtigt, trotzdem wirken sie aufgrund des fehlenden theoretischen Hintergrundes leider teilweise oberflächlich und verallgemeinernd. Inwieweit die Umsetzung seines Kernvorhabens – „Japan, Fukushima und wir […] zu einem Thema“ (S. 8) zu erklären – umgesetzt werden kann, bleibt dementsprechend abzuwarten. Notwendige Bedingung dafür wäre natürlich auch, dass das Buch die anscheinend erwartete öffentliche Aufmerksamkeit erhält.

ND – Nils Dahl


[1] Nur wenige Woche später erschien im Herder-Verlag „Das japanische Desaster: Fukushima und die Folgen“ vom Leiter des ZDF-Studios Peking Johannes Hano.

[2] Als Beispiel wird vor allem der Widerstand gegen den Bau der Yanba-Talsperre (yanba damu) in der Präfektur Gunma genannt.