Revisionism and the Nanjing Atrocity

Yang, Daqing (2011): “Revisionism and the Nanjing Atrocity (Review Essay)”. In: Critical Asian Studies. 43: 3. 625–648.

Das Nanjing/Nanking-Massaker (1937/38) steht oft im Fokus populärwissenschaftlicher wie akademischer Debatten um den Umgang mit neuerer und zugleich umstrittener Geschichte in Ostasien. Vor allem seit Iris Chang in den 1990ern ihre kontroverse These eines „vergessen Holocausts“ veröffentlichte, erschienen zahlreiche Bücher verschiedener Autoren – darunter eine Vielzahl von professionellen Historikern – in denen neue Erkenntnisse zum „Fall Nanjing“ präsentiert werden sollten. Im vorliegenden Artikel stellt Daqing Yang („Associate Professor of History and International Affairs“ an der George Washington University in Washington, D.C.) ausgewählte Werke aus dieser Phase vor und benennt Stärken und Schwächen der jeweiligen Argumentationen.

Im Hintergrund dieser Buchbesprechungen steht das ambivalente Verhältnis der Geschichtswissenschaften zu geschichtsrevisionistischen Strömungen. Einerseits steht Revisionismus für eine offen und kritisch arbeitende Wissenschaft, die die Vitalität und Wandelbarkeit von Geschichte anerkennt und deren Selbstverständnis darauf basiert, das kein Feld jemals endgültig erforscht sei. Diesem weitestgehend positiv bewerteten Revisionismus stehe das negative Bild eines politisierten Geschichtsrevisionismus gegenüber, welcher seine unwissenschaftliche Vorgehensweise geschickt kaschiert, um zwanghaft neue, in der Regel ideologisch gefärbte Narrative erschaffen und verbreiten zu können. Ein fehlender Konsens über eine Definition von Revisionismus erschwere den Ausbruch aus diesem Spannungsfeld.

Der Autor stellt in der Folge sechs (bzw. sieben) Werke zur Nanjing-Debatte ausführlicher dar und beleuchtet dabei gute Seiten wie Schwachpunkte der jeweiligen Argumentationen im Hinblick auf ihren revisionistischen Charakter. Der Herkunft der Autoren folgend unterscheidet Yang zwischen einem japanischen, US-amerikanischen und chinesischen Revisionismus. Bei eher als populärwissenschaftlich einzustufenden Büchern zweier japanischer Forscher – Higashinakano Osamichi und Kitamura Minoru – kritisiert Yang trotz guter Ansätze das verwendete Prinzip des negativen Beweises, die intentionale Zurückhaltung wichtiger Zusammenhänge im Umgang mit historischen Quellen, sowie (im zweiten Fall) möglichen Übersetzungsfehlern von japanischem Original zu der untersuchten englischsprachigen Veröffentlichung. Auch akademische Veröffentlichungen aus den USA (Takashi Yoshida, und Bob Tadashi Wakabayashi) geraten aufgrund von thematischen Auslassungen, eindimensionalen Argumentationsmustern oder dem unkritischen Umgang mit historischen Quellen in die Kritik. Zum Ende werden zwei chinesische Autoren vorgestellt – Sun Zaiwei, und Cheng Zhaoqi – um zu zeigen, dass auch in der VR China Tendenzen zu einem kritischeren Umgang mit der zuvor als gültig akzeptierten Geschichtsversion zu finden seien. Daneben gebe es verstärkt Initiativen, die versuchen, chinesische und japanische Forscher bei der Erforschung der Thematik zu vernetzen. Eine Konvergenz der Ansichten im Sinne einer gemeinsamen Geschichte sei aber noch nicht in Sicht.

Der Artikel bietet einen guten Überblick zu wichtigen Veröffentlichungen mit Bezug auf die Nanjing-Debatte. Dabei stellt der Autor sowohl gute als auch kritikwürdige Seiten einzelner Thesen vor und versucht einzelne Zusammenhänge über den wissenschaftlichen (und politischen) Hintergrund der jeweiligen Autoren zu erklären. Der Aufbau des Artikels lässt jedoch eine gewisse Geradlinigkeit vermissen. Auch die Rückführung auf die theoretische Ebene (Revisionismus) wirkt knapp. Dies spiegelt sich auch in der schwachen Schlussfolgerung wider. Hier schreibt Yang lediglich, dass unter Historikern (verschiedener Länder) ein Konsens darüber existiert, dass alte Lehrmeinungen zur Nanjing-Thematik mit einem kritischen Geschichtsrevisionismus (hier: die positive Variante) konfrontiert werden sollten. Über das „was“ und „wie“ wird jedoch keine Aussage getroffen.

ND