Myth, Protest and Struggle in Okinawa

tanjiTanji, Miyume (2006): Myth, Protest and Struggle in Okinawa. London: Routledge. 234 Seiten. Ca. 40 Euro. ISBN: 9780415365000.

 

 

 

 

Im vorliegenden Buch wird die Entwicklung der Protestbewegungen in Okinawa behandelt. Im ersten Kapitel führt Miyume Tanji in die Thematik ein und erläutert das Ziel des Buches. Sie legt ihren Forschungsschwerpunkt auf die innere Dynamik der commnunity of protest, deren Diversität, und den historischen Mythos des „all-island struggle“ (shimagurumi tôsô). Sie dekonstruiert durch eine kritische Analyse die Repräsentation der präfekturweiten Proteste als homogene Einheit und verdeutlicht durch ihre Rekonstruktionen der commnunity of protest – die aus vielen verschiedenen Gruppen und Organisationen besteht – die Möglichkeiten und Grenzen der Widerstandsbewegungen in der Nachkriegsgeschichte Okinawas. Sie bezieht sich bei ihrer Darstellung der präfekturweiten Proteste auf die in der Literatur geläufige Einteilung in drei große Wellen, die auf die Werke Arasaki Moriterus, eines bedeutenden Historikers der Geschichte Okinawas, zurückgeht: die 1950er, 1960er und 1990er Jahre. Insbesondere Tanjis Definition der Sozialbewegungen sengo Okinawa tôsô (Nachkriegssozialbewegungen Okinawas) (7), ist von den Schriften Arasakis beeinflusst. Tanji erwähnt, dass sie dieses Konzept in ihrem Buch als ein methodologisches Werkzeug benutze (6).

Im zweiten Kapitel geht Tanji auf den Begriff „Mythos“ ein. Sie weist hier auf die mythische Seite der Bewegungen hin, und beschreibt diese wie folgt:

Myth in this book means a story or a narrative that resonates in the community of protest. It connects present action to the collective remembrance of the past of a group of people, in this case, the ‘Okinawans’. Historical experiences of marginalization and discrimination, in particular of the Battle of Okinawa, and of the experiences and legacy of protests such as the all-island struggles against the US military regime, shared by different generations, locations, and sectors within Okinawa, again, are important strands in this myth. (7)

Insbesondere die Opfer-Narrative bezeichnet Tanji als bedeutend für die Inszenierung historischer Ereignisse und die Konstruktion kollektiver Identitäten der Protestbewegungen. Zur Rolle des Mythos für die politischen Ziele der Bewegungen schreibt sie:

‚Myth’ is to be taken seriously for its powerful political effect in summarizing the long and complicated string of historical events into a collective memory. It makes the past manageable and useful for it orients and motivates individuals in ways which both permit and legitimize collective action. (7–8)

Durch Mythen werde die kollektive Identität Okinawas gebildet, aber gleichzeitig solle diese laut Tanji nicht als eine homogene Einheit, sondern als eine heterogene und sich ständig verändernde Kollektivität betrachtet werden. Deshalb sei es wichtig, in diesem Kapitel die Definition der Neuen Sozialbewegungen zu analysieren.

Die folgenden beiden Kapitel 3 und 4 thematisieren die Geschichte und die Erlebnisse der Menschen Okinawas bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs: Die Annexion des Ryûkyû-Königreiches durch Japan, verpasste Reformen und die daraus folgende wirtschaftliche Krisensituation, die Schlacht um Okinawa zum Ende des Pazifikkriegs und der Albtraum, den diese für die Menschen in Okinawa bedeutete.

In Kapitel 5 und 6 behandelt Tanji die Nachkriegsgeschichte Okinawas. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Okinawa unter Besatzung des US-Militärs gestellt. Damals wurden viele Okinawaner in Gefangenlager aufgenommen und unter schlechten Bedingungen inhaftiert, um die US-amerikanische Nachkriegsstrategie effizienter durchzuführen. Als der Korea-Krieg im Januar 1950 begann, mussten die USA die Nachkriegsstellung der japanischen Hauptinseln sofort festlegen. Und so wurde im Jahr 1951 der Friedensvertrag von San Fransisco abgeschlossen und die Souveränität Japans wiederhergestellt. Das bedeutete auf der anderen Seite, dass durch den Friedensvertrag Okinawa zeitlich unbegrenzt unter US-amerikanische Besatzung gestellt wurde.

In diesen Zeitraum der amerikanischen Besatzung fallen zwei der bereits genannten drei Wellen des Protests. Tanji stellt den Übergang vom „all-island struggle“ in den 1950er Jahren zu den Rückkehrbewegungen in den 1960er Jahren dar. Da die erste Welle der Protestbewegung mit der ersten Welle der Konstruktion der US-Stützpunkte begann, war der wichtigste Streitpunkt das „Land“ der Bauern, das für den Stützpunktbau benötigt wurde. Die erste Welle der Bewegung verstand sich daher als Landschutzbewegung gegen den US-Militärbasisbau. Trotz der starken US-Zensur versammelten sich Politiker, Lehrerverbände, Gewerkschaften und Grundbesitzer, um die Baupläne zu stoppen. Diese Zusammenschlüsse wurden in den folgenden Jahren die Grundlage für die Rückgliederungsbewegungen zu Japan.

In den 1960er Jahren wurde die Situation des Kalten Krieges in Ostasien immer angespannter. Als der Vietnamkrieg eskalierte, stieg die Zahl der US-Soldaten an, die temporär auf Okinawa stationiert waren, um an die Front in Vietnam zu fliegen. Durch diese Soldaten boomten die Geschäfte in der Nähe der Stützpunkte. Gleichzeitig erlebten viele Okinawaner auch die indirekten Auswirkungen dieses Kriegs durch traumatisierte Soldaten, die Gewalttaten wie Vergewaltigungen oder Schlägerei verübten. Deshalb hofften viele Okinawaner, dass eine Rückgliederung an Japan den Abzug des US-Militärs mit sich bringen würde. Im November 1969 trafen der Premierminister Sato und Präsident Nixon eine Vereinbarung, dass Okinawa Japan zurückgegeben werden sollte, aber ohne Abzug des Militärs.

Mit dem 7. Kapitel wird die so genannte „low“-cycle-Bewegung thematisiert, die sich außerhalb der drei Wellen befand. In diesem Zeitraum, nach der Rückkehr in den japanischen Nationalstaat, musste der Mythos der präfekturweiten Proteste neu definiert werden. Insbesondere sind dabei die Protestbewegungen von pazifistischen Grundeigentümern (Hitotsubo Hansen Jinushi) und ihren Unterstützern bemerkenswert. Hitotsubo Hansen Jinushi bedeutet, „the ‘anti-war landowners’ […] of private properties occupied by the US and Japanese military in Okinawa, who ‘refuse to sign the lease contract, from the perspective of opposing war and aspiring for peace’“ (108).

In der Zeit nach der Rückgliederung Okinawas an Japan (1972) entstanden die sogenannten „neuen Sozialbewegungen“. In Kapitel 8 wird auf die Formierung der Bürgerinitiative gegen den Bau des Erdölumladebahnhofs bei der Kin-Bucht und des neuen Ishigaki-Flughafens auf dem Shiraho-Korallenriff eingegangen. Schließlich wird in Kapitel 9 die „dritte Welle“ analysiert. Als Auslöser für die dritte Welle wird häufig die Vergewaltigung einer Grundschülerin durch US-Soldaten genannt, woraufhin sich in ganz Okinawa 85.000 Menschen zu  Demonstrationen zusammenfanden. Es geht hier vor allem um den „Aufstand“ der okinawanischen Frauen, die den Widerstandsbewegungen neue Perspektiven eröffneten. Themen wie die Diskriminierung von Frauen innerhalb der okinawanischen Gesellschaft werden kritisiert, es geht um die Zerstörung der Hierarchien in den Protestorganisationen, Veränderung des bisher immer gleichen Repertoires der Protestaktionen werden angestrebt und die Militärbasen und Frauenrechte als transnationale Problemstellungen diskutiert. Tanji betont, dass die Entstehung eines Gender-Bewusstseins und einer Organisation wie OWAAMV (Okinawan Women Act Against Military Violence) die konventionelle Maskulinität infrage stelle und dass dies als Versuch gesehen werden können, die Stimmen der im Verlauf der Geschichte Unterdrückten hörbar zu machen und den Horizont der Bewegung für die Zukunft zu erweitern.

Man kann bei Tanji positiv die Methode hervorheben, „community“ aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und dabei die unterschiedlichen Generationen, Gender und Mythen in den Fokus zu nehmen. Zu kritisieren ist, wie Mattew Allen (2008) erläutert, dass Tanji in ihrem Buch nicht die gleichzeitig und nebeneinander existierenden unterschiedlichen Einstellungen der Bevölkerung zur Anwesenheit des US-Militärs in Okinawa behandelt. In der Ära nach dem Präfekturgouverneur Ota Masahide verstärkten sich der Einfluss der konservativen Politik und die wirtschaftliche Unterstützung aus Tokyo. Weitere Kritik richtet sich dagegen, dass Tanji die Infrastrukturumwandlung auf Okinawa durch massive politische Subvention seitens der japanischen Regierung ab den 2000er Jahren nicht thematisiert (Obermiller 2007). Trotz aller Kritik, die Tanjis Buch hervorruft, ist es sehr lesenswert und besonders für Studierende interessant, die sich mit den Erfahrungen von Okinawanern und der Geschichte der Protestbewegungen beschäftigen.

Quellen: 

Allen, Matthew (2008): „Review: Myth, Protest and Struggle in Okinawa“. In: Social Science Japan Journal, 11: 1. S. 172–4.

Eldridge, Robert D (2009): „Myth, Protest and Struggle in Okinawa (Review)“. In: The Journal of Japanese Studies, 35: 1, S. 193–196.

Obermiller, David Tobaru (2007): „Review: Myth, Protest and Struggle in Okinawa“. by Miyumi Tanji. In: The Journal of Asian Studies, 66: 3. S. 852–4.

KM – Keisuke Mori