Anime Creativity: Characters and Premises in the Quest for Cool Japan

Condry, Ian (2009): „Anime Creativity: Characters and Premises in the Quest for Cool Japan“. In: Theory Culture Society 26: 2–3. 139–163.

Das Jahr 2009 war für die westliche Anime-Forschung ein gutes: Neben Thomas Lamarres „Anime Machine“ – der ersten umfangreichen Medientheorie des Anime – sind zahlreiche Aufsätze erschienen, die sich mit den Eigenheiten des japanischen Zeichentrickfilms beschäftigen und damit wichtige Ansätze für die Analyse an die Hand geben. Einer dieser Aufsätze stammt von Ian Condry, der Ethnologe am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist und sich bisher vor allem durch seine Studie zu japanischem Hip Hop hervorgetan hat (Duke University Press 2006).

Condry verankert seine Untersuchung, die sich vor allem auf Anime-Charaktere konzentriert, im derzeit sehr populären „Cool Japan“-Diskurs, wiederholt hier aber vor allem bereits bekannte Thesen. Die Stärke von Condrys Untersuchung liegt vielmehr darin, dass er Produzenten, Regisseure und Designer von vier aktuellen Anime-Serien interviewt hat: Dekoboko FriendsZenmai ZamuraiSamurai Champloo und Afro Samurai. Bei Zenmai Zamurai (NHK) hatte der Autor sogar die Möglichkeit, Skript Meetings teilnehmend zu beobachten und so direkte Einblicke in die Entwicklung der Serie zu erhalten.

Die wichtigste Erkenntnis, die Condry aus seinen Beobachtungen zieht, ist die eher untergeordnete Bedeutung der „Story“ eines Anime im Produktionsprozess: Die Entwickler beschäftigen sich zuerst mit den Figuren (kyarakutâ), den dramatischen Prämissen (settei) und mit der Welt, in der die Figuren angesiedelt sind (sekaikan). Die Charaktere sind es auch, die eine transmediale Nutzung eines Anime-Stoffes möglich machen: „Part of the value of widely popular anime series arises precisely from the flexibility in adapting characters and premises across a wide range of media platforms“ (160). So können die Figuren einer Serie wie Zenmai Zamurai in Mangas und auf Merchandise-Produkten auftauchen oder als Grundlage für ein Cosplay-Kostüm dienen. Dies ist vor allem deshalb von Bedeutung, da der Markt für kyarakutâ-Merchandise in Japan zehnmal größer ist als der für die Anime selbst.

Für alle, die sich selbst der Analyse von Anime widmen wollen, folgt aus Condrys Studie, dass den Figuren besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Der Autor kritisiert zu Recht, dass die bisherige Forschung sich zumeist primär auf der Handlungsebene bewegt hat. Condrys Text, der in leicht verständlichem Englisch verfasst ist, ist daher eine gute Grundlage für die Beschäftigung mit Anime.

Elisabeth Scherer