The Beatles’ untold Tokyo story

beatlesFukuya, Toshinobu (2011): The Beatles’ untold Tokyo story. Music as a socio-political force. Amazon Digital Services. Ca. 60 Seiten. Ca. 3,50 Euro.

 

 

 

1966 kamen die Beatles auf ihrer Welttour für fünf Konzerte nach Tokyo. Schon über die Wirkung von Auftritten der Beatles in Europa und den USA wurde heftig diskutiert. Die Begeisterung der jungen Zuhörerschaft war vielen Mitgliedern der älteren Generation unheimlich, die Musik zu laut und unmusikalisch. In Japan aber wurden die fünf Konzerte zum Politikum, wie Fukuya in seinem Buch schreibt. Es offenbarte sich zunächst vor allem ein Generationenkonflikt. Popmusik war ein rotes Tuch für Eltern und Erzieher in Japan, galt sie doch als delinquent. So gab es diverse Verbote von Schulen und Kommissionen, die Konzerte zu besuchen. Immerhin verhielt sich das Erziehungsministerium aber neutral.

Ein weiteres Konfliktfeld war der Veranstaltungsort. Die japanischen Sponsoren der Konzerte hatten die Nippon Budôkan ins Auge gefasst, da sie als einzige Halle in Tokyo mehr als 10.000 Besucher fassen konnte und gleichzeitig die geeignete Akustik bot. Die Halle war anlässlich der Olympischen Spiele 1964 für die Judo-Wettkämpfe und die Schaudisziplin japanisches Bogenschießen (kyûdô) errichtet worden. Nach den Spielen fanden in ihr vor allem Wettkämpfe in den verschiedenen japanischen Kampfkünsten wie Kendo, Judo oder Naginata statt. Dass dieser Ort durch eine westliche Band gewissermaßen „entweiht“ werden sollte, war den Rechtskonservativen in Japan ein Dorn im Auge. Auch die Direktoren der Budôkan sträubten sich lange gegen die Konzerte, vermieteten die Halle aber letztendlich doch. Schließlich boten die fünf Konzerte laut Fukuya der Tokyoer Polizei einen Anlass, umfangreiche Sicherheitskonzepte zu üben. Der „Vertrag über gegenseitige Kooperation und Sicherheit zwischen Japan und den Vereinigten Staaten von Amerika“ (auf Japanisch kurz Anpô) sollte 1970 verlängert werden. Die Verhandlung zu diesem Vertrag hatten Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre zu heftigen Protesten der Bevölkerung geführt und so stand zu vermuten, dass auch im Vorfeld der Verlängerung erneut Widerstand aufflammen würde. Um die 10.000 Sicherheitskräfte wurden eingesetzt, um die einzelnen Konzerte abzusichern. Dabei befand sich laut Fukuya sogar in beinahe jeder Sitzreihe der Budôkan ein Polizist, der bei ungebührlichem Verhalten der Fans einschreiten sollte. Bevor die Beatles ihr erstes Konzert begannen, schien es daher, als sei das Kriegsrecht über die Budôkan verhängt worden. Die Maßnahmen, mit denen die Stimmung im Zaum gehalten werden sollte, waren jedoch ein kompletter Schlag ins Wasser. Mit dem ersten Lied der Beatles ließen sich die Fans nicht mehr kontrollieren.

Fukuya gelingt es hervorragend, die immense Bedeutung der Beatles für Japan aufzuzeigen. Er beschreibt nicht nur, welche Konflikte die Konzertserie begleiteten, sondern klärt auch über die Hintergründe auf. Das Schlusswort macht deutlich, wieso Fukuya dies so einfühlsam vermag. Auch er selbst war begeisterter Fan und gründete Ende der 1960er Jahre eine eigene Band, ein kleiner Akt der Rebellion in der japanischen Provinz, wo Fukuya aufwuchs. Einige Urteile Fukuyas muten jedoch etwas überzogen an. Sicherlich hatten die Konzerte große Auswirkungen auf die Entwicklung der japanischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Ob sie allerdings umstandslos in eine Reihe mit den Olympischen Spielen von Tokyo 1964 und der Weltausstellung in Ôsaka 1970 gestellt werden können, darf zumindest bezweifelt werden. Auch die These, die Konzerte hätten der Polizei von Tokyo als Sicherheitsübung für die kommenden Jahre gedient, ist nicht wirklich gut belegt, wenngleich sicherlich interessant. Insgesamt bietet das Buch einen sehr guten Einblick in den Aufbruch der japanischen Gesellschaft Ende der 1960er Jahre und die Rolle westlicher Popmusik in diesem Kontext.

Schließlich verdient der ungewöhnliche Publikationsweg des „Buches“ noch Aufmerksamkeit. Fukuya hat den Text als eBook bei Amazon veröffentlicht. Damit hat er das Problem, einen Verlag zu finden, pragmatisch umgangen. Da der Text in etwa 60 Buchseiten entspricht, wäre es sicherlich nicht einfach gewesen, ihn auf konventionellere Weise zu veröffentlichen. Als Konsequenz wird dieses „Buch“ wohl nicht so schnell über Bibliotheken erhältlich sein. Da man eBooks von Amazon aber nicht nur über den Kindle eBookreader, sondern auch über das kostenlose Programm Kindle auf allen gängigen Betriebssystemen lesen kann, steht der Lektüre nur wenig entgegen. Der Preis von rund 3,50 Euro ist jedenfalls angemessen und bezahlbar.

 CT – Christian Tagsold