Zwei Bücher zur Begegnung von Kulturen in Populärkultur und Kunst

transbuecherAdachi-Rabe, Kayo; Becker, Andreas; Mundhenke, Florian (Hrsg., 2010): Japan – Europa. Wechselwirkungen zwischen den Kulturen im Film und in den darstellenden Künsten. Darmstadt: Büchner.

Gössmann, Hilaria; Jaschke, Renate; Mrugalla, Andreas (Hrsg., 2011): Interkulturelle Begegnungen in Literatur, Film und Fernsehen. Ein deutsch-japanischer Vergleich. München: Iudicium. 

Transkulturelle Strömungen in der japanischen Literatur sowie in der Populär- und Medienkultur sind zu einem fruchtbaren Forschungsfeld avanciert. Die Aneignung japanischer Anime und Manga in Deutschland, die weltweite Rezeption japanischer Fernsehserien über das Internet und die wachsende Präsenz von Autoren mit einem multikulturellen Hintergrund auf dem japanischen Literaturmarkt sind nur einige Beispiele für Entwicklungen, die ein Aufbrechen kultureller Grenzen verdeutlichen.

Derartige Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Kulturen und ihr Niederschlag in den Künsten stehen im Fokus zweier Sammelbände, die 2010 und 2011 erschienen sind: „Japan – Europa“ und „Interkulturelle Begegnungen in Literatur, Film und Fernsehen“. Beide Bücher verdeutlichen mit ihren Beiträgen die Vielfalt, die durch die gegenseitige Durchdringung von Kulturen entsteht. „Japan – Europa“ konzentriert sich dabei auf Film und darstellende Künste, während „Interkulturelle Begegnungen“ sich vor allem mit Literatur und Film beschäftigt, aber unter anderem auch historische und sozialpädagogische Perspektiven mit einbezieht.

Die Herausgeber von „Japan-Europa“ gehen in ihrer Einleitung vor allem auf das Medium Film ein und verdeutlichen dessen Bedeutung als globales Medium. Schon kurz nach der Erfindung des Films wurde dieser dafür genutzt, Eindrücke von fernen Ländern zu vermitteln sowie andere Orte und Menschen und ihren Alltag kennenzulernen. „Das filmische Medium wurde zu einer Plattform, auf der sich die Kulturen austauschten und einander ästhetisch begegneten“, heißt es in der Einleitung (S. 7). Adachi, Becker und Mundhenke verweisen dabei auch auf die kulturellen Hintergründe, die sich in der ästhetischen Aneignung des Mediums zeigen, wie zum Beispiel bei den berühmten sehr niedrigen Kamerapositionen des japanischen Regisseurs Ozu Yasujirô.

In den Aufsätzen von Mariann Lewinsky und Hyunseon Lee geht es um Bilder des „Japanischen“, die im Stummfilm-Kino auftauchen. Im Stummfilm-Programm von Pathé Frères finden sich Dokumentarfilme zu japanischem Kunsthandwerk und auch fiktionale Werke, die wie Lewinsky bemerkt überraschend frei von stereotypen orientalistischen Narrativen sind. Diese in den Filmen spürbare Bereitschaft, Japan zu bewundern und ernsthaft zu studieren sei möglicherweise auf den Japonismus zurückzuführen, der in der französischen Kultur eine Neugier und Offenheit anderen Kulturen gegenüber bewirkt habe. Wie Hyunseon Lee darstellt, ging es in Verfilmungen des Madame-Butterfly-Stoffes dagegen weniger um das Verstehen einer anderen Kultur als um das Ausschöpfen des Potentials des Mediums Film. In Filmen wie Harakiri von Fritz Lang (1919) und The Toll of the Sea von Chester Franklin (1922) stehe vor allem ein „performativer dekorativer Exotismus“ (S. 84) im Vordergrund und es sei eine deutliche „Kommodifikation der japanischen und asiatischen Frauen“ (S. 92) erkennbar.

„Japan – Europa“ thematisiert andererseits auch, wie japanische Filmemacher sehr stark von europäischen Vorbildern oder Strömungen beeinflusst wurden. So legen Natalie Böhler und Simone Müller dar, wie sich in dem Werk des Regisseurs Ôshima Nagisa, speziell dem Film Kôshikei („Tod durch Erhängen“), starke Parallelen zu Jean-Paul Sartres Existenzialismus zeigen. Kayo Adachi-Rabe zeigt die transkulturelle und transmediale Entwicklung des Doppelgänger-Motivs auf, das auch als Analogie zum Medium Film gesehen werden kann. Sie erläutert, wie der frühe Doppelgänger-Film Der Student von Prag (1913) literarische Motive u.a. von E.T.H. Hoffmann übernimmt und wie diese Motive durch die neue Medialität eine weitere Bedeutungsebene erhalten. Der Student von Prag wurde in Japan früh rezipiert – der Schriftsteller Tanizaki Junichirô war zum Beispiel begeistert von der illusionären Qualität des Films. Auch im gegenwärtigen japanischen Kino ist das Doppelgänger-Motiv weiter präsent und liefert eigene Interpretationen, wie in Kurosawa Kiyoshis Film Doppelgänger (2003): „Man sieht das Phantom klar und real als Erzeugnis der perfekten Reproduzierbarkeit des digitalen Zeitalters.“ (S. 149).

Marcus Stiglegger liefert in seinem Aufsatz „J-Horror im Westen“ einen allgemeinen Überblick über das Genre J-Horror und geht anschließend auf die Adaptionen im Westen ein. Zwar finden sich hier einige interessante Interpretationsansätze zu J-Horror-Filmen, die auf eine Widerspiegelung der japanischen Gegenwartsgesellschaft hinweisen, Erklärungen zu kulturellen Hintergründen der Filme sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Wenn zum Beispiel vom „Genresynkretismus“ die Rede ist, „der zugleich shintôistische Motive in die westliche Industriegesellschaft trug, wie er die moderne westliche Lebensart mit animistischer Tradition verband“ (S. 180), klingt das sehr nach der altbekannten Dichotomie von „Tradition und Moderne“, die auch gerne in Nihonjinron-Argumentationen anklingt. Auch sind die Erläuterungen zum japanischen Geisterglauben sowie zum Einfluss des klassischen japanischen Theaters auf den Horrorfilm stark verkürzt und kaum mit Quellenangaben versehen. Dies führt zu ebenso verknappten Feststellungen in der vergleichenden Analyse, wo zum Beispiel von „Nakatas shintôistisch inspirierter Vorstellungswelt“ (S. 191) die Rede ist. Für diesen Aufsatz hätte es sich empfohlen, weniger den Rundumschlag anzustreben als stärker auf konkrete Veränderungen einzugehen, die sich durch den „transkulturellen Transport“ des Grusel-Stoffes ergeben haben.

Der Sammelband von Gössmann, Jaschke und Mrugalla versammelt Arbeiten, die seit dem Jahr 2000 entstanden sind, viele davon im Kontext eines Forschungsprojektes der Japanologie Trier zu interkulturellen Begegnungen im deutsch-japanischen Vergleich. In dem Buch kommen verschiedenste Ansätze zum Einsatz, und Literatur ist nicht nur als Forschungsgegenstand, sondern auch mit einem Essay von Yoko Tawada und einer Kurzgeschichte von Takako von Zerssen präsent. Diese Zusammenstellung, die auf den ersten Blick etwas willkürlich anmuten mag, ist ein bewusster Schritt der Herausgeber: „Schließlich ist gerade diese Pluralität im Kontext der interkulturellen Begegnung ein prägendes Phänomen.“ (S. 5).

In der Einleitung geben die Herausgeber einen kompakten Überblick über die Präsenz der Thematik „interkulturelle Begegnungen“ in Populärkultur und Literatur und nennen viele relevante Werke, besonders aus dem Bereich des Films und des Fernsehens. Das Fazit der Herausgeber zu den Fallbeispielen lautet: „‚Fremdes’ und ‚Eigenes’ wird über die Dichotomie ‚Tradition versus Moderne’ zum Ausdruck gebracht.“ (S. 29). Gleichzeitig gebe es aber auch immer mehr Werke, die derartige Dichotomien aufbrechen oder hinter sich lassen.

Ein besonders interessanter Ansatz des Bandes ist es, die „deutschtürkische“ Kultur und die „japankoreanische“ Kultur bzw. ihre jeweilige Präsenz in Literatur und Film einander gegenüberzustellen. So stellen Muharrem Açikgöz und Renate Jaschke fest, dass die Lindenstraße mit ihrer Tendenz, sozialkritisch wirken zu wollen, zwar teilweise eine positive Richtung in der Darstellung türkischer Figuren einschlage, letztlich aber kontraproduktive Signale sende. Männliche türkische Figuren wirken demnach teilweise bedrohlich und hinterlistig, während weibliche Figuren oft in der Opferrolle verharren. Die Türkei stehe damit, so die Autoren, in der Lindenstraße immer noch für das Traditionelle, während Deutschland bzw. deutsche Figuren eine moderne Lebensauffassung vertreten. In Japan ausgestrahlte Fernsehserien, in denen südkoreanische oder japankoreanische Figuren auftreten, konzentrieren sich hingegen eher auf die Nähe Südkoreas zu Japan, wie Kristina Iwata-Weickgenannt herausarbeitet. Koreanische Figuren in Serien sind jung, aufgeschlossen und unterscheiden sich kaum von japanischen Jugendlichen. Gleichzeitig gibt es in Japan aber auch Sendungen, die einen sehr nostalgischen Blick auf Korea erkennen lassen, teilweise unter Ausblendung von geschichtlichen Tatsachen wie der Kolonialisierung Koreas durch Japan.

Der einzige Beitrag des Bandes, der einen direkten Vergleich zwischen künstlerischen Werken aus Japan und Deutschland zieht, ist Stephanie Klasens Aufsatz über die beiden sehr erfolgreichen Filme Pacchigi! (2005) und Gegen die Wand (2004). Die direkte Gegenüberstellung erweist sich hier als sehr fruchtbar: Wie Klasen zeigt, wird in beiden Filmen eine Position des „Dazwischen“ thematisiert, die sich in der Situation der Hauptfiguren (als Angehörige der japankoreanischen bzw. deutschtürkischen Minderheit), aber auch in der Raumorganisation der Filme zeigt. Beide Filme enthalten, so wird deutlich, transkulturelle Tendenzen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. In einem Band, der als Untertitel „Ein deutsch-japanischer Vergleich“ trägt, wünscht man sich als Leser noch weitere derartige Beiträge, die tatsächlich mit Werken aus beiden Ländern arbeiten.

Beide Sammelbände sind nicht so konzipiert, dass man sie komplett lesen wird. Dafür sind viele Beiträge zu speziell. An transkulturellen Strömungen interessierte Leserinnen und Leser finden hier jedoch in einzelnen Beiträgen sicher gute Anregungen. Als Artikel mit einführendem Charakter sind in „Japan – Europa“ zum Beispiel der Beitrag von Mariann Lewinsky über Stummfilme und Ralf Michael Fischers Aufsatz zu japanischer Bildästhetik zu empfehlen. In „Interkulturelle Begegnungen“ sind vor allem Kristina Iwata-Weickgenannts Beitrag über die koreanische Minderheit in Japan sowie Hilaria Gössmanns und Griseldis Kirschs Blick auf japanisch-koreanische Begegnungen in Fernsehserien von allgemeinerem japanologischen Interesse.

ESC – Elisabeth Scherer