Ethnicity, Gender, Education and Language Among Latin Americans in Japan

Castro-Vázquez, Genaro (2011): “Jumping Out of Enclosures: Ethnicity, Gender, Education and Language Among Latin Americans in Japan”. In: Ethnicities 11: 2. 218–244. 

Wer sich mit Einwanderung in Japan beschäftigt, stößt dabei schnell auf die quantitativ größten Gruppen der japanischstämmigen nikkei aus Peru oder Brasilien. Nicht-japanischstämmige Einwanderer, die aus südamerikanischen Ländern wie Kolumbien kommen, werden wenig untersucht. Jedoch ist Einwanderung aus Kolumbien umso präsenter in den offiziellen Statistiken der Zoll- und Polizeibehörden: In der Mehrzahl sind es Frauen, die Japan mit einem legalen Touristenvisum betreten, von den Behörden als illegale Visa-Overstayer aufgeführt werden und zudem mit Drogenhandel oder Prostitution in Verbindung stehen sollen.

Castro-Vázquez zeigt anhand von Interviews mit und teilnehmender Beobachtung bei drei kolumbianischen Familien, mit welchen Problemen sie sich in Japan konfrontiert sehen. Er thematisiert dabei besonders die Perspektive der Betroffenen auf die Entscheidung zur Einwanderung, (Schul-)Bildung und Spracherziehung der Kinder und die Rolle der Mütter, die in zwei Fällen als Prostituierte das Familieneinkommen erwirtschaften.

Theoretisch arbeitet der Autor dabei einerseits mit Bourdieus Begriff des sozialen und kulturellen Kapitals, um Strategien und Probleme der Familien zu identifizieren. Als Hindernis im Prozess des Kapitalerwerbs sieht Castro-Vázquez für seine Fallbeispiele das kulturanthropologische Konzept der „enclosures“ der Anthropologin Lorraine Necel (2001). Necel geht von einer diskriminierenden gesellschaftlichen Einengung von Prostituierten aus, die Castro-Vásquez u.a. auf das Feld des Spracherwerbs als „imagined barriers that constrain Japanese language acquisition from the informant’s perspective“ (220) überträgt.

In den Interviews identifizieren die Familien die höheren Bildungschancen der Kinder als zentrales Motiv für die Einwanderung nach Japan. Beim Erwerb dieses kulturellen wie auch sozialen Kapitals erfahren die Familien allerdings Einschränkungen und Diskriminierungen durch geschlechtsspezifische, sprachliche und ethnische enclosures, die sie versuchen zu überwinden. Castro-Vázquez analysiert sehr anschaulich die Strategien, wobei diese bis zur Verleugnung der – gesellschaftlich negativ besetzten – ethnischen Identität als KolumbianerIn reichen. In „gender enclosures“ sehen sich die Frauen konfrontiert mit den Anforderungen einer Mehrfachrolle als haushaltsführende Mutter, Erzieherin und Ernährerin. Erschwert wird ihre Situation durch die soziale Ächtung, die sie als Prostituierte erfahren und die sich auf die anderen Familienmitglieder ausweitet. Die doppelte „language enclosure“ durch fehlendes sprachliches Wissen der Eltern sowohl in der eigenen wie in der Fremdsprache verstärkt die soziale Isolation der gesamten Familie.

Praxisnähe ist eine bedeutende Eigenschaft von Castro-Vázquez’ Untersuchung, und so thematisiert er auch Lösungsvorschläge wie die Ausweitung von Sprachkursen auf die Eltern. Der Aufsatz ist zwar etwas länger, aber sehr anschaulich verfasst, klar strukturiert und bietet zudem eine gute grundsätzliche Einführung in die Situation von lateinamerikanischen Einwanderern in Japan und deren Kindern im japanischen Bildungssystem. Der Autor stellt die zugrundeliegende Arbeit im Feld, darunter fast 40 Interviews sowie teilnehmende Beobachtung, transparent dar, womit er ein überzeugendes Plädoyer für die Vorteile qualitativer Forschung liefert. Castro-Vázquez abstrahiert die hier beschriebenen Einzelfälle durchaus in einem größeren theoretischen Rahmen des Bourdieu’schen Kapitalbegriffs und – wesentlich stärker – im Konzept der einschränkenden enclosures. Das Konzept der enclosures ist relativ neu und kam bisher nur in spezifischen Kontexten zur Anwendung. Castro-Vázquez Artikel lässt jedoch erahnen, dass es auch auf neue Forschungsfelder ausgeweitet und weiterentwickelt werden könnte. Gerade für interessierte LeserInnen, die qualitativ im Bereich Einwanderung/Diaspora forschen bzw. arbeiten möchten, bietet Castro-Vázquez ein lesenswertes praxisnahes Fallbeispiel.

PB