The Many Faces of Internationalization in Japanese Anime

Lu, Amy Shirong (2009): „What Race Do They Represent and Does Mine Have Anything to Do with It? Perceived Racial Categories of Anime Characters“. In:  Animation 4: 2. 169–190.

Lu, Amy Shirong (2008): „The Many Faces of Internationalization in Japanese Anime“. In: Animation 3: 2. 169–187.

 

Anime-Figuren haben in der Regel überproportional große Augen, verschwindend kleine Nasen, und ihre Haare leuchten in allen Farben des Regenbogens. Der globale Erfolg japanischer Animationsfilme wird in der Forschung zum Teil auf diese ethnisch uneindeutige Darstellung der Charaktere zurückgeführt. Japanischer Zeichentrick gilt als mukokuseki („staatenlos“) bzw. – in Anlehnung an Iwabuchi Kôichi – als „culturally odourless“. Die Wahrnehmung von Anime-Figuren als Repräsentanten postethnischer Identität wird sowohl in Fankreisen als auch in der Forschung viel diskutiert, eine empirische Untersuchung zu diesem Thema stand bisher jedoch aus.

Amy Shirong Lu, Doktorandin an der Universität North Carolina, ist der Wahrnehmung von Anime-Figuren nun in einer aufwändigen Studie (2009) nachgegangen. Sie konzentriert sich dabei ausdrücklich nicht auf die Darstellung von Ethnizität (ethnicity), sondern auf die graphische Repräsentation von „Rasse“ (race), d.h. auf rein physiologische Merkmale der dargestellten Figuren. Lu begründet diese Vorgehensweise, die nicht nur für deutsche Leser ein sensibles Thema berührt, mit Ergebnissen kognitionswissenschaftlicher Forschung zur spontanen Wahrnehmung von menschlichen Gestalten.

1046 Menschen, vor allem US-amerikanischer Herkunft, wurden in Lus Studie dazu befragt, welcher race sie Gesichter von Anime-Charakteren zuordnen. Die Köpfe der Protagonisten von 341 Anime (Seit 1958) wurden für die Umfrage vor einem neutralen Hintergrund präsentiert und die Ergebnisse anschließend mit den von Produzentenseite für die entsprechenden Charaktere angegebenen Nationalitäten abgeglichen. Die Studie zeigte, dass ein Großteil der Figuren als weiß (Caucasian) wahrgenommen wurde, obwohl über 50 Prozent der vorgestellten Charaktere im Kontext der Anime-Handlung als asiatisch markiert waren. Lu führt dies auf das von ihr als „Own Race Projection“ (ORP) bezeichnete Phänomen zurück: Ist die race einer Figur über äußere Merkmale nicht eindeutig festgelegt, tendieren Rezipienten dazu, die eigene race auf die Figur zu projizieren. Dieses Untersuchungsergebnis unterstütze, so Lu, die Annahme, dass der globale Erfolg von Anime unter anderem in der mukokuseki-Darstellung der Charaktere begründet liegt.

Das Ergebnis von Lus Studie erscheint im Verhältnis zu dem großen Aufwand, der im Vorfeld der Studie betrieben werden musste, von relativ geringer Aussagekraft zu sein. Dies liegt in erster Linie daran, dass die Befragten überwiegend weiße US-Amerikaner waren. Außerdem wird die Wahrnehmung dadurch beeinflusst, dass die betrachteten Figuren aus dem Kontext der Anime-Handlung herausgenommen und auf ihren Kopf reduziert wurden. Lu weist auf diese Problematik selbst hin und regt zu weiteren Studien an. Die Lektüre des Aufsatzes lohnt sich trotz der geringen Verwertbarkeit der Ergebnisse für alle, die bei der Beschäftigung mit populärkulturellen Produkten wahrnehmungstheoretische Ansätze einbeziehen möchten. Anhand von Lus Studie wird deutlich, wie viele Faktoren die Zuschauerperzeption beeinflussen können und wie schwierig es ist, aussagekräftige Resultate zu erhalten.

Als ergiebiger erweist sich ein zweiter Aufsatz Lus, der im Vorjahr ebenfalls in der Zeitschrift Animation erschienen ist und auf einzelne Anime-Beispiele eingeht. Die Autorin beschäftigt sich darin mit der Internationalisierung von Anime und den verschiedenen kulturpolitischen Intentionen, die hinter stilistischen Instrumenten wie den bereits genannten mukokuseki-Figuren stehen können.

Als offensichtlichste Motivation, Anime kulturell möglichst neutral zu gestalten, macht Lu dabei die Förderung der internationalen Vermarktbarkeit der Produkte aus. Als treibende Kräfte hinter der Internationalisierung von Anime sieht sie außerdem einen Okzidentalismus, der westliche Elemente stereotyp aufgreift und einen Selbst-Orientalismus, der japanische Figuren ethnisch weitgehend neutralisiert („ethnic bleaching“) und von den asiatischen Nachbarn stark abgrenzt. Diese beiden Tendenzen treten als Gegenkräfte zu einer positiv wahrgenommenen kulturellen Diversität auf und können als eine Ausprägung gegenwärtiger neonationalistischer Tendenzen in Japan gesehen werden.  Als ein Beispiel für japanischen Selbst-Orientalismus nennt Lu u.a. die Serie Read or Die (R.O.D.), in der die japanische Hauptfigur (eine Schriftstellerin) und ihre Freundinnen aus Hongkong eher mit westlichen Attributen ausgestattet sind, während die als unsympathisch charakterisierte chinesische Autorenkonkurrenz deutlich asiatische Merkmale aufweist.

Lus Artikel von 2008 zeigt an konkreten Beispielen sehr deutlich, dass Anime, obwohl in der Forschung meist als interkulturell vermittelndes Medium gesehen, durchaus auch problematische kulturpolitische Intentionen verfolgen können. Der ansprechend und leicht verständlich geschriebene Text kann allen empfohlen werden, die sich kritisch mit japanischer Animation – vor allem im Kontext von Nation, Kultur und Ethnizität – auseinandersetzen wollen. Der Aufsatz von 2009 kann als ein Versuch gesehen werden, die Thesen von 2008 teilweise empirisch zu belegen, erreicht dabei aber weniger Aussagekraft als der Vorgängertext, der seine Argumente aus der Analyse von Anime-Beispielen bezieht.

Die zwei Aufsätze von Lu zeigen somit einmal mehr, dass bei der Erforschung populärkultureller Medien qualitative Untersuchungsmethoden häufig interessantere Ergebnisse erzielen als aufwändige quantitative Erhebungen.

Elisabeth Scherer