The Asian Values Thesis Revisited

Welzel, Christian (2011): “The Asian Values Thesis Revisited: Evidence from the World Values Surveys”. In: Japanese Journal of Political Science 12: I. 1–31. 

Die Asian Values Theory versucht Unterschiede von politischen und sozialen Entwicklungen auf der Welt mit dem Aufbau eines Gegensatzes zwischen einem eher antidemokratischen Kollektivismus Asiens und einem westlichen Individualismus und Liberalismus zu erklären. Die politische Brisanz liegt dabei darin, dass so das westliche Sendungsbewusstsein bestimmter Wert- und Menschenrechtsvorstellungen geschickt untergraben wird. Zwar führte die enorme Beachtung, die dieser noch recht jungen, letztlich 1994 vom damaligen Staatschef Singapurs – Lee Kwan Yew – ausgesprochenen Theorie in positiver wie negativer Form geschenkt wurde, dazu, dass sie auch in vielen wissenschaftlichen Texten zum Thema wurde. Doch weisen die bisherigen empirischen Überprüfungsversuche laut Autor Christian Welzel fast ausnahmslos Mängel auf, da die gewählten Forschungsdesigns für aussagekräftige Vergleiche zwischen Asien und dem Westen unpassend seien. So bleiben die zwei wichtigsten Hypothesen der Asian Values Theory ungeprüft. Diese sind erstens, dass sich Menschen in asiatischen Ländern unabhängig von ihrem Modernisierungsgrad den emanzipativen Werten (im Original: „emancipative values“) des Westens widersetzen, und zweitens, dass, da eben diese Werte nicht geteilt werden, auch die liberale Demokratie westlicher Prägung dementsprechend unerwünscht sei.

Theoretischer Hintergrund von Wenzels Studie ist dabei die ebenfalls unter seiner Mitwirkung erarbeitete Human Development Thesis, welche Modernisierung als einen evolutionären Prozess deutet, in dem Menschen graduell Handlungsfreiheit erlangen. Diese Entwicklung des „people empowerment“, welches mit „human development“ gleichgesetzt wird, verläuft dabei über drei Stufen (cognitive, motivational und legal empowerment), die wiederum (in gleicher Reihenfolge) mit bestimmten intellektuellen Ressourcen, emanzipativen Werten und der Umsetzung von liberaler Demokratie zusammenhängen. Diese drei Zusammenhangsketten beeinflussen sich zudem noch untereinander.

Die vielschichtigen Ergebnisse von Welzels quantitativer Untersuchung bestätigen die Asian Values Thesis nicht. Bezogen auf Werte und Demokratieverständnis müsse man die vorfindbaren Unterschiede zwischen asiatischen und westlichen Ländern als graduell – im Sinne des Schemas der Human Development Thesis – anstatt als kategorisch deuten. Die Differenzen zwischen ost- und südasiatischen Ländern sind im Allgemeinen größer als die zwischen beiden asiatischen Ländergruppen und den westlichen Ländern. Hierdurch sieht der Autor einen evolutionären Universalismus im Gegensatz zu kulturrelativistischen Theorien oder Thesen einer Vielzahl von Modernen (z.B. Eisenstatt) insofern bestätigt, als das „people empowerment“ und somit auch liberale Demokratie irgendwann in jeder Gesellschaft zum Thema werden muss.

Welzels Ergebnisse sind in ihrer Bedeutung nicht zu vernachlässigen, da sie weitreichende Konsequenzen für wissenschaftliche Debatten und politische Praxis nach sich ziehen können. Seine verschiedenen Teilergebnisse sind aufgrund der zahlreichen Grafiken auch gut nachvollziehbar. Dennoch rate ich vor einer Verwendung oder für eine Bewertung seiner Arbeit unbedingt, sich mit seinen theoretischen Vorannahmen – also der oben erwähnten Human Development Thesis – zu beschäftigen, auch weil diese im Artikel nur kurz und sehr oberflächlich erläutert werden. Problematisch ist hier, dass universalistische Theorien immer von der Geschichte – bzw. geschichtlichen Deutung – von Modernisierung in Europa und somit vom westlichen Muster und Idealbild ausgehen. Aus der europäischen Entwicklung abgeleitete Kategorien für die Einordnung und Bewertung von anderen Ländern fließen folglich als eine indirekte Form von Eurozentrismus mit in die Analyse ein. Das stärkt der politisierten Argumentationslinie der Asian Values Theory – nämlich die Infragestellung der universalen Gültigkeit der westlichen Menschenrechte – in gewisser Weise nur den Rücken. Zudem muss mit Begriffen wie „Moderne“, „Modernisierung“ und „Entwicklung“ meiner Meinung nach viel kritischer umgegangen werden, als Welzel es tut.

ND