Demographischer Wandel in Japan und Deutschland

rockmannRockmann, Holger (2011): Demografischer Wandel in Japan und Deutschland. Bevölkerungspolitischer Paradigmenwechsel in der Familienpolitik. München: Iudicium, 346 S. 41€, ISBN 978-3-86205-037-6.

 

 

 

Zu Beginn des Jahres 2013 löste ein Spiegel-Bericht über ein angebliches Regierungsgutachten zu familienpolitischen Leistungen in der Bundesrepublik Deutschland heftige Kontroversen aus. Die hohen finanziellen Leistungen der Kinder- und Familienpolitik seien laut Bericht überwiegend ungeeignet für eine Förderung familienfreundlicher Strukturen in der Gesellschaft und blieben als Maßnahme für eine Anhebung der Geburtenrate wirkungslos, wie etwa das Kindergeld, oder hätten sogar kontraproduktive Wirkung, wie etwa das Ehegattensplitting, das auch kinderlose Paare unterstütze (vgl. Spiegel 6/2013 „Das Sorgenkind. Deutschlands gescheiterte Familienpolitik“).

Widerspruch zum vernichtenden Urteil des Spiegels ließ nicht lange auf sich warten. Eine bewusst bevölkerungspolitisch intendierte Geburtenförderung sei von der Politik nicht gewollt, es gehe vielmehr um eine wirtschaftliche Besserstellung der Familien als Leistungsträgern der Gesellschaft. Die Frage, inwieweit eine Familienpolitik überhaupt den demografischen Wandel in Richtung Geburtenförderung beeinflussen kann, ist eine aktuelle und seit mehreren Jahrzehnten diskutierte Frage, die auch in dem Buch von Holger Rockmann aufgegriffen wird. Rockmann widmet seine Forschung, die er als Dissertation durchführte, einem Ländervergleich zwischen Deutschland und Japan.

In beiden Länder besteht ein rapider Alterungsprozess: Der Anteil der über 65-Jährigen steigt dramatisch im Verhältnis zur jüngeren Bevölkerung und die Geburtenrate ist bereits seit Jahren unter das sogenannte Bestandserhaltungsniveau der Bevölkerung gesunken. Die schrumpfende Bevölkerung wird in der öffentlichen politischen Debatte beider Länder überwiegend als eine Gefahr für die soziale Wohlfahrt gewertet; so kursieren Szenarien von einer aussterbenden Nation im Sinne Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, oder einer Gesellschaft, in der die Menschen verlernt hätten wie man Babys macht („No sex please, we’re Japanese“). Rockmann arbeitet heraus, dass die Annahme, eine schrumpfende Bevölkerung sei eine Gefahr für das wirtschaftliche Wachstum, die soziale Sicherung und den generativen Zusammenhalt der Gesellschaft, erst seit einigen Jahren existiert. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Regierungen beider Länder, so Rockmann, vielmehr mit Hinblick auf begrenzte Ressourcen und eine angemessene Versorgung daran interessiert gewesen, die Population an einem zu starken Wachstum zu hindern bzw. Geburtenkontrolle zu betreiben. In der Bundesrepublik wurde diese durch eine generelle Verbreitung von Kontrazeptiva, in Japan durch eine liberale Abtreibungspraxis ermöglicht.

Erst seitdem die Geburtenrate dauerhaft und deutlich unter die Zahl von zwei Kindern pro Frau gesunken ist, beginnt sich seit 1990 ein Umdenken in Richtung Geburtenförderung breit zu machen. An diesem Punkt setzt die Forschung von Rockmann an, die herausfinden möchte, ob sich in der Familienpolitik Japans und Deutschlands ein bevölkerungspolitischer „Turn“ in Richtung Pronatalismus, im Sinne einer aktiven Geburtenförderung, vollzogen hat. Die Brisanz dieser Frage ergibt sich vor allem vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung beider Nationen, denn sowohl das japanische Kaiserreich als auch das nationalsozialistische Deutschland hätten als militaristisch-expansionistische Kriegstreiber eine eugenische Politik der Geburtenförderung mit dem Ziel einer Vermehrung rassisch konformer Bevölkerungsgruppen betrieben. Aufgrund des belastenden historischen Erbes geht Rockmann davon aus, dass unter den demokratischen Regierungen beider Länder seit dem letzten Krieg eine politisch gewollte Förderung von Geburten einem Tabu unterliege. Dennoch, so konstatiert er letztlich, zeichne sich als Reaktion auf den demografischen Wandel ein Paradigmenwechsel ab und bevölkerungspolitische Interventionen machten sich in der Familienpolitik breit.

Zwar fehlt in Japan ein Familienministerium wie in Deutschland, von dem wichtige Impulse und Regelungen ausgehen, aber dennoch gibt es laut Rockmann seit dem Ende der 1990er Jahre politische Maßnahmen gegen die sinkende Geburtenrate, die Einfluss auf den Lebenszusammenhang und die Lebensführung von Familien nehmen. Dazu zählen mehrere sogenannte Angel-Pläne, die eine bessere Kinderbetreuung für Teilzeit arbeitende Mütter durch den Ausbau privat finanzierter Kindergärten erreichen wollten. Die offensichtliche Bereitschaft der in Bezug auf ihr propagiertes Familienbild eher konservativ agierenden japanischen Regierung, eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, versteht sich vor dem Hintergrund einer dezidiert restriktiven Migrationspolitik Japans. Nicht verdeutlichen kann Rockmann, weshalb die sozioökonomischen Anreize, die geschaffen wurden, nicht ausreichen, um das alte Modell des männlichen Brotverdieners abzuschaffen und gleichberechtigt berufstätige Doppelverdiener-Ehepaare zu fördern.

Bevölkerungspolitisch blieben die vermeintlich pro-natalistischen Maßnahmen eigentlich wirkungslos bzw. mussten auf der Ebene der Verlautbarung stehen bleiben. Hier hätte eine Referenz zur sozialpolitischen Forschung von Mari Osawa erhellende Einblicke liefern können, die deutlich macht, dass in Japan eben kein Paradigmenwechsel zu einer verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf vollzogen wurde und damit der Anschluss an solche Wohlfahrtssysteme verpasst wurde, in denen zum Beispiel durch das Steuermodell des Familiensplittings eine höhere Geburtenrate erzielt wird, wie etwa in Frankreich oder den skandinavischen Ländern. Auch in Deutschland hat man sich erst jüngst wieder politisch mit der beschlossenen Zahlung eines Betreuungsgeldes zu dem klassischen Familienmodell mit einer überwiegend zu Hause betreuenden Mutter bekannt, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung dieses Modell für sich ablehnt und langfristig damit zu rechnen ist, dass Scheidungsfamilien infolge mangelnder beruflicher Anreize der Mütter in eine Armutsfalle geraten.

Insgesamt ist die deutsche Familienpolitik stärker auf finanzielle Transfers orientiert als die japanische, wie etwa durch das Kindergeld und das Elterngeld, die beide dazu dienen, die hohen sogenannten Opportunitätskosten auszugleichen. Das sind die „potentiellen Kosten“ wie Verdienstausfall oder Ausbildungskosten, die vor allem höherverdienende und damit wohlmöglich gebildetere Familien durch die Geburt von Kindern zu schultern haben. Gleichzeitig wurde in Deutschland ein Ausbau der Kinderbetreuung vorangetrieben, was zeigt, dass das Vereinbarkeitsmodell durchaus politisch angestrebt wird. Letztendlich ist aber sowohl in Japan als auch in Deutschland der konservative Tenor der Familienpolitik, der die „Haushalts- und Pflegefunktion“ der Familie erhalten möchte, noch immer vorherrschend und mit dafür verantwortlich, dass rechtliche und ökonomische Interventionen vermieden werden, die allen Individuen eine verbesserte Vereinbarkeit von qualifizierter Beschäftigung und Familie ermöglichen. Ein echter Paradigmenwechsel hin zu einer Geburtenförderung müsste aber eben einem progressiven Work-Life-Balance-Modell folgen.

Insgesamt ist die komparative Analyse Rockmanns sehr geeignet, um die demografischen Prozesse beider Länder in ihren historischen und kulturell-normativen Dimensionen verstehen zu können. Auch wenn man sich Rockmanns Fazit nicht anschließt, ist seine Studie eine lohnenswerte Lektüre. Eine bevölkerungspolitisch orientierte Familienpolitik muss immer dem sozialpolitischen Nachhaltigkeitsgebot verbunden bleiben, damit eine finanzielle Förderung nicht langfristig kontraproduktive Wirkungen zeitigt. Möglicherweise gibt es einen Paradigmenwechsel, der politisch verbal gefordert wird, aber in der realen Umsetzung der familienpolitischen Maßnahmen lässt sich sowohl für Japan wie auch für Deutschland eher von einer Trial-and-Error-Politik sprechen, die dem alten Paradigma noch viel zu stark verpflichtet ist.

AS – Annette Schad-Seifert