Bodies, Technologies, and Aging in Japan

Long, Susan Orpett (2012): “Bodies, Technologies, and Aging in Japan: Thinking About Old People and Their Silver Products”. In: Journal of Cross-Cultural Gerontology 27: 2, 119–137.

Der Konsum spezieller Produkte für ältere Menschen werde häufig aus der Perspektive des praktischen Nutzens oder von Angebot und Nachfrage betrachtet, erklärt Susan O. Long. Sie verfolgt in ihrem Artikel eine andere Herangehensweise und versteht Konsum als „process of receiving as well as sending social messages“ (120). Long verweist auf die soziale Regulier- und Manipulierbarkeit der Nachfrage von Produkten. Ausgehend von diesen und anderen theoretischen Überlegungen untersucht Long die soziokulturellen Bedeutungszuschreibungen, die mit der Verwendung von Hilfsmitteln für alte Menschen verknüpft sind. Als empirische Grundlage stützt sie sich auf Feldnotizen und Interviews eines großangelegten interdisziplinären Forschungsprojekts von amerikanischen und japanischen Wissenschaftlern 2000–2005[1] zur Pflege alter Menschen seit Einführung der Pflegeversicherung in Japan.

Ausgehend von den 1970er und -80er Jahren gibt Long einen Überblick, wie der demographische Wandel in das Problembewusstsein der Politik rückte, verschiedene Maßnahmen eingeleitet und familiäre Pflege dennoch zunehmend als „Last“ im öffentlichen Diskurs thematisiert wurde. Eine entscheidende sozialpolitische Veränderung sei die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 2000, die dazu beigetragen habe, dass sogenannte „silver-products“ für jeden zugänglich wurden und Verbreitung fanden. Unter „silver-products“ fasst Long eine breite Palette von Produkten, die sich durch ihren unterstützenden Charakter auszeichnen und von Brillen, Hörgeräten und Gebissen über Rollatoren und Rollstühle bis hin zu speziellen Telefonen und Badewannen reichen können. Diese Produkte transportieren ihrer Meinung nach die international verbreitete Ideologie der Unabhängigkeit im Alter.

Long unterscheidet den Umgang ihrer Interviewpartner mit diesen Hilfsmitteln in: „silent appropriation“, „ambivalence and resistance“ und „resisting the message“ (131–132). Personen der ersten Kategorie akzeptieren und nutzen Hilfsmittel um ihre Selbstständigkeit aufrecht zu erhalten. Die „silver-products“ werden für diese Gruppe zu einem Teil ihres alltäglichen Lebens und Selbstverständnisses und ermöglichen, es ihnen nicht zu einer Last für die Familie oder das Pflegepersonal zu werden – eine politische und kulturelle Bedeutungszuschreibung, die erst in den letzten Jahrzehnten Verbreitung fand.

Für alternde Menschen, die Long der zweiten Kategorie zuordnet, sei die Benutzung von unterstützenden Technologien wie Rollatoren, Rollstühlen, tragbaren Toiletten und dergleichen jedoch eine ambivalente Entscheidung. Entspricht die Gebrechlichkeit des Körpers nicht dem eigenen Selbstverständnis, befinde sich die Person im Zwiespalt. Die Nutzung eines Hilfsmittels würde zwar die Unabhängigkeit von der Hilfe Dritter ermöglichen, aber gleichzeitig zu einer Abhängigkeit von diesem Hilfsmittel führen und somit der Person ihr Gebrechen – das sie nicht akzeptieren will – umso deutlicher vor Augen führen. Diese Person verspürt sozusagen einen Widerstand gegen die Botschaft der Unabhängigkeit durch Technik, da die Nutzung des Hilfsmittels für sie die Angewiesenheit und einen Verlust der Selbstständigkeit symbolisieren würde.

Unter „resisting the message“ fasst Long schließlich all jene zusammen, welche die Nutzung von Hilfsmittel ablehnen und sie nicht als Mittel zur Erhaltung der persönlichen Unabhängigkeit deuten. Sie ziehen die Abhängigkeit von Menschen der von Dingen vor.

Der Artikel schließt mit einem kurzen Ausblick auf politisch geförderte Technologie als Lösung für Probleme der gesellschaftlichen Alterung in Japan. Die Autorin legt nahe, die kulturellen Botschaften der Technologien, ihren Einfluss auf Verhalten und Selbstbilder sowie das Altern weiter im Blick zu behalten.

Long präsentiert interessante Gedankengänge, die diesen Artikel äußerst lesenswert machen. Da sie eine breite Palette theoretischer Überlegungen anreißt, aber nicht vertieft, ist ihren Ausführungen jedoch nicht immer leicht zu folgen, vor allem für Einsteiger in die Thematik.

CS



[1] Das Forscherteam arbeitete sowohl mit quantitativen als auch mit qualitativen Methoden. Long stieß 2002 zu der Forschergruppe und war an semi-strukturierten qualitativen Interviews beteiligt, die jährlich (bis 2007) mit je 15 Paaren aus Pflegebedürftigen und ihren pflegenden Angehörigen in einer kleinen Stadt in der Präfektur Akita und in einem Arbeiterbezirk in Tokyo durchgeführt wurden.