School History Textbooks and Historical Memories in Japan

Fukuoka, Kazuya (2011): “School History Textbooks and Historical Memories in Japan: A Study of Reception”. In: International Journal of Politics Culture and Society 24: 3. 83–104.

Die (teils nicht-existente) Darstellung „dunkler“ Vergangenheit in japanischen Schulbüchern führt immer wieder zu innerjapanischen Diskussionen und internationalen Konflikten mit den ostasiatischen Nachbarstaaten. Dementsprechend fokussierte die Forschung vor allem die Produzenten bzw. den Produktionsprozess umstrittener historischer Narrative als Ausgangspunkt dieser Konflikte. Dabei wird jedoch meist die Rezipientenseite – hier vor allem Schüler/innen – vernachlässigt. Der vorliegende Artikel versucht, diese Lücke zu schließen. Hierfür soll erforscht werden, wie japanische Schulbücher für den Geschichtsunterricht aufgebaut sind, wie sie im Schulunterricht genutzt werden, und welche Rolle sie für die Entwicklung eines Geschichtsbewusstseins junger Japaner spielen. Methodologisch soll so die individuelle Ebene kollektiver Erinnerungsprozesse betont werden.

Nach einer gelungenen Darstellung der Entwicklung des japanischen Schulbuchstreits seit den 1980er Jahren stellt der Autor Theorien der Rezeption kultureller Produkte vor. Ausgehend von Michael Schudsons „five dimensions of cultural power“ – fünf Bedingungen für das erfolgreiche Wirken kultureller Güter – werden Forschungsfragen erarbeitet, die über empirische Forschung beantwortet werden sollen. Diese fünf Bedingungen betreffen die ökonomische und soziale Abrufbarkeit des Produkts (retrievability), seine rhetorische (Überzeugungs-)Kraft (rhetorical force), seine Relevanz für das Publikum (resonance), das Verhältnis von institutioneller Verankerung zu kultureller Macht (institutional retention), und zuletzt der Grad, inwieweit das Produkt Handlungen der Rezipienten beeinflussen kann (resolution).

Die Daten für die Beantwortung der hiervon ausgehenden Forschungsfragen wurden in 19 semi-strukturiert durchgeführte Interviews mit 20–23 Jahre alten japanischen Studenten gewonnen. Hierbei wurde festgestellt, dass Schulbücher trotz ihrer einfachen Zugänglichkeit und ihrer institutionellen Verankerung eine viel kleinere Rolle für die Herausbildung eines Geschichtsbewusstseins bei den Rezipienten spielen als zuvor angenommen. Dies liegt unter anderem auch an dem unkritischen und chronologischen Aufbau der Bücher, die die Schüler primär auf die Eintrittsprüfungen an den Universitäten vorbereiten sollen. Dies führe dazu, dass umstrittene Zusammenhänge und das „wie“ oder „warum“ hinter den Fakten tendenziell nicht thematisiert werden, weshalb die Schulbücher nur eine sehr geringe Rolle bei der Herausbildung eines Geschichtsbewusstseins – vor allem in Bezug auf die dunklen Kapitel der 1930er – spielen würden. Als vorrangig genutzte Informationsquellen in diesem Kontext nannten die Befragten beispielsweise Museen, TV-Dokumentationen und Filme, die Familie oder andere soziale Kontakte (z.B. Aufeinandertreffen mit Menschen aus den ostasiatischen Nachbarstaaten).

Dem übersichtlich strukturierten Artikel gelingt es, Nachteile der bisherigen Erinnerungsforschung (in Japan) überzeugend aufzuzeigen. Der in diesem Kontext gewählte Fokus auf die Rezeption von Erinnerungsmedien ist sinnvoll und sollte als Anregung und Aufforderung für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema verstanden werden. Dass die Befragten – allesamt Student/innen mit dem Hauptfach Journalismus bzw. Internationale Beziehungen – aufgrund ihres akademischen Hintergrunds sowieso eine spezielle Beziehung zu der gewählten Thematik haben, wird auch in der Ergebnissen sichtbar, aber leider nicht weiter thematisiert. Die als allgemeingültig formulierten Ergebnisse würden auch ein repräsentativeres Sample erfordern. Derartige Schwachpunkte schwächen jedoch nicht die generelle Schlussfolgerung des Autors, in welcher er feststellt, dass „reception matters“, und folgerichtig mehr Forschung in diesem Bereich verlangt.

ND