Übersetzung: Versuchter Liebestod

LIebestodKurumatani, Chôkitsu (2011): Versuchter Liebestod. Aus dem Japanischen von Katja Busson. Löhne: Cass. 22 Euro, ISBN 978-3980902267.

 

 

„Seht ihr, wie nur diese Plätze funkeln? Es sind die Todesplätze …“

Wenn man in klassisch japanischer Manier einen Doppelselbstmord (shinjû) geplant hat, erhalten selbst die alltäglichsten Dinge eine zentnerschwere Bedeutung. Diese romantischste Art aus dem Leben zu treten ist ein Motiv, das sich in japanischer Literatur und Theater sehr häufig findet; populärstes Beispiel ist Sonezaki Shinjû („Liebestod in Sonezaki“), ein Bunraku-Stück von Chikamatsu Monzaemon (1653–1725). Kurumatani Chôkitsu schließt in seinem Roman „Versuchter Liebestod“ an diese Tradition an, der shinjû verliert allerdings an Schwere und Romantik, und es ist eher eine Milieustudie, die im Vordergrund steht.

Der Autor Kurumatani Chôkitsu ist hierzulande noch weitgehend unbekannt. 1945 kurz vor Kriegsende in der Präfektur Hyôgo geboren, entwickelte Kurumatani bereits als Schüler ein literarisches Interesse und studierte später Germanistik an der Keiô-Universität. Bis zu seinem Durchbruch als Schriftsteller war es ein weiter Weg: Nach einer Episode als Firmenangestellter führte er ein rastloses Leben und verdiente sich seinen Lebensunterhalt in wechselnden Gasthäusern (vor allem im Kansai-Gebiet), wo er die verschiedensten Aufgaben innehatte, vom Schuhdiener bis zum Küchengehilfen. Für seine Anthologie Shiotsubo no saji („Der Löffel im Salzfass“) erhielt er schließlich 1993 unter anderem den Mishima-Yukio-Preis. Sein wohl bekanntestes Werk ist der mit dem Naoki-Preis ausgezeichnete Roman Akame shijûyataki shinjû misui (1998), der nun unter dem Titel „Versuchter Liebestod“ im Cass Verlag auf Deutsch erschienen ist.

„Es gibt Leute, die meinen Zustand als ‚seelisch verwüstet’ bezeichnen, dabei hat das Leben des Menschen von Natur aus weder Sinn noch Wert“, schreibt Ikushima, der Ich-Erzähler und Protagonist in „Versuchter Liebestod“. Was man zu Anfang des Romans liest, erinnert stark an shishôsetsu („Ich-Roman“)-Autoren wie Dazai Osamu (1909–1948), die in ihren Werken einen schonungslosen Realismus verfolgen und dabei auch ihre eigene Biographie mit einfließen lassen. Kurumatani führt in Abgründe, schildert Randexistenzen und Schattenseiten, die düsterer kaum sein könnten. Nachdem der Erzähler Ikushima seinen Bürojob aufgegeben hat, landet er im „Milieu“ und verdingt sich mit verschiedensten üblen Jobs. Er strandet schließlich in der Stadt Amagasaki (Präfektur Hyôgo), wo er gegen geringe Bezahlung den lieben langen Tag Spieße für einen Yakitori-Laden zusammensteckt: „Es waren alles Teile toter Lebewesen, ihr Fett, das mir an den Händen klebte, roch nach Blut.“ Er hat keine Freunde, keine Ambitionen und Aussichten.

Ikushimas Situation ist derart unerträglich, dass man schon zu Anfang mit nicht viel weniger als Depression und Selbstmord rechnet. Doch Kurumatani überrascht, indem er ganz sachte eine Spannung aufbaut, die sich aus dem Verhältnis Ikushimas zu den Personen ergibt, die in seinem Umfeld hausen: Kleinkriminelle, (Ex-)Prostituierte, oder Menschen, die plötzlich verschwinden … Ikushima beobachtet zunächst vor allem, geht selbst kaum auf andere zu – und findet sich am Ende doch verstrickt in Machenschaften, Leidenschaften und Gefahren.

Kurumatani greift bei seiner Schilderung des Halbwelt-Milieus auf Erfahrungen aus seiner eigenen „Vagabundenzeit“ zurück, was die Figuren sehr authentisch macht. Die Handlung siedelt er in seiner Heimat, der Präfektur Hyôgo, an und lässt seine Figuren im dortigen Dialekt sprechen. In der deutschen Übersetzung von Katja Busson äußert sich das zum Beispiel in einem beherzten „Nu sach mal …“, mit dem die Figur der verlebten Wirtin gerne ihre Gespräche beginnt. Die Übersetzung, die vom Japanese Literature Publishing Project (JLPP) ermöglicht wurde, liest sich flüssig und transportiert die trostlose, rauhe Atmosphäre sehr gut.

„Versuchter Liebestod“ ist ein guter Einstieg in das Genre der „Ich-Romane“, denn neben der glaubwürdigen Schilderung einer Randexistenz wartet das Buch auch mit einem subtil konstruierten Spannungsbogen auf. Eine trotz unbequemer Themen flotte Lektüre also, der man bei Gefallen Klassiker wie Dazai Osamu folgen lassen sollte.

Elisabeth Scherer