From the traditions of J-horror to the representation of kakusa shakai in Kurosawa‘s film Tokyo Sonata

Rosenbaum, Roman (2010): „From the traditions of J-horror to the representation of kakusa shakai in Kurosawa‘s film Tokyo Sonata“. In: Contemporary Japan 22: 1/2. 115–136.

Kurosawa Kiyoshis Film Tokyo Sonata (2008) ist einer der bedeutendsten japanischen Filme der letzten Jahre. Was darin angesprochen wird, ist nicht weniger als die Erschütterung der Grundfesten der japanischen Gesellschaft, die unter anderem durch den Zerfall der Kernfamilie, die Unsicherheit im Beschäftigungssystem und die wachsende gesellschaftliche Polarisierung ausgelöst wird. So ist es erfreulich, dass sich Roman Rosenbaum in seinem Aufsatz diesem herausragenden Werk sehr zeitnah widmet und es in den gesellschaftlichen Kontext einordnet, in dem es steht.

Der Autor weist zunächst auf die Tradition hin, in der Tokyo Sonata steht: Kurosawa Kiyoshis Ansatz ist denshomin-geki der Nachkriegszeit verwandt, Filmen von großem Realismus, die sich thematisch auf die Arbeiterklasse konzentrieren. Ozu Yasujirô und Naruse Mikio sind die bedeutendsten Vertreter dieser Richtung, deren Ziel es ist, die gesellschaftlichen Verhältnisse künstlerisch zu reflektieren.

Tokyo Sonata handelt von einem Vater, der seinen Job verliert, seine Stellung als Familienpatriarch gefährdet sieht und seiner Familie daher verschweigt, in welch misslicher Lage sie sich befinden. Tag für Tag verlässt er wie üblich im Anzug das Haus und verbringt seine Tage mit Jobsuche, aber auch mit Streifzügen durch die Stadt und Besuchen bei einer Obdachlosenküche. Die Kommunikation in der Familie ist längst auf ein Minimum reduziert, was vor allem die Aufnahmen der gemeinsamen Abendessen sehr deutlich zeigen. Rosenbaum ordnet Tokyo Sonata in den Diskurs um die „Polarisierungsgesellschaft“ (kakusa shakai) ein und erläutert wichtige Begriffe, die damit in Zusammenhang stehen.

Ein wichtiger Ansatz in Rosenbaums Analyse ist die Tatsache, dass Kurosawa Kiyoshi hauptsächlich als Regisseur von Horrorfilmen bekannt ist. Rosenbaum sieht in Tokyo Sonata keine völlige Neuorientierung Kurosawas, sondern stellt fest, dass Horror in diesem Film ebenfalls präsent sei, nur in anderer Form: „The film‘s horror consists entirely of the mundane, monotonous everyday alienation suffered by Japan‘s stereotypical family […]“ (S. 123). Zwar zeigt Rosenbaum sehr deutlich auf, wie Kurosawa in seinem Film die Auswirkungen der Polarisierungsgesellschaft auf die japanische Familie portraitiert, jedoch geht der Autor dabei nur sehr begrenzt auf die filmische Ebene ein. Dabei ist es gerade die Art der Inszenierung, die Kurosawas Film so einzigartig macht: Kunstvoll gesetzte Schnitte wie das abrupte Ende des Vorstellungsgesprächs oder die subtil entlarvenden Einstellungen bei den Abendessen sind Beispiele für die handwerklich meisterhafte Umsetzung.

Rosenbaums Aufsatz ist daher vor allem interessant, um den Kontext des Films kennenzulernen. Er verweist auch auf andere Filme, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen, wobei hier auch ein Hinweis auf die Tradition der Darstellung von Familie im japanischen Film, wie sie z.B. von Timothy Iles beschrieben wurde (The Crisis of Identity in Contemporary Japanese Film, 2008), wünschenswert gewesen wäre. Als Orientierung für eigene Filmanalysen ist der Aufsatz weniger geeignet, da durch den Verzicht auf eine tiefergehende Betrachtung der visuellen und auditiven Ebene der gesamte Reichtum dieses Films nicht erfasst werden konnte.

Elisabeth Scherer