Zuschreibung von Verantwortung als soziale Praxis

Moser, Valerie (2008): „Zuschreibung von Verantwortung als soziale Praxis. Erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt“. In: Sozialer Sinn 9. 37–50.

Wie und in welchem Umfang schreiben wir anderen Verantwortung für ihr Handeln zu und was verstehen wir unter dem Konzept der Verantwortung? Welche Werte und Normen liegen diesem Konzept zu Grunde? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das DFG-Forschungsprojekt „Zuschreibung von Verantwortung“ am Institut für Sozialforschung Frankfurt am Main, auf dessen ersten Ergebnissen dieser Artikel basiert.

Anhand der öffentlichen Debatte um die Arbeitsmarktsituation verdeutlicht Valerie Moser den ambivalenten Zuschreibungscharakter von Verantwortlichkeit. Während Arbeitnehmern einerseits die Verantwortung dafür zugeschrieben wird, ob sie einen Job haben bzw. finden können, werde es auf der anderen Seite durch immer komplexere Zusammenhänge schwierig, den oder die Verantwortlichen für bestimmte Folgen überhaupt ausfindig zu machen und somit auch zur Verantwortung zu ziehen. Moser analysiert anhand von Leitfadeninterviews, wie konkret Verantwortung zugeschrieben wird und auf welcher Grundlage das Konzept der Verantwortung dabei verstanden bzw. interpretiert wird.

Das Projekt geht von der Grundannahme aus, dass rechtliche und soziale Normen sowie Werte aus gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen resultieren. Somit ist auch das Zuschreiben dieser Normen als Teil jener Aushandlungsprozesses zu betrachten und Zuschreibungen sollten aus diesem Grund hinsichtlich ihrer sozialen Funktion untersucht werden. Um einen Zugang zu diesen Aushandlungsprozessen zu gewinnen, wurden die Interviews bewusst als Gesprächssituation geplant und selbst als Situation der Aushandlung begriffen. Das Projekt befindet sich noch in der Auswertungsphase und die Autorin präsentiert in diesem Artikel erste Ergebnisse der Interviewanalysen. Eines dieser Ergebnisse ist die Feststellung verschiedener Zuschreibungspraktiken. Die Argumentationen der Interviewten unterscheidet sie auf der Grundlage von verschiedenen Menschen- und Gesellschaftsbildern, auf die sich die Interviewten bezogen und in denen unterschiedliche Werte und Normen zum Ausdruck kommen.

Moser stellt die bisher analysierten Bilder – zum Beispiel den „rechtskonformen Bürger“ oder den „autonomen Menschen“ – kurz vor und hebt interessante Vermutungen als Ansatzpunkte für die weitere Analyse hervor. Ihre bisherigen Ergebnisse beinhalten zwar keine großen Überraschungen, ermöglichen aber einen interessanten Einblick in „work in progress“ eines laufenden Projekts, das nach der Methode der Grounded Theory arbeitet. Der Artikel macht neugierig auf weitere Ergebnisse und ihre Einordnung in den erweiterten Kontext, zum Beispiel der Zuschreibung von Verantwortung bezogen auf die Situation des Arbeitsmarktes.

CS