Civil Society and Nuclear Power in Japan

Dusinberre, Martin und Daniel P. Aldrich (2011): “Hatako Comes Home: Civil Society and Nuclear Power in Japan”. In: The Journal of Asian Studies 70: 3. 683–705. 

Japan ist das erste und einzige Land, was die Folgen eines Atombombenanwurfes unmittelbar erleben musste. Schon diese Tatsache unterstreicht die traumatische Wirkung des Einsatzes. Warum Japan bis zur Dreifachkatastrophe vom 11.3.2011 dennoch einen so großen Teil seines Strombedarfs in Atomkraftwerken produzierte, erschien deswegen vielen als rätselhaft. Da sich besonders die deutsche Berichterstattung zunächst auf den Unfall im AKW Fukushima Daiichi konzentrierte, wurde dieser Eindruck nochmals verstärkt.

Im vorliegenden Artikel versuchen die Autoren, dieses große Mysterium der japanischen Nachkriegsgeschichte aufzudecken. Dafür nutzen sie einen mikrohistorischen Ansatz, bei dem sie sich auf qualitative Interviews und in Archivarbeit generierte Informationen stützen. Die bisherige Forschung in diesem Themenfeld konzentrierte sich meist auf bestimmte Maßnahmen der Zentralregierung oder der regionalen Energiekonzerne. Demnach handelt es sich tendenziell um top-down Analysen. Im Gegensatz hierzu untersuchen die Autoren dieses Artikels Interaktionen zwischen Politik (auf nationaler, präfekturaler und lokaler Ebene), den regionalen Stromversorgern und lokalen Akteuren, wodurch ein vollständigeres Bild der Entwicklung der Atomindustrie in Japan gezeichnet werden soll.

Als Beispiel für die Beobachtung eben dieses vielschichtigen Zusammenspiels wurde die Kleinstadt Kaminoseki in der Präfektur Yamaguchi ausgewählt. Diese liegt nur etwa 70km von Hiroshima entfernt und stellt nicht nur deswegen ein ausgezeichnetes Fallbeispiel für die Beschäftigung mit der Forschungsfrage dar. Gerade an den Bemühungen des regionalen Energiekonzerns Chûgoku Denryoku (CEPCO), ein weiteres Atomkraftwerk neben dem AKW Shimane aufzubauen, lassen sich Taktiken und Zusammenkommen der verschiedenen Akteure gut nachvollziehen.

Die 1970er Jahre NHK-Fernsehserie „Hatoko’s Sea“ (im Original: hatoko no umi) bildet dabei eine Art Rahmen für die Darstellung der Forschungsergebnisse. In „Hatako’s Sea“ wird Kaminoseki zum Anfangs- und Endpunkt des Handlungsverlaufs. Zudem stellt die Verwandlung Japans vom Opfer der Atombombe (hibakukoku) zum überzeugten Nutzer der friedlichen Atomenergie einen Subplot dar. Diese Bezugspunkte zwischen Fernsehserie und der realen Entwicklung werden im Artikel immer wieder aufgegriffen und veranschaulichen so auch, wie gesellschaftliche Fragen medial aufgearbeitet werden können.

Dusinberre und Aldrich stellen zunächst dar, wie Japan seine Abneigung gegenüber der Nukleartechnologie – zumindest oberflächlich – überwinden konnte. Diese „nukleare Allergie“ (kaku aruregi) äußerte sich in verschiedenen „grassroots movements“ und war vor allem mit den Stichworten Hiroshima, Nagasaki und „Daigo fukuryû maru“ verbunden.[1] Im Gegensatz hierzu finden sich auch die Anfänge der Nuklearlobby und die Schaffung pro-nuklearer Institutionen durch japanische Politiker und Bürokraten im selben Zeitraum. Die Autoren betonen jedoch, dass die wichtigsten Initiativen von Seiten der Stromversorger kamen, da Kohle als Energiequelle zunehmend an Bedeutung verlor und Japan somit auf Ölexporte aus dem Ausland angewiesen war. Man erkannte jedoch, dass die starke antinukleare Stimmung in Teilen der Bevölkerung nicht so leicht umgangen werden konnte, so dass ab Ende der 1960er Jahre versucht wurde, nukleare Anlagen in eher abgelegeneren Regionen zu platzieren. Den kleineren regionalen Widerstand zu überwinden, sei einfacher gewesen, als das gesellschaftliche Klima der gesamten Nation zu verändern zu wollen.

Kaminoseki wirkt wie ein Paradebeispiel für einen solchen Ort. Die Kleinstadt verlor zwischen 1950 und 1975 fast 50 Prozent ihrer Bevölkerung und war zudem von einem langfristigen wirtschaftlichen Niedergang betroffen, dessen Wurzeln schon in der Zentralisierung der Meiji-Zeit zu finden sind. Vor dem Hintergrund von Entvölkerung und dem Niedergang der lokalen Wirtschaft verspricht der Bau eines Atomkraftwerks die Schaffung von langfristigen Arbeitsplätzen und kann dementsprechend verlockend wirken. Dieser mögliche Nutzen muss in der Folge dann mit den entsprechenden Kosten eines AKWs abgewogen werden und kann die beteiligten Akteure das Risiko der „nuklearen Allergie“ unter Umständen vergessen lassen.

In Kaminoseki trafen derartige Ängste lokaler Führungspersönlichkeiten auf einen Energiekonzern (CEPCO), der verzweifelt nach einem Ort für ein zweites AKW suchte. Auf dieser Suche hatte der Konzern schon einige Misserfolge hinter sich, was sicher auch an der besonderen historischen Situation um den Firmensitz in Hiroshima lag. Dusinberre und Aldrich beschreiben, wie CEPCO in Verbindung mit Vertretern der Politik durch informelle Vorarbeiten (nemawashi) versuchte, eine pro-nukleare Stimmung in Kaminoseki zu erzeugen. Als Beispiele für dieses „nemawashi“ werden Einladungen zum Essen oder Studienreisen (kengaku) zu verschiedenen AKWs genannt, die an „middle-ranking members of various civil society groups“ (S. 669) adressiert waren. Die Erfolgsaussichten dieses Vorgehens sollen dadurch begünstigt worden sein, dass die verantwortlichen Atombehörden Kleinstädte aussuchten, in denen eine Beeinflussung der lokalen Gesellschaft aufgrund schon vorhandener vertikaler Beziehungsmuster möglich erschien.

Dem Artikel gelingt es, die komplexen sozialen Zusammenhänge anschaulich darzustellen. Neben der Erläuterung der Interaktionen zwischen Staat (Zentral- und Präfektursregierung sowie staatsnahe Konzerne) und Gesellschaft wird vor allem die Bedeutung des Wirkens lokaler Akteure betont. Dies sorgt für eine deutliche Konkretisierung der Situation. Auch die Verbindung der Ergebnisse von Archivarbeit und Empirie mit den Handlungssträngen der Fernsehserie wirkt gekonnt und Verständnis erleichternd. Daraus folgt jedoch, dass der Artikel in Teilen etwas gedrängt oder zu komplex wirkt und in bestimmten Punkten Hintergrundwissen erfordert. Die Übertragung auf die gegenwärtige Situation nach der Dreifachkatastrophe vom 11.3.2011 erscheint dagegen etwas zu kurz und wie nachträglich eingefügt. Dabei legen die Autoren durchaus Ergebnisse vor, die momentane Zusammenhänge in Teilen erklären könnten, bzw. erproben ein methodisches Vorgehen, das bei der Aufklärung der weiteren Entwicklungen helfen kann.

ND