Aufsätze aus Minikomi 2012: Schwerpunkt Okinawa

Die Ausgabe 82 der Zeitschrift Minikomi, herausgegeben vom Akademischen Arbeitskreis Japan der Österreichischen Japangesellschaft für Wissenschaft und Kunst, befasst sich  mit dem Themenschwerpunkt  Okinawa. In dieser Ausgabe finden sich Aufsätze von neun Autoren in englischer bzw. deutscher Sprache, die sich  der Region Okinawa in erster Linie aus kulturwissenschaftlicher Perspektive annähern. In dieser Rezension sollen einige dieser Aufsätze vorgestellt werden. 

Meyer, Stanislaw (2012): „Okinawa: a different Japan? A historian’s perspective“. In: Minikomi 82: 5–10.

Meyer betrachtet die diskursive Verortung Okinawas im japanischen Nationalstaat aus historischer Perspektive und bezieht sich in erster Linie auf die Forschungen Yanagita Kunios, Yanagi Muneyoshis und Iha Fuyūs zu Okinawa. Meyer teilt den Wandel der Wahrnehmung Okinawas in unterschiedliche Phasen und beginnt mit der kulturellen Überhöhung Okinawas als das „wahre und unverfälschte“ Japan, das durch idealistisch veranlagte Forscher wie Yanagita und Yanagi konstruiert worden sei. Hierzu merkt Meyer kritisch an: „Okinawa became a recipient of Yamato culture and its preserver, but it was Yamato, not Okinawa, that had created Japan“ (6). Es folgte eine Phase, in der Okinawa aufgrund der nationalistischen Expansionspolitik der 1930er in den Fokus japanischer Ideologen geriet und das weit verzweigte Handelsnetz des Ryūkyū-Königreichs als historisches Vorbild für die Expansionspolitik (hakkō ichiu) herangezogen wurde: „[…] when Japan embarked on a colonial expansion in Asia, Japanese ideologists all of a sudden discovered truly Japanese virtues among the Okinawansʼ ancestors.“ (7).

Das kulturelle und historische Selbstbild der Okinawaner versucht Meyer anschließend über die Abhandlungen Iha Fuyūs zu verdeutlichen. Iha gilt als der Begründer der Theorie der gemeinsamen Herkunft von Okinawanern und Yamato-Japanern (Nichiryū dōsoron) und sah in der Eingliederung Okinawas in den japanischen Nationalstaat eine Art Wiedervereinigung. Im Zuge der Wirtschaftskrise in den 1920ern relativierte er seine positive Einstellung zu Japan und konstruierte ein Okinawa, dass von seiner eigenen Geschichte erschlagen werde (ebd.). Jedoch sei Meyer zufolge sowohl die ausschließlich positive als auch eine negative historische Betrachtung der Beziehung zwischen Okinawa bzw. Ryūkyū und (Yamato-)Japan irreführend. Er diskutiert abschließend die Frage, ob Ryūkyū nicht bereits vor der Auflösung des Königreichs Ryūkyū 1879 als Teil des Tokugawa-Reiches betrachtet werden könnte. Einige Historiker argumentieren, dass Ryūkyū damals schon Teil des Lehenssystems (bakuhan) gewesen sei. Jedoch kommt Meyer zu einer anderen Schlussfolgerung. Okinawa vor 1879 teile nicht die Erfahrungen Japans: „Modernization was imposed from above, Western civilization had first been filtered and digested by Japan, and the legacy of Ryūkyū little contributed to the rise of modern Okinawa” (9). Aus diesem Grund sei Okinawa „a different Japan“ (ebd.).

Meyers Überblick über das historisch sehr ambivalente Verhältnis zwischen Japan und Okinawa  bietet eine fundierte Grundlage bezüglich des historischen Hintergrunds, der das Selbstverständnis Japans bzw. Okinawas prägt. Zugleich wirkt der Aufsatz mitunter beliebig in der Wahl der historischen Phasen und lässt eine Fokussierung auf eine bestimmte Epoche vermissen. Insofern bietet er  zwar gute Ansätze bezüglich der Anwendung von Theorien wie die der „invented tradition“ nach Hobsbawn/Ranger (1983), indem er die historisch sehr unterschiedliche Wahrnehmung Okinawas nachzeichnet. Gleichzeitig kann der Aufsatz, seiner Kürze geschuldet, lediglich einen rudimentären Überblick über die historischen Erfahrungen liefern, die das Bild Okinawas in Japan und Japans in Okinawa konstruierten. Als erster Einstieg in die Geschichte Okinawas innerhalb Japans ist dieser Aufsatz dennoch empfehlenswert.

Hein, Ina (2012): Okinawa-Repräsentationen postkolonial betrachtet. In: Minikomi 82: 11–18.

Ina Hein geht in ihrem Beitrag der Frage nach, ob das gegenwärtige Verhältnis zwischen Okinawa und dem japanischen Kernland als „postkolonial“ einzustufen sei, obgleich Okinawa, anders als Taiwan oder Korea, nie den Status einer japanischen Kolonie besaß. Konkret bezieht die Autorin sich auf die Repräsentation Okinawas als „exotisches Inselparadies“ in den japanischen Massenmedien und den Gegendiskurs hierzu in Okinawa. Nach einem kurzen und aufs Wesentliche beschränkten Überblick über die Geschichte Ryūkyūs bzw. Okinawas argumentiert Hein, dass der historische Hintergrund auf eine Kolonialisierung durch Japan hindeute und dass es sich bei Okinawa um eine „Beherrschungskolonie“ (nach Osterhammel 2006) handle. Das Konzept der Hybridität als drittem Raum zwischen Kolonialisierer und Kolonialisiertem und des Mimikry nach Homi Bhabha (1990) sei eine Möglichkeit, die Perspektive vom Kolonialisierer auf den Kolonialisierten zu verschieben und somit das sog. Writing back der marginalisierten Kultur überhaupt zu ermöglichen.

Zu den positiven Okinawa-Bildern der Gegenwart schreibt Hein: „Okinawa wird also ganz offensichtlich als Gegenentwurf zu einem durch die Hypermodernisierung der vergangenen Dekaden korrumpierten Japan konzeptualisiert“ (15). Als Beispiel innerhalb der postkolonialen Gegendiskurse nennt Hein die Filme des okinawanischen Regisseurs Takamine, dessen Werke eine klare Dekonstruktion der klaren Grenzziehungen (Othering) der Kolonialisierer darstellten, da Takamine nicht von einer authentischen und monolithischen Okinawa-ness (15) ausgehe und sich seine Filme durch ihre Collagenhaftigkeit und eine Vielfalt der Perspektiven der Versteh- und Konsumierbarkeit entzögen. Andere Beispiele sind die ironisierende Form der Mimikry in der Fernseh-Comedy „Okinawa obā retsuden“ oder das Konterkarieren der gängigen Okinawa-Klischees durch den Horror-Film „Akō Kurō“, in dem Okinawa grau und düster dargestellt wird. In „Akō Kurō“ und in der Superhelden-Serie „Ryūjin Mabuyā“ tritt Japan gar nicht in Erscheinung, sodass von einem othering gegenüber Japan nicht die Rede sein könne. Abschließend bemerkt Hein, dass dieses Writing back der kolonialisierten Okinawaner den hegemonialen Diskurs bezüglich des exotischen Okinawas kaum verändert habe, jedoch erste Tendenzen einer Hybridisierung im postkolonialen Verhältnis Japans und Okinawas zumindest durch den Erfolg der Serie „Ryūjin Mabuyā“ angedeutet werden können.

In der Kürze des Textes versteht es Hein, die notwendigen Theorien und den Hintergrund der postkolonialen Okinawa-Repräsentation auf die wesentlichen Punkte zu beschränken. Die Zusammenführung der theoretischen Grundlagen mit konkreten Fallbeispielen des okinawanischen Writing Back ist gelungen. Für Studierende ist dieser Aufsatz ein ausgezeichneter Einstieg, um Beispiele für die Selbstbehauptung der Okinawaner gegenüber dem japanischen „Kolonisierer“ zu sammeln und einige Begriffe der Postkolonialismus-Theorie kennenzulernen. Wegen der thematischen Fokussierung des Aufsatzes auf diese Theorie kann leider nicht auf okinawanische Kulturprodukte eingegangen werden, die das Bild vom „exotischen Inselparadies“ reproduzieren. Der Einblick in die kulturelle Selbstbehauptung Okinawas ist also sehr gelungen, jedoch auch nur ein Aspekt des Diskurses um Identität, Kultur und Selbstbehauptung, der zwischen Okinawa und Japan stattfindet.

Spoden, Celia (2012): Die Bedeutung des Fremden für die narrative Konstruktion von Identität. In: Minikomi 82: S. 27–32.

In ihrem Artikel versucht Celia Spoden die Rolle des Fremden für die Konstruktion des Eigenen am Beispiel eines narrativen Interviews mit Herrn S, geboren 1952 in Okinawa, zu erörtern. Dabei konzentriert sie sich  auf die Grenzziehungen, die Herr S im Interview zwischen sich und dem Fremden/Anderen macht. Ihre methodische Vorgehensweise begründet sie mit Brockmeier (2003): „Die Methode des narrativen Interviews geht davon aus, dass die Selbstzuschreibung einer Lebensgeschichte der Schlüssel zu Identitätskonstruktion ist“ (28).

Herr S schildert im narrativen Interview seine Begegnungen mit der amerikanischen Kultur und konstruiert die amerikanische Lebensweise als Sinnbild für Moderne. Hierbei bezieht er sich nicht nur auf die Familienform der Kleinfamilie mit männlichem Hauptverdiener und Hausfrau in Abgrenzung zu seiner eigenen okinawanischen Großfamilie mit der arbeitenden Mutter, sondern auch auf die moderne Ausstattung des amerikanischen Haushalts mit Elektrogeräten. Wertend beschreibt S die moderne (als amerikanisch etikettierte) Lebensweise als „fortschrittlich“ und die eigene traditionelle Familie  als „rückständig“. Die Faszination gegenüber der amerikanischen Kultur bleibt S zwar erhalten, jedoch integriert er in seine Erzählung auch Bestandteile der Opfer-Narrative, die Okinawa und seine Bewohner als Opfer der Mächte USA und Japan sieht. Bestandteile der Opfernarrative, die im narrativen Interview eine Rolle spielen, sind die Studentenbewegung, die Friedensbewegung und die Diskriminierung durch die Mächte Japan und USA. Eine Grenzziehung vollzieht Herr S dabei zwischen den kulturellen Nebenprodukten der US-Militärbasen (Rock-Konzerte in Koza) und den Militärbasen an sich, da er trotz  seiner Faszination mit der amerikanischen Kultur gegen die US-Militärbasen und für die Rückgliederung ans „Mutterland“ demonstrierte.

Spodens Fallbeispiel Herr S reflektiert viele Erfahrungen der okinawanischen Nachkriegsgeneration zwischen amerikanischer Besatzung, Rückgliederung an Japan und Besinnung auf eine eigene regionale Identität. So ist die Form des narrativen Interviews für diese Art der Forschung sehr ergiebig und zeigt zugleich, wie sich große gesellschaftliche Umwälzungen in Okinawa im Lebenslauf eines Individuums niederschlagen können. Obgleich es sich um ein nicht unbedingt repräsentatives Fallbeispiel handelt, wird dieses immer wieder in Zusammenhang mit den soziokulturellen Veränderungen in Okinawa gebracht, sodass die Entwicklungen der Nachkriegszeit sehr lebendig und gut nachvollziehbar werden. Zudem stellt Spodens Aufsatz die komplexe individuelle Identitätskonstruktion und damit verbundene Abgrenzung zum „Fremden“ anschaulich dar und zeigt, wie sich die Grenzziehungen zum „Fremden“ verschieben und je nach Kontext dem individuellen Lebenslauf anpassen.

AJ