Tama-Chan and Sealing Japanese Identity

Chapman, David (2008): „Tama-Chan and Sealing Japanese Identity“. In: Critical Asian Studies 40: 3. 423–444.

Die Robbe Tama-chan erlangte 2003 in Tôkyô doppelten Ruhm: Ihr unverhofftes Auftauchen mitten in einem Fluss der Millionenstadt machte sie zum Liebling der Massen. Die offizielle Verleihung einer Meldebescheinigung (jûminhyô) an Tama-chan rief jedoch Proteste von ausländischen Anwohnern hervor, die selber kein Recht auf eine Meldebescheinigung haben.

David Chapman nimmt dieses Ereignis zum Anlass, um die Problematik der Bevölkerungsverzeichnisse in Japan zu untersuchen. Dabei gibt er einen detaillierten Überblick über ihre historische Entstehung und Anwendung der Systeme koseki (Familienregister), jûminhyô (Meldebescheinigung) und gaikokujin tôroku (Alien Registration).
Detailliert stellt er die Anwendung des kosekis von der Meiji-Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg dar. Anhand von Beispielen wie den Ainu, den Menschen aus Okinawa oder den damaligen Kolonien Korea und Taiwan wird belegt, wie das koseki als ideologisches Instrument zur Konstruktion eines vordergründig homogenen Nationalstaats wirkte. Zwar wurde einheitlich die japanische Staatsbürgerschaft an die neu gewonnene Bevölkerung in den Kolonien vergeben und registriert, aber dennoch durch spezielle Kategorien eine deutliche Trennung aufrechterhalten.
Das 1952 entstandene gaikokujin tôroku sowie das jûminhyô setzen die bürokratische Zweitklassigkeit der ausländischen Bevölkerung fort. Besonders deutlich zeigt Chapman anhand aktueller Trends wie internationaler Ehen, Arbeitsmigration oder Einbürgerungsverfahren, dass die Bevölkerungsverzeichnisse in der jetzigen Form als Hindernisse auf dem Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft (tabunka kyôsei) einzuschätzen sind.
Chapman begreift die drei Systeme als „authoritative mechanisms that define, construct and categorize the population according to normative expectations of family and identity“ (436), wobei er dem koseki eine Schlüsselrolle zuspricht. Bei der Deutung des kosekis als Überwachungsinstrument, das traditionalistische und patriarchalische Einstellungen etablieren und erhalten soll, stellt er Verbindungen zu Foucaults Analyse des Bentham’schen Panoptikums her.
Anders, als es das amüsante Beispiel der registrierten Robbe Tama-chan im Titel des Aufsatzes glauben machen mag, beschränkt sich Chapman nicht auf eine Aufarbeitung des Vorfalls und seiner Folgen. Er analysiert kenntnisreich und gut verständlich die im Hintergrund sichtbar gewordenen Probleme der Bevölkerungsverzeichnisse und deren Wirkungsgeschichte mit einem Schwerpunkt auf der Verwendung des koseki. So lässt sich der Artikel mit viel Gewinn lesen und ist gleichzeitig ein kompakter wie kritischer Beitrag.

PB