Japanese unwed mothers evaluate their decision to have a child outside wedlock

Hertog, Ekaterina (2008): “”The worst abuse against a child is the absence of a parent”: how Japanese unwed mothers evaluate their decision to have a child outside wedlock”. In: Japan Forum 20: 2. S. 193–217.

Wie in allen industrialisierten Ländern ist auch in Japan der Geburtenrückgang ein viel beachtetes Thema. Die extrem niedrige Geburtenrate beträgt derzeit knapp 1,3 Kinder. Weitaus weniger Aufmerksamkeit erfährt die – zumindest in westlichen Ländern sicher auch weniger bekannte – Tatsache, dass nur 1,9% aller Kinder in Japan außerhalb einer Ehe geboren werden. Dieser Wert, der in den letzten Jahrzehnten nur marginal angestiegen ist, ist auch im internationalen Vergleich extrem gering.

Hertog geht in dem vorliegenden Artikel der Frage nach, warum „alles – sei es eine unglückliche Heirat oder eine Abtreibung – für die meisten japanischen Frauen attraktiver als ein uneheliches Kind erscheint“ (194). Dies wird bisher zumeist mit ökonomischen Schwierigkeiten oder der rechtlichen Diskriminierung alleinerziehender Mütter erklärt. Hertog geht jedoch davon aus, dass diese Faktoren nicht ausreichen, um die obige Frage abschließend zu beantworten:

Trotz Verbesserungen der ökonomischen und rechtlichen Situation alleinerziehender Mütter, kam es zu keiner signifikanten Zunahme unehelicher Geburten. Als zusätzlichen und ausschlaggebenden Faktor für die Entscheidung gegen eine uneheliche Geburt identifiziert sie stattdessen spezifische Familien- und Erziehungsnormen. Diesen zufolge ist es für das geistige und seelische Wohl des Kindes unumgänglich, in einer Familie mit beiden Elternteilen aufzuwachsen. Sie stützt sich dabei auf eine eigene qualitative Forschung in den Jahren 2004 und 2005, in deren Rahmen sie über 70 unverheiratete Mütter diverser Alters- und Berufsgruppen in ganz Japan interviewte. Bis auf eine „unkonventionelle Minderheit“ (207) leiden praktisch alle interviewten Mütter unter enormen Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern. Weniger als ökonomische Schwierigkeiten betonen die Mütter immer wieder den vermeintlichen Schaden, den ein Kind nimmt, das ohne Vater aufwächst. Hertog zeigt auf, dass diese Normen noch stärker von ledigen als von geschiedenen Alleinerziehenden verinnerlicht sind.

Hertogs Artikel ist leicht verständlich geschrieben und gibt – trotz des reißerischen Titels – einen äußerst interessanten, differenzierten und teilweise erschreckenden Einblick in eine qualitativ noch kaum untersuchte Thematik. Wünschenswert wäre jedoch eine ausführlichere Beschreibung des sozio-strukturellen Kontextes, dessen kurze Darstellung einige Fragen offen lässt. Außerdem wäre es sicher interessant, diesen und die von Hertog genannten Familien- und Erziehungsnormen stärker in Beziehung zueinander zu setzen. Dennoch: Hertogs Forschung kann und muss einen wichtigen Aspekt zu der aktuellen Debatte um den Geburtenrückgang in Japan beitragen. Hier kann der Artikel sehr zur Vertiefung empfohlen werden. Abschließend kann außerdem auf die vor kurzem erschienene Monographie HertogsTough Choices. Bearing an Illegitimate Child in Japan (Stanford University Press, 2009) verwiesen werden.

NK