Japanese Educational Ideals in the Twentieth Century

Krämer, Hans Martin (2006): “The Prewar Roots of „Equality of Opportunity“. Japanese Educational Ideals in the Twentieth Century”. In: Monumenta Nipponica 61: 4. 523–549.

Die Geschichtsschreibung hat bislang das Konzept der Chancengleichheit in der Ausbildung als ein Ergebnis der Nachkriegsreformen behandelt. Bis 1945 wäre so die Pädagogik in Japan faschistisch geprägt gewesen. Erst im demokratischen Nachkriegsjapan habe sich Chancengleichheit als Wert durchgesetzt.
Hans Martin Krämer vermag es, durch eine detaillierte Studie diese simplifizierende Sichtweise nachhaltig in Frage zu stellen. Nachdem in der Meiji-Zeit die Schulpflicht eingeführt worden war, weiteten sich die Bildungschancen in den 1920er und 30er Jahren massiv aus. In diesem Kontext wurde intensiv darüber diskutiert, wie Bildungsschranken abgebaut werden könnten. Dabei wurde der Begriff Chancengleichheit schon eingesetzt. Eine Reihe Reformvorschläge sollten soziale Hürden radikal einreißen und auch Frauen gleiche Chancen ermöglichen.
Wichtig ist für Krämer die Unterscheidung von zwei Konzeptionen zur Chancengleichheit im Bildungssystem. Auf der einen Seite der vom amerikanischen Pädagogen und Philosophen John Dewey zu Beginn des 20. Jahrhunderts vertretene liberale Ansatz. Im Endeffekt führen hier gleiche Startchancen zu Ungleichheiten, die aus den unterschiedlichen Fähigkeiten und Einsatz der Individuen resultieren. Im Gegensatz dazu gab es eine z.B. in Deutschland stark vertretene Linie, die in der Chancengleichheit eine Möglichkeit des starken Staates sah, menschliche Ressourcen ideal auszuschöpfen. Vor 1945 war es vor allem diese zweite Lesart von Chancengleichheit, die den japanischen Diskurs bestimmte. Die liberale Argumentation setzte sich zwar nach 1945 durch, doch in den ersten Nachkriegsreformen dominierte immer noch die obrigkeitsorientierte Haltung. So kann auch hier von einem Bruch im Jahre 1945 nicht die Rede sein. Krämer geht sogar noch weiter und stellt die Frage, ob Chancengleichheit in der Bildung zwangsläufig mit Demokratie einhergehen müsse, oder eben auch unter autoritären Bedingungen existieren könne. Damit stellt er noch einmal die Ansichten der meisten japanischen Bildungshistoriker in Frage, die einen klaren Konnex sehen.
Die Grundthesen des Aufsatzes sind interessant und werden von Krämer klar belegt. Manchmal verliert er sich jedoch in einer Fülle von Details, wodurch der Text nicht eben an Spannung gewinnt. Trotzdem: Wer sich detailliert über die Grundlagen der Bildungsgesellschaft in Japan informieren will, sollte nicht auf die Lektüre verzichten.
CT