Übersetzung: Das Fabrikschiff

Das-fabrikschiffKobayashi, Takiji (2012): Das Fabrikschiff [Aus dem Japanischen von Alfons Mainka]. Löhne: Cass, 2012. 9,80 Euro, 112 Seiten. ISBN 978-3-9809022-8-1.

 

 

 

Seit der Finanzkrise ist in Deutschland Kapitalismuskritik wieder en vogue: Die deutsche Übersetzung von Stéphane Hessels Essay „Empört Euch!“ führte 2011 zeitweise die Spiegel-Bestsellerliste an. An vielen Universitäten bildeten sich Marx-Leserkreise, und es erschienen Neuauflagen des „Kapitals“, um die steigende Nachfrage zu decken.

Auch in Japan ist zur gleichen Zeit ein ähnliches Phänomen zu beobachten. Ein kleines Buch der sogenannten „Proletarier-Literatur“ taucht plötzlich in den nationalen Bestsellerlisten auf: Kanikôsen, zuerst erschienen 1929, dem Jahr des „schwarzen Freitags“. Der Autor des Romans, Kobayashi Takiji (1903–1933), war Mitglied der Kommunistischen Partei Japans und wurde 1933 wegen seiner marxistischen Überzeugungen und entsprechender Publikationen verhaftet und zu Tode gefoltert. In Kanikôsen schildert Kobayashi unmenschliche Zustände auf einem Krabbenfangschiff, auf dem 400 namenlose Arbeiter unter erbärmlichen Zuständen und unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte arbeiten müssen:

„Bevor die Krabbenfischer schlafen gingen, zogen sie ihre schmutzverklebten Hemden und Hosen aus, setzten sich um den Ofen und hielten die Kleidungsstücke vor sich hin, bis sie trocken waren. Dann schüttelten sie über dem Ofen die Läuse und Wanzen aus den Kleidern. Das Ungeziefer fiel auf die Ofenplatte und verkohlte. Bald stank es im ganzen Raum wie nach verbranntem Menschenfleisch.“ (S. 57)

Wie kommt es, dass 2008 plötzlich wieder so viele Menschen in Japan dieses drastische und düstere Buch lasen, das zum Aufstand aufruft? Ein Auslöser war sicher, dass sich 2008 der 75. Todestag des Autors jährte und seinem bekanntesten Werk Kanikôsen neue Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Im Januar erschien in der Zeitung Mainichi Shinbun ein Gespräch zwischen den Autoren Takahashi Gen’ichirô und Amamiya Karin, in dem sich beide sehr beeindruckt von dem Werk zeigten und seine Aktualität herausstellten. Ab diesem Zeitpunkt häuften sich in den Medien die Vergleiche zwischen Kobayashis Krabbenschiff und dem gegenwärtigen japanischen Arbeitsmarkt. Laut der Yomiuri Shinbun (Mai 2008) bewarben große Buchläden Kanikôsen mit Werbetafeln in ihren Schaufenstern, auf denen zum Beispiel zu lesen war: „Dieses Meisterwerk schildert eine unbarmherzige Arbeitswelt, die auch die ‚working poor’ von heute betrifft, und feiert so in der gegenwärtigen Polarisierungsgesellschaft (kakusa shakai) sein großes Revival.“ Der Bezug zu den working poor, freetern und Leiharbeitern als den „Krabbenfischern“ der Gegenwart wurde im Diskurs über das Werk immer wieder hergestellt. So schrieb im Juni 2008 auch ein Nutzer von Amazon in seiner Rezension zu dem Buch: „Ich glaube nicht an den Kommunismus, aber gleichzeitig denke ich, dass Kapitalismus zu allen Zeiten grausam für die Arbeiter ist. Dieses Werk betrifft auch die working poor von heute.“

2008 kam Kanikôsen in Folge dieses Booms auch in die nationalen Top 10 des Wettbewerbs zum „Modewortes des Jahres“ (Shingo ryûkôgo taishô). Es erschienen Manga-Versionen, eine neue Bühnenbearbeitung und 2009 eine Verfilmung von Sabu (Tanaka Hiroyuki). Kein Wunder also, dass das Werk gerade im Cass-Verlag auf Deutsch unter dem Titel „Das Fabrikschiff“ erschienen ist. Der Verlag musste das Werk nicht erst neu übersetzen, denn bereits 1958 ist eine deutsche Ausgabe im DDR-Verlag „Volk und Welt“ veröffentlicht worden. Das Werk passte damals sehr gut ins Programm: „Arbeitermann stolz, dann gut. In Russland Arbeitermann stolz, Russland gut.“ (S. 43).

Allerdings weist die Übersetzung einige nicht unerhebliche Abweichungen vom Original auf. Zwei Seiten des Buchs erschienen 1958 wohl zu heikel und wurden ganz weggelassen: Dort geht es um den Geschlechtstrieb der Fischer, der sich in Ermangelung von Abfuhrmöglichkeiten alternative Wege bahnt. Für die Neuausgabe von Cass wurde die Übersetzung von Alfons Mainka um diese Stelle ergänzt, ansonsten allerdings nur orthographisch überarbeitet. Auch andernorts zeigen sich in der Übersetzung von 1958 aber semantische Eingriffe verschiedenen Ausmaßes, die man kritisch hätte überdenken müssen. Als die Fischer den Russen bestätigen „Richtig, wir sind arm“ (S. 43), antworten diese: „Ihr nicht Besitzerklasse.“ Auf Japanisch heißt es dagegen dakara, anatagata, puroretaria: „Deswegen ihr Proletarier.“ Auch der weitere Verlauf des Gesprächs ist durch solche kleinen Veränderungen gekennzeichnet. Zu „Reicher Mann, ähää, ähää“ (ebenfalls S. 43) findet sich zum Beispiel im Japanischen keine Entsprechung. Hier zeigt sich der Übersetzer im Einklang mit den Vorgaben der DDR-Zensurbehörde: Die Nuancierung passte den Text noch besser in das eigene politische Programm ein. Einen sehr guten Einblick in die Arbeit des Verlages „Volk und Welt“, der die Weltliteratur innerhalb der Grenzen des in der DDR Publizierbaren erschloss, bietet das Buch „Fenster zur Welt“ von Simone Barck und Siegfried Lokatis (2003). Hier kommen auch ehemalige Mitarbeiter und Übersetzer zu Wort, die schildern, wie sie sich zwar an strenge Vorgaben halten mussten, es manchmal aber doch schafften, kleine subversive Bausteine an der Zensur vorbei in ihre Texte einzuschmuggeln.

Kanikôsen gehörte jedoch eindeutig zu den linientreuen Umsetzungen im Verlagsprogramm: Das Ende des letzten Kapitels und die Nachschrift sind um einige Sätze gekürzt, wobei an dieser Stelle wahrscheinlich eine Verdichtung der letzten, in die Zukunft der proletarischen Sache weisenden Aussagen erreicht werden sollte. Außerdem wurde alles weggelassen, was auch nur die geringste Sympathie für den Aufseher wecken könnte, der in der Geschichte die Grausamkeit des kapitalistischen Prinzips verkörpert. „Sie feuerten ihn noch schmählicher als die Fischer“ heißt es möglichst wörtlich übersetzt bei Kobayashi, und die Worte des Aufsehers lauten wie folgt: „Ah, ist das erbärmlich. So eine Scheiße, bis jetzt wurde ich zum Schweigen gebracht.“ Bei Cass dagegen wird der Aufseher nur „fristlos entlassen“ und sein Kommentar lautet: „Ausgerechnet mich, ihren treuesten Diener, setzt die Gesellschaft an die Luft!“ (S. 102)

Mit dem Erscheinen der Neuausgabe von Kanikôsen bietet sich die Möglichkeit, einen Klassiker der Proletarierliteratur auf Deutsch zu lesen. Die Lektüre empfiehlt sich insbesondere für diejenigen, die sich mit der „Polarisierungsgesellschaft“ und den damit verbundenen Diskursen beschäftigen, da sich seit 2008 in Japan Vergleiche zwischen den im Roman geschilderten Zuständen und der aktuellen gesellschaftlichen Situation häufen. Die Übersetzung muss allerdings sehr mit Vorsicht genossen werden. Wer sich wissenschaftlich mit dem Werk beschäftigen möchte, kommt um eine Konsultation des Originals nicht herum. Andererseits hat die Übersetzung eine ganz eigene Aussagekraft zur Frage der Verlagspolitik in der DDR. Wer sie also im Bewusstsein ihrer Mängel liest, dem können sich weitere Bedeutungsebenen eröffnen.

ESC – Elisabeth Scherer