Defining the Poor in Early Twentieth-Century Japan

Tipton, Elise K. (2008): “Defining the Poor in Early Twentieth-Century Japan”. In: Japan Forum 20: 3. 361–382.

Das japanische Wohlfahrtssystem der 1920er Jahre wurde zwar mit dem Gesetz für Unterstützung und Absicherung von 1929 erneuert, aber eine grundlegende Einstellung zu Armut bleibt bestehen. Man ging lange Zeit in Japan davon aus, dass ein Leben in Armut vor allem mit einem Fehlverhalten der Armen zu tun habe, die für ihre Armut selbst verantwortlich seien. Dennoch gab es in Japan bereits seit der Meiji Restauration ein recht rudimentäres Sozialsystem. Die Bemessungsgrundlage für die Bedürftigkeit war allerdings stark reglementiert und setzte voraus, dass die betreffende Person beispielweise keine familiäre Hilfe in Anspruch nehmen konnte.

Tipton zeigt, wie nach den Reisunruhen (1918) und der Inflation als Folge des Ersten Weltkriegs ein Umdenken einsetzte und in Anlehnung an europäische Systeme Sozialhilfestationen eingerichtet wurden. Aber die Höhe der Hilfeleistungen selbst war von einzelnen Bevollmächtigten abhängig und der Zugang zu Aus- und Fortbildungsmaßnahmen stark eingeschränkt. In den 1930er Jahren wandelte sich die umstrittene Bewertungsgrundlage und die Zahl der Anspruchsteller stieg dramatisch. Die Armen und ihre Familien wurden nun verstärkt aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Diese Ausgrenzung äußerte sich auch in einer Klassifizierung nach ihrer Bedürftigkeit in runpen (nach Marx Begriff Lumpenproletariat), arbeitslose Büroangestellte, arbeitslose Arbeiter (hierunter auch Tagelöhner) und arbeitslose Landstreicher. Etwa wie in einem Kastensystem wurden diese Bezeichnungen nicht nur auf die Familie übertragen, sondern vor allem an die Kinder vererbt, deren eigenen Zukunftschancen sich so stark einschränkten.

Der Artikel verschafft einen guten Überblick über den Umgang mit Armut im Japan der Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert. Dabei wird vor allem im Vergleich mit Europa gearbeitet, um die japanischen Maßnahmen in einem internationalen Rahmen zu betrachten. Auch die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg wird kurz angesprochen. Der Artikel ist ein sehr guter Einstieg und bietet viele Möglichkeiten, sich im Thema stärker einzuarbeiten.

JAS