Nerd Nation: Otaku and Youth Subcultures in Contemporary Japan

Tsutsui, William M. (2008): „Nerd Nation: Otaku and Youth Subcultures in Contemporary Japan“. In: Education about Asia 13: 3. 12–18.

Otaku sind blasse, schüchterne, männliche Extrem-Fans, die kein Sozialleben und keine Freundin haben, dafür aber fast schon fanatisch auf Manga, Anime, Popidols, Videospiele oder andere Bereiche der japanischen Populärkultur fixiert sind. Diese und ähnliche Charakterisierungen von Otaku sind bekannt. William M. Tsutsui beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit dem Phänomen Otaku und bringt es mit den Jugendkulturen Japans seit 1945 in einen größeren Zusammenhang.

Die Auseinandersetzung mit der Otaku-Kultur ist vielschichtig und, so Tsutsui, „can …provide insights into the impact of affluence, technology, and the media on young Japanese, the globalization of Japan’s vibrant youth culture, and the diverse social challenges confronting millennial Japan“ (14). Der Begriff Otaku, ursprünglich eine Höflichkeitsform für „dein Haus“, wurde seit den 1970er Jahren von Manga-, Anime- und Science Fiction-Fans verwendet und erst 1989 durch die Berichterstattung über den Fall des Serienmörders Miyazaki Tsutomu (Anm. 1) in den Mainstream-Wortschatz aufgenommen. Damit begann auch die öffentliche Debatte zu Otaku. Gründe für das Phänomen wurden im stark strukturierten Erziehungs- und Sozialsystem gesehen, dem sich Otaku durch ihre Fixierung auf ein bestimmtes Hobby zu entziehen versuchen. Dabei spielt das Internet spielt eine wichtige Rolle: Otaku  entsagen nicht komplett dem sozialen Leben, sondern bilden virtuelle Netzwerke.

Das Otaku-Image in den Medien ist relativ einheitlich („anti-social, Internet savvy, information hungry, and active consumers and collectors”, 16); neuerdings werden auch bestimmte Orte (wie Akihabara) mit der Otaku-Kultur verbunden und gewisse Gepflogenheiten thematisiert. Außerdem werden Otaku in der öffentlichen Wahrnehmung oft mit hikikomori (Menschen, die sich fast pathologisch völlig aus der Gesellschaft zurückziehen), NEETs („not in employment, education or training“) und freeters (junge Japaner ohne Festanstellung, dafür mit verschiedenen Teilzeitjobs) in Verbindung gebracht – Gruppen, die die Entfremdung Japans jüngerer Generationen symbolisieren. Trotz des negativen Images scheint die Otaku-Kultur in den letzten Jahren immer stärker akzeptiert zu werden. Als Beispiel führt Tsutsui unter anderem Densha otoko an, eine Geschichte um einen Otaku, der sich in eine erfolgreiche junge Frau verliebt, und die als Buch, Film, TV-Serie, Manga und Theaterstück verarbeitet wurde.

Im Zuge der globalen Verbreitung japanischer Popkulturgüter ist die Otaku-Kultur mittlerweile weltweit vertreten. Dabei existieren einerseits viele Ähnlichkeiten mit den japanischen Otaku, andererseits hat die Otaku-Kultur andere Schwerpunkte. So ist z.B. Cosplay als Ausdruck eines Otakismus stärker im Westen zu finden als in Japan.
Schließlich resümiert Tsutsui, dass die Otaku-Kultur zum einen als Ausdruck der sich seit den 1990er Jahren zunehmend ausdifferenzierenden japanischen Gesellschaft gelten kann, zum anderen aber auch für Kreativität, Dynamik und einen Widerstand gegen bestehende soziale Sitten und Gebräuche stehen kann.

Tsutsui verschafft insgesamt einen relativ knapp gehaltenen, aber dennoch guten Überblick über das Phänomen Otaku. In einem verständlichen Schreibstil werden verschiedene Aspekte angesprochen, die Anknüpfungspunkte für eine tiefer gehende Forschung offerieren. Darüber hinaus veranschaulichen kleine Infokästen, in denen Definitionen und wichtige Aussagen des Textes dargestellt werden, sowie einige Illustrationen das Thema. Dieser Aufsatz bietet sich gut an, um sich einen Einstieg zum Forschungsgegenstand Otaku zu verschaffen.

JS

Anm. 1:

Miyazaki Tsutomu wurde 1989 verhaftet, da er dafür verantwortlich gemacht wurde, vier junge Mädchen sexuell missbraucht, ermordet und dann verstümmelt zu haben. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden Unmengen an pornographischen und pädophilen Manga und Anime gefunden, was Miyazaki in den Medien den Beinamen „Otaku-Mörder“ einbrachte.