How do Citizens in East Asian Democracies understand Left and Right?

Jou, Willy (2011): “How do Citizens in East Asian Democracies understand Left and Right?” In: Japanese Journal of Political Science 12: I. 33–55. 

Die Unterscheidung von Parteien eines politischen Systems entlang einer Links-Rechts-Achse ist in der öffentlichen politischen Diskussion – auch von Seiten der (wissenschaftlichen) Eliten – ein gesellschaftlich tief verankertes und institutionalisiertes Charakteristikum der westlichen Demokratien. Der Erfolg oder die Konstanz dieses Systems liegt dabei vor allem in der vereinfachten Orientierung für die Wähler sowie in der erleichterten politischen Kommunikation im Generellen. Zwar lag der Fokus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik aus historischen Gründen auf den westlichen bzw. europäischen Demokratien, doch wird in Ländern mit teilweise ganz anderen ökonomischen und kulturellen Hintergründen mit zunehmender Demokratisierung ebenso das Links-Rechts-Schema übernommen. Demzufolge untersucht Willy Jou in seiner Arbeit mit Hilfe von Umfrageergebnissen aus der World Values Survey (WVS), welche Faktoren und Inhalte die Polarisierung des politischen Systems in ostasiatisch-pazifischen Demokratien strukturieren. Hierbei stellt er fest, dass die Einordnung auf der Links-Rechts-Achse in den drei älteren der untersuchten Demokratien – Japan, sowie Australien und Neuseeland als die zwei „westlich“ geprägten Staaten der Region – relativ klar von sozioökonomischen Faktoren und postmaterialistischen Wertvorstellungen bestimmt wird. Demgegenüber sind die politischen Orientierungen von Bürger der Philippinen, aus Südkorea und aus Taiwan trotz hoher Erkennung oder Nutzung der Unterscheidung zwischen politisch Links und politisch Rechts viel weniger in generellen Politikvorstellungen oder programmatischen Zielen verankert. Dies führt Jou vor allem auf unterschiedliche Ausprägungen der Parteienlandschaft sowie den Faktor „Demokratieerfahrung“, also die Differenzen zwischen älteren und neueren Demokratien in einer rein zeitlichen Dimension, zurück.

Um den Kriterien einer quantitativen sozialwissenschaftlichen Forschung zu genügen, setzt Jou die unabhängigen Variablen – hier trotz korrekter und sinniger Methodik mit sehr knapper theoretischer Untermauerung unterteilt in „identities“ und „beliefs“– in Zusammenhang zu der persönlichen Links-Rechts-Einordnung der Befragten. Im tabellarisch angegebenen Ergebnis können die standardisierten Koeffizienten für jede einzelne unabhängige Variable und alle sechs ausgewählten Länder angesehen werden, so dass die Ergebnisse auch anderweitig genutzt werden können.

Über die Repräsentativität der jeweiligen Samples werden – bis auf die Angabe der Größe – keine weiteren Informationen gegeben, sodass hier möglicherweise ein erneutes Nachschlagen der zugrunde liegenden WVS notwendig wird. Dennoch zeigt der Autor deutlich, welche Rolle das Links-Rechts-Schema sowohl in alten als auch neuen Demokratien fernab von Europa spielt, und wie man Differenzen in den Zusammenhängen zwischen persönlichen Einstellungen und politischer Selbsteinordnung erklären könnte. Inwiefern die Ergebnisse Konsequenzen für die Bewertung der politischen Kultur oder der gesellschaftlichen Verankerung des demokratischen Systems in den untersuchten Ländern haben könnten, wird leider nur kurz angedeutet.

Bezogen auf die Asian Values Debatte, also inwiefern in Asien andere, einer Demokratisierung eher entgegenstehende Werte gültig sind, lässt sich festhalten, dass unterschiedliche Ausprägungen der demokratischen Systeme wahrscheinlich nicht in verschiedenen, unveränderbaren Wertvorstellungen begründet liegen, sondern dass vielmehr unterschiedliche historische Hintergründe, Unterschiede in der Entwicklung des politischen Systems und sozioökonomische Faktoren eine Rolle spielen. In diesem Sinne könnte man Jous Thesen unter Umständen auch für Arbeiten zum Japandiskurs und gegenüber Argumenten einer grundsätzlichen kulturellen Andersartigkeit der Japaner nutzen. Doch bietet der Artikel nicht nur in dieser Hinsicht spannende Ansätze und Ergebnisse, so dass sich das Lesen besonders für Abschlussarbeiten mit politikwissenschaftlichem Hintergrund durchaus lohnen kann. Ein wenig Vorwissen – inhaltlich wie auch bezogen auf das englische Fachvokabular – ist dabei jedoch von Nöten, weshalb sich die Lektüreempfehlung eher an fortgeschrittenere Studierende richtet.

ND