The Rômaji Movement in Japan

Gottlieb, Nanette (2010): „The Rômaji Movement in Japan“. In: Journal of the Royal Asiatic Society 20: 1. 75–88.

Studierende des Faches Modernes Japan fragen sich sicherlich oft, warum man Japanisch nicht einfach mit dem römischen Alphabet, den Rômaji, verschriftlicht, sondern gleich drei Schriften verwendet. Vor allem die lernintensiven Kanji dürften diese Frage dringlich erscheinen lassen. Tatsächlich haben sich in den letzten 150 Jahren auch in Japan Initiativen und Gruppen dafür eingesetzt, Kana und Kanji einfach durch das Alphabet zu ersetzen. Gottlieb verfolgt in ihrem Artikel die Geschichte dieser japanischen Bewegungen.

Diese Initiativen brachten hauptsächlich drei Gründe dafür vor, Kana und Kanji abzulösen: Probleme in der Erziehung, mangelnde Demokratisierung durch das komplexe Schriftsystem und die Schwierigkeit, Kanji und Kana auf Schreibmaschinen und anderen technischen Geräten zu implementieren. Anfänglich war es die Alphabetisierung, die nahe legte, auf Kana und Kanji zu verzichten. Obwohl die Alphabetisierungsquote zum Ende der Edo-Zeit vergleichsweise hoch war, konnten doch nur wenige Gebildete wirklich genügend Kanji lesen und schreiben. Außerdem argumentierten die Rômaji-Anhänger, dass man in der Schule viel Zeit sparen könne, würde man das westliche Alphabet verwenden. Vor allem nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Argumente dahingehend erweitert, dass Rômaji breiten Bevölkerungsschichten ein leichteres Verständnis der Gesetzestexte ermöglichen würden und damit zur Demokratisierung beitrügen. Außerdem könnten bei einer Umstellung auch normale Menschen Texte produzieren und vervielfältigen, was mit Kana und Kanji nur schwer möglich sei und zu Meinungsmonopolen führen würde. Schließlich wurde bis in die 1980er Jahre hinein argumentiert, dass Japanisch nicht mit Schreibmaschinen geschrieben werden könne. Daraus ergäbe sich ein Wettbewerbsnachteil für japanische Firmen auf dem Weltmarkt.

Durch die Einführung der Wordprozessoren und daran anschließend der PCs wurden zumindest die letzten beiden Argumente jedoch seit den 1980er Jahren stark geschwächt. Inzwischen gibt es keine echten technischen Hürden mehr und jeder kann leicht japanische Texte in ansprechender Qualität setzen. Den eigentlichen Grund dafür, dass Japan den Kana und Kanji treu blieb, während andere Länder wie die Türkei ihre Schrifttradition zugunsten des römischen Alphabets aufgaben, sieht Gottlieb jedoch darin, dass die japanischen Schriftsysteme eine breite Zustimmung in der Bevölkerung hatten. Kana und Kanji gelten als sichtbarer Ausdruck der Seele des Japanischen. Die Ablehnung der Rômaji als Standartschrift für das Japanische könnte jedoch bald schwächer werden. Inzwischen haben sich viele Japaner an QUERTY-Tastaturen und damit an Rômaji gewöhnt, auch wenn sie ihre Texte weiterhin anschließend in sino-japanische Schriftzeichen konvertieren.

Der Aufsatz von Gottlieb ist sicherlich vor allem deshalb interessant, weil er eine Frage, die sich allen Lernern des Japanischen stellt, fundiert und sehr gut gegliedert beantwortet. Leider erwähnt Gottlieb aktuelle Diskussionen, ob PCs wirklich mit Kanji und Kana arbeiten, oder ob es sich dabei nur um eine Illusion handelt, nur am Rande. Das liegt auch daran, dass der Artikel insgesamt eher deskriptiv ist und wenig theoretische Fragen aufwirft.

CT