The Great Kanto Earthquake, the Culture of Catastrophe and Reconstruction

Schencking, J. Charles (2008): „The Great Kanto Earthquake and the Culture of Catastrophe and Reconstruction in 1920s Japan“. In: Journal of Japanese Studies 34:2. 295–331.

Tief unter Japan, so heißt es, lebt der Riesen-Wels Namazu – so stark sind seine Bewegungen, dass sie gefürchtete Erdbeben auslösen. Auch das große Kantô-Erdbeben von 1923 könnte nach dieser Betrachtungsweise auf ihn zurückgeführt werden – die Frage nach dem Warum löste unter den Zeitgenossen einen regelrechten Boom eines „interpretative use of the disaster to admonish Japanese and reshape the nation“ (302) aus.
J. Charles Schencking zeichnet die Ausmaße des einflussreichen Erdbebens innerhalb eines „window into 1920s society, culture and politics“ (296) nach. Dabei erstellt er auf der Basis einer umfangreichen Materialbasis (darunter Augenzeugenberichte von Literaten und Intellektuellen) zwei grundlegende Deutungen der Naturkatastrophe: Einerseits wurde das Erdbeben und die resultierende Zerstörung als „göttliche Strafe“ (tenken, tenbatsu) für eine hedonistische Konsumkultur und ungezügelten Kapitalismus verstanden. Zum anderen interpretierten es vor allem Sozialreformer und Städteplaner als „günstige Gelegenheit“ (kôki) für einen ideellen und praktischen Wiederaufbau von Stadt und Nation: Die zum Teil radikalen Umbaupläne beinhalteten die Überlegung, durch konsequente Neugestaltung soziale Spannungsfelder aufzuheben und eine moderne, internationale Großstadt am Reißbrett zu schaffen. Dabei ging es auch um eine Neuformung des nationalen Bewusstseins im Sinne von Sparsamkeit und Opferbereitschaft, unterstützt durch neue Schwerpunkte in Erziehung und staatlicher Bildung sowie Verbote von Alkoholverkauf und Prostitution.
Schencking begleitet den politisch umstrittenen Umsetzungsprozess des Wiederaufbaus und zeigt, wie Finanzierungsprobleme und Widerstände von regionalen Politikern letztendlich zu einer fast vollkommenen Marginalisierung der social welfare-Komponenten im bewilligten Städtebaukonzept führten. Ausgehend von der zeitgenössischen Wertung des Plans als Beweis der Unfähigkeit parlamentarisch-demokratischer Entscheidungsfindungen berücksichtigt er auch mögliche Verbindungen zum Trend zunehmend autoritärer Entscheidungsprozessen während des Pazifikkrieges.
Der Aufsatz von Schencking breitet eine Fülle von Quellen vor dem Leser aus. Sein Ansatz, die Interpretation und Instrumentalisierung von Naturkatastrophen kritisch zu beleuchten, ist hochaktuell und kann problemlos übertragen werden. Die reichhaltige zeitgenössische Materialbasis und die akribische Analyse der Berichte tragen allerdings dazu bei, dass sich der Fokus stark verbreitert und dies wirkt sich sichtbar auf die Länge und Übersichtlichkeit des Aufsatzes aus.

PB