Narrative Realism and the Modern Storyteller. Rereading Yanagita Kunio’s Tôno Monogatari

Ortabasi, Melek (2009): „Narrative Realism and the Modern Storyteller. Rereading Yanagita Kunio’s Tôno Monogatari“. In: Monumenta Nipponica 69: 1. 127–165.

Yanagita Kunio gilt als Begründer der Volkskunde (民俗学) in Japan. Seine 1910 erstmals veröffentlichten „Geschichten aus Tôno“ (Tôno Monogatari) sind dabei einer der Gründungstexte dieser neuen Disziplin. Yanagita hielt hier fest, was ihm ein aus Tôno (Präfektur Iwate) stammender Universitätsstudent berichtete. Er begab sich daraufhin auch selbst nach Tôno, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Die Geschichten spiegeln die Vorstellungswelt der Bewohner des ländlichen Tôno wieder. Obwohl die Erstauflage sehr klein war, wurden die Geschichten bei ihrer zweiten Auflage von 1935 als Klassiker des Genres eingestuft und in der Nachkriegszeit auch von Mishima Yukio als Meilenstein der japanischen Literatur gepriesen.

Die Tôno Monogatari sind also sowohl als ethnographischer als auch als literarischer Text angesehen worden. Diese Ambiguität macht sich Ortabasi bei seiner umfassenden Analyse des Werks geschickt zunutze. Er zeigt auf, dass Yanagita sich durch den Sprachstil von der neuen literarischen Bewegung des Naturalismus absetzen wollte. Gleichzeitig wird sehr deutlich, wie sich Yanagita dadurch in der intellektuellen Szene Tokyos der späten Meiji-Zeit positionierte und eine Faszination für das ländliche Japan hervorrufen konnte.

Die literaturwissenschaftliche Analyse ist sehr kenntnisreich und ermöglicht spannende Einblicke in die politische Bedeutung von Sprachstilen als Ausdruck der Moderne und Instrument der Identitätsstiftung. Dadurch vermittelt der Aufsatz auch gute Einblicke, wie sich die Volkskunde als wissenschaftliche Disziplin in Abgrenzung zum Literaturbetrieb der Hauptstadt konstituieren konnte. Allerdings vermag es Ortabasi nur bedingt, seinen Artikel in einen breiteren wissenschaftlichen Kontext einzuordnen. Der Leser ist gezwungen, mögliche Verbindungen, wie z.B. zur „writing culture“-Debatte der Ethnologie, selber herzustellen. Zwar ist der Aufsatz durch seine intelligente und detaillierte Argumentation durchaus lesenswert. Doch dürfte es vor allem Studierenden unter diesen Umständen nicht leicht fallen, zu verstehen, was eigentlich verhandelt wird und wofür die Lektüre dienen könnte.

CT