Re-reading the Salaryman in Japan: Crafting masculinities

salaryDasgupta, Romit (2013): Re-reading the Salaryman in Japan: Crafting masculinities. London: Routledge, 204 S., ca. 105€, ISBN 978-0-41568-328-9.

 

 

 

Der Salaryman als Ideal japanischer Männlichkeit wird in diesem Buch von Dasgupta zu Zeiten der sozialen und wirtschaftlichen Veränderung Japans auf den Prüfstand gestellt. Theoretisch aufbauend auf dem Konzept der Hegemonialen Männlichkeit von Reawyn Connell verbindet Dasgupta die Formierung von Männlichkeit mit dem Ansatz der Identitätskonstruktion von Dorinne K. Kondo.

Anhand von Interviews mit jungen Männern, die der Autor im Zeitraum von 1998 bis 1999 durchführte, beleuchtet er Überzeugungen, Institutionen und Auseinandersetzungen, die durch das Ideal des Salaryman bestimmt wurden. Um die daraus abzuleitenden Erkenntnisse in ihrer Gänze nachvollziehen zu können, ist es für ihn maßgeblich, diese vor dem Hintergrund der sozialhistorischen Entwicklung Japans als auch seinem industriell-kapitalistischem Voranstreben zu betrachten.

Aus diesem Grund ist dem Analyseteil des Buches auch eine gründlichen Aufbereitung der historischen Entwicklung des Salaryman vorangestellt (Kapitel 2), in der die gesellschaftlichen Prozesse aufgezeigt werden, die in der Hegemonialisierung des Salaryman mündeten. Zugleich werden die negativen Aspekte diskutiert, die mit dem Ideal verbunden wurden. Ferner wird dabei Bezug auf aktuellere soziale Veränderungsprozesse genommen, die die Debatte um japanische Männlichkeit prägen, wie z.B. das verstärkte Auftreten der Freeter.

In den sich daran anschließenden Kapiteln 3 bis 7 werden unterschiedliche aus dem Interviewmaterial abgeleitete Themenfelder besprochen und vorgestellt, wobei einleitend jeweils ein Bezug zur vorhandenen Forschungsliteratur hergestellt wird.

Das erste Analysekapitel umreißt die geringe Auseinandersetzung der Informanten mit dem Moment der eigenen Männlichkeit, welche sich zumeist nur in Abgrenzung zu Weiblichkeit, über biologische Unterschiede sowie den Vorgaben eines „männlichen“ Standardlebenslaufes ergebe. Das Kapitel beschreibt aber auch erste Eindrücke der Informanten über unhinterfragte gesellschaftliche Gegebenheiten und Vorgaben, die eine Geschlechterkonstruktion verstärkten sowie hervorbrächten. Die Erwartungen an das männliche Verhalten würden von der Familie, dem persönlichen Umfeld (Freunden) und auch von populärkulturellen Medien vermittelt und eingefordert. Die körperlichen Veränderungen seien jedoch oftmals die ausschlaggebenden Signifikanten für die Andersartigkeit zu Frauen. Die Ausformung von Männlichkeit wird vom Autor als strikt heterosexuell begründet beschrieben, wobei keinerlei Bezug oder Abgrenzung zu Homosexualität, z.B. in Form von aggressiver Homophobie, bestünde, ganz so als existiere gesellschaftlich nichts anderes als Heterosexualität.

Kapitel 4 beschäftigt sich mit den Markern des Übergangs in das Berufsleben und dem Erwachsenwerden. Es sind diese Marker, wie Einstieg in das Berufsleben und Karriere, die es einzuhalten gelte, um nicht negativ sanktioniert zu werden. Wenn man diese Marker nicht erreichen kann, wie dies z.B. bei Freetern der Fall ist, werde dies als ein Scheitern bzw. als Mangel an Verantwortung und Reife ausgelegt. In dieser Übergangsphase müssten aber manche Verhaltensweisen und Überzeugungen erst erlernt werden, damit ein „doing“ Salaryman gelinge. Institutionalisierte Orte, an denen diese Verhaltensweisen und Überzeugungen erlernt werden, seien die Einführungstrainings und Willkommenszeremonien der Firmen für neue Beschäftigte. Neben der „kollektiven Einschwörung“ in das Unternehmen würden vor allem das richtige Sprechen (Höflichkeitsformen) und die richtige Lebensführung gelehrt. Dazu gehöre vor allem Zeitmanagement, um sich an den strikten Tagesplan eines Erwachsenen zu gewöhnen – denn zu überwältigend erschien der Unterschied zum vorherigen Studentenleben der Informanten.

Arbeitstätigkeit als essentieller Bestandteil von Männlichkeit und die Konstruktion anhand dessen wird im anschließenden Kapitel behandelt. In den Aussagen der Informanten finde sich eine enge, fast schon biologische Verbindung von Arbeit und Mann-Sein und ebenso die Herabsetzung jener Männer, die freiwillig von dieser Norm abweichen. Der eigene Selbstwert sei an Arbeit geknüpft und es sei elementar für Männer der Versorger zu sein und diese Verantwortung auch zu erfüllen. Männliche Arbeit wird von den Informanten zumeist mit körperlicher und mentaler Stärke assoziiert, so dass Berufe mit diesem Hintergrund als „männlich“ gelten. Als „unmännlich“ wurden zumeist solche Berufe klassifiziert, die mit „weiblichen“ Eigenschaften assoziiert werden, wie Erzieher oder Pfleger, Arbeit in der Kosmetikbranche, Florist, Verkäufer (vor allem in Bäckereien) und Steward. Ebenfalls stellt dieses Kapitel Beispiele von Männern vor, die entweder als Personifizierung des Ideals des Salaryman oder als Abweichung von diesem (allerdings nur bis zu den „erlaubten“ Grenzen innerhalb der gegebenen Parameter) bezeichnet werden können.

Aufgegriffen wird der Aspekt der Arbeitstätigkeit auch im Kapitel 6, da er sich hier als wichtig erweist, um der Position des Mannes als Versorger gerecht werden zu können. Alle Informanten sahen Ehe als selbstverständlich und Kinder wiederum als natürliche Konsequenz der Ehe an und verlangten diese Einstellung auch vom Interviewer. Ehe und Familie gelte somit durch das damit verbundene Verantwortungsbewusstsein und die implizite Bodenständigkeit als Marker von Erwachsensein. Zu lange unverheiratet zu sein gebe Anlass zur Spekulation über die Sozialisation der betreffenden Person und ein Verzicht auf Ehe gelte allgemein als unsozialer Akt. Demzufolge ließe sich gemäß der Schlussfolgerung des Autors Vaterschaft nicht losgelöst von gesellschaftlichen Normvorgaben denken, geschweige denn leben. Dies beinhalte auch eine geschlechterrollenspezifische Teilhabe von Männern an Erziehungs- und Haushaltspflichten, die sich stark an Idealen populärer Phantasien von Familienleben orientiere, das Anleihen bei den Familienvorstellungen der 1950er Jahre der USA und der Nachkriegszeit in Deutschland und Japan mache.

Im letzten Kapitel wird der homosoziale Raum des Salaryman diskutiert, der sich durch eine Trennung der geschlechtlichen Welten von Männern und Frauen ergebe, aber auch zelebriert und aufrechterhalten werde durch die Institution des tsukiai – das gemeinsame Trinken mit Personen von inner- oder außerhalb des Arbeitsumfelds. Dabei wird ebenso die Formation und Pflege von Freundschaften unter Männern aufgegriffen.

Insgesamt ist Dasguptas Buch sehr interessant und spannend, um die idealtypische und im Anschluss an die wirtschaftlichen Veränderungen der 1990er sowie der Beschäftigungseiszeit formierte Salaryman-Männlichkeit zu verstehen. Für Studierende ist sicherlich der umfangreiche und gut recherchierte Teil über die Entstehung und Entwicklung des Salaryman als Ideal interessant und aufschlussreich. Die Beschreibung der damaligen Gegebenheiten und Ereignisse, aber auch die Auseinandersetzung der Informanten mit dem Ideal des Salaryman liefert einen sozialhistorischen Einblick in die Formierung von Männlichkeit. Eine ergänzende Lektüre der Arbeit von Tomoko Hidaka „Salaryman Masculinity: The Continuity and Change in the Hegemonic Masculinity in Japan“ (2010), die nach Alterskohorten unterscheidend eine Untersuchung der Konstruktion hegemonialer Männlichkeit des Salaryman vornimmt, unterstützt sicherlich eine erste ernsthafte Beschäftigung mit dem Salaryman als hegemoniale Männlichkeit.

Die Verbindung der sozialhistorischen sowie der industriell-kapitalistisch begründeten Gegebenheiten befindet sich in Einklang mit den Annahmen der theoretischen Entwicklung des Konzepts der Hegemonialen Männlichkeit. Vor allem im englischsprachigen Raum ist es das vorherrschende theoretische Konzept zur Untersuchung von Männlichkeit. Weitere fruchtbare Ergebnisse könnten erzielt werden, wenn man eine Interpretation anhand des weniger verwendeten Habitus Konzepts von Bourdieu, oder anhand der Synthese beider Konzepte, wie durch Michael Meuser, vornimmt. Diese Interpretation könnte dabei auf die gleichen Gesichtspunkte wie Dasgupta eingehen, aber auch sozialhistorisch-kulturelle miteinbeziehen. Dabei sollte aber die institutionelle Verschränkung des Salaryman als Ideal mit Komponenten gesellschaftlicher Strukturen und Phänomene keinesfalls außer Acht gelassen werden.

Die Frage, die Dasgupta im Schlusskapitel aufwirft, ob die derzeit medial als Angriff auf hegemoniale Männlichkeit diskutierten Männlichkeiten wie otaku und sōshoku danshi („Pflanzenfresser- oder Grasfressermann“) tatsächlich an wichtigen Verbindungen innerhalb der hegemonialen Männlichkeit-Matrix rütteln, ist berechtigt. Die gegenwärtigen Veränderungen könnten sogar patriarchal verstärkend anstatt befreiend wirken, resümiert Dasgupta, denn die Verbindung Männlichkeit – Arbeit – Heterosexualität – Reproduktion wurde in den letzten 30 Jahren nicht wirklich verändert. Als historisch pointierter Beweis für die Beständigkeit der Orientierungskraft des Salaryman als hegemoniale Männlichkeit schafft das Material dann doch noch eine Verknüpfung zu neueren Phänomenen destabilisierter Männlichkeiten. Aufgrund seines Erhebungszeitraums sowie des befragten Personenkreises kann das Material sonst kaum zu diesen aktuellen Phänomenen Erkenntnisse liefern. Vor allem in der oben genannten Eigenschaft als historisch pointierter Beweis könnte es zur weiteren Forschung besonders anregend sein, aber auch die inhaltlich herausgearbeiteten Themenfelder wie der homosoziale Raum scheinen für eine weitere Beschäftigung mit Männlichkeit vielversprechend.

CN – Constanze Noack