The Professional Wrestler Rikidôzan as a Site of Memory

Thompson, Lee (2011): “The Professional Wrestler Rikidôzan as a Site of Memory”. In: Sport in Society 14: 4. 532–541. 

Vor Japans Fernsehbildschirmen der 1950er Jahre sammelten sich Menschenmassen, die nur eines sehen wollten: wie der professionelle Wrestler Rikidôzan seine – meist amerikanischen – Gegner mit dem „Karate Chop” besiegte. Diese späten Siege Japans über die USA machten Rikidôzan zu einem der bekanntesten Sportler seiner Zeit und in den Augen mancher Kommentatoren zu Japans „ethnic hero“ (minzoku no eiyû, 533).

Aber die Rolle von Rikidôzan als Vertreter eines wiedererstarkten Japans und seine damit verbundene identitätsstiftende Funktion ist weniger eindeutig als man annehmen könnte. Ausgangspunkt von Lee Thompsons kritischer Auseinandersetzung mit Rikidôzan ist die Theorie der Erinnerungsorte von Pierre Nora. Diese Theorie versteht nicht nur geographische Orte, sondern auch Personen als Erinnerungsorte. Der Autor begreift Rikidôzan insofern als Beispiel eines japanischen Erinnerungsortes, der konstruiert und instrumentalisiert wurde sowie bis heute unterschiedliche Zuschreibungen erfährt.

Zur Einführung skizziert Thompson den Prozess, der Rikidôzan in den 1950er Jahren zu einem nationalen Helden machte. Als wesentliche Einflussfaktoren identifiziert er japanische Medien wie Zeitungen und Fernsehsender, die seine Popularität förderten und versuchten, so um Leser bzw. Zuschauer zu werben. Auch politische Parteien und Institutionen unterstützten die inszenierten Kämpfe, von der Kooperation der ausländischen „Gegner“ bei der Darstellung japanischer Nachkriegskraft ganz zu schweigen.

Die klare Zuordnung Rikidôzans als japanischer Erinnerungsort endete in den 1970er Jahren, als nach seinem Tod veröffentlicht wurde, dass er Koreaner war. Thompson zeigt diesen Umbruch anhand der Versuche innerhalb der biographischen Literatur, Rikidôzan in alternative Kontexte einzuordnen: als Nord- bzw. Südkoreaner oder als in Japan lebender zainichi-Koreaner. Dazu kommen spätere Umdeutungen als Weltbürger, als internationaler Unternehmer oder die persönliche Perspektive der Familie.

Thompson analysiert gekonnt, wie Konstruktionen von Erinnerung als Prozess zwischen verschiedenen Akteuren mit unterschiedlichen Zielen vorangetrieben wurden und bis heute werden. Als Experte für Sport in Japan und Rikidôzan hat er sich eingehend mit dessen Inszenierung beschäftigt. So profitiert der kurze Text sowohl vom umfangreichen Wissen des Verfassers als auch von der Vielzahl der japanischen Quellen. Der Artikel ist klar strukturiert, gut lesbar geschrieben und auch ohne weitere Vorkenntnisse gut verständlich. Das Beispiel Rikidôzan eignet sich dabei hervorragend, um die Wandelbarkeit von Erinnerung zu veranschaulichen – und so kann Thompsons Analyse als Vorbild für weitere Untersuchungen von Erinnerungsorte wirken.

PB