Das Glück der Familie. Ethnographische Studien in Deutschland und Japan

das_glueck_der_familie_ethnographische_studien_in_deutschland_und_japanWulf, Christoph; Suzuki, Shoko; Zirfas, Jörg; Kellermann; Ingrid; Inoue, Yoshitaka; Ono, Fumio; Takenaka, Nanae (2011): Das Glück der Familie. Ethnographische Studien in Deutschland und Japan. Wiesbaden: VS. 311 Seiten, ca. 39,95 Euro, ISBN 978-3531181523.

 

 

 

Glück hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Forschungsthema in den Japanstudien entwickelt. So ist „Glück und Unglück in Japan: Kontinuitäten und Diskontinuitäten“ seit 2008 ein Forschungsschwerpunkt am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio. Eine gemischt deutsch-japanische Forschungsgruppe aus den Erziehungswissenschaften versucht im Band „Das Glück der Familie“ am Beispiel des Weihnachtsfestes in Deutschland und des Neujahrsfestes in Japan darzulegen, wie Glück inszeniert und dabei auch generiert wird. Der methodische Ansatz ist dabei beachtenswert: Je drei Familien in beiden Ländern wurden über das Fest von Forschern begleitet und befragt. Das Design folgt dabei ethnographischen Ansätzen. Statt mit quantitativen Methoden zu fragen, wie Individuen Glück erleben, wollen die Forscher vielmehr herausfinden, wie Situationen inszeniert werden, die familiäres Glück versprechen. Das macht insofern Sinn, da das Erleben von Glück oft genug nicht leicht expliziert werden kann, aber ethnographischen Methoden trotzdem gut zugänglich ist. Mit teilnehmender Beobachtung, Videoaufnahmen und qualitativen Gruppeninterviews hat das Forscherteam einen überzeugenden Zugang zum Feld gefunden. Die Publikation ist folgendermaßen gegliedert: Zunächst wird eine theoretische Grundlage gegeben, bevor dann je drei Texte zu Weihnachten in Deutschland und Neujahr in Japan die Inszenierung jeweils einer Familie genau unter die Lupe nehmen. Abschließend versucht das Buch, kulturübergreifende Gemeinsamkeiten festzuhalten.

Doch der kulturvergleichende Forschungsansatz bringt Probleme mit sich. Es ist nicht wirklich klar, warum zwei Feste in Deutschland und Japan miteinander verglichen werden. Zwar ähneln sich Weihnachten und Neujahr in ihrer Zielsetzung, in familiären Zusammenkünften positive Gefühle zu evozieren und den Familienzusammenhalt zu inszenieren. Doch es bleibt bis zum Schluss offen, warum gerade diese beiden Länder sich so gut für einen Vergleich eignen. Dieses Problem verschärft sich noch, da Japan kursorisch immer wieder als das Andere schlechthin vorgestellt wird. Auch wenn in Passagen zu Beginn und am Schluss des Buchs diese Form des Kulturvergleiches explizit nicht angestrebt wird, wird Japan letztlich kontrastierend und geradezu exotifizierend eingesetzt. So ist davon die Rede, dass die „Praktiken, mit denen Familien ihr familiäres Glück schaffen, […] zugleich dazu bei[tragen], eine kulturelle Identität hervorzubringen, die in Japan und Deutschland sehr unterschiedlich ist.“ (17) Schließlich werden Versatzstücke aus dem nihonjinron völlig unkritisch in die Betrachtung eingeflochten, so dass aus dem Vergleich phasenweise eine dichotome Gegenüberstellung wird. Einmal dienen die Theorien von Doi Takeo zu amae als Beispiel für die anders geartete japanische Mentalität. Ein anderes Mal wird Tanizaki Junichirô irreführenderweise so herangezogen, als ob er ein zeitgenössischer Wissenschaftler sei.

Diese Exotifizierung Japans ist verwunderlich, denn für die theoretische Untermauerung des Buches wird der Kanon der zeitgenössischen Ethnologie relativ breit ausgeschöpft. Die „Krise der Repräsentation“ wird explizit angesprochen, ohne jedoch dass es im Buch selber eine überzeugende Auflösung gäbe. Theoretisch orientiert sich das Buch am performative turn. Allerdings ist das Buch theoretisch fast übersättigt. Die einzelnen Fallstudien bringen zusätzlich eigene theoretische Perspektiven ein, so dass die theoretische Geschlossenheit gesprengt wird.

Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass das Buch von sechs Autoren verfasst wurde, die die einzelnen Kapitel in unterschiedlichen Kombinationen gemeinsam verfasst haben. An allen Texten haben immer mindestens ein deutscher sowie ein japanischer Autor mitgewirkt. Gerade im Vorwort ist diese wechselseitige Perspektive leider nicht konsequent umgesetzt. Obwohl Shoko Suzuki als Mitverfasserin geführt wird, wird Japan exotifiziert. Zwar wird Fremdheit als relational eingeführt und nicht als essentiell begründet. Doch diese Relationalität wird im Vorwort in keinster Weise sichtbar. Vielmehr wird Japan als unverständliche Kultur charakterisiert, die vom deutschen Forscher nicht mehr zeichenhaft, sondern nur körperlich verstanden werden kann. Weder wird thematisiert, wie es sich andersherum mit dem Blick von Japan auf Deutschland verhalten könnte, noch, was die Zusammenarbeit mit japanischen Kollegen in dieser Situation bedeutet. Shoko Suzuki scheint als Mitautorin zum Schweigen gebracht und als Kollegin in der Feldforschung keine Ansprechpartnerin zu sein.

Die drei Ethnographien deutscher Weihnachtsfeiern beruhen auf Feldforschungen in Berliner Familien. Der Ablauf des Heiligen Abends wird hier jeweils sehr ausführlich geschildert. Obwohl damit eine sehr dichte Beschreibung erreicht wird, haben die drei Texte dadurch doch gewisse Längen, da deutschen Lesern die Abläufe prinzipiell nicht unbekannt sind. Trotzdem ist es aufschlussreich zu lesen, wie die drei Familien vermittelt durch den Anlass versuchen, durch Riten, das gemeinsame Essen, Geschenke oder Singen eine besondere Stimmung hervorzurufen, die letztendlich Familienglück bedeuten könnte.

Im Gegensatz zum urbanen Setting der deutschen Feldforschung sind zwei der drei japanischen Neujahrsfeste im dörflichen Umfeld angesiedelt. Selbst beim dritten beobachteten Fest fährt die Familie am Neujahrstag zu den Großeltern auf das Land. Das schlägt sich in der Analyse nieder. Die ersten zwei Texte betonen die dörflichen Wurzeln der Neujahrsriten und die Verbindung zur bäuerlichen Kultur stark. Dadurch werden implizit wieder Argumente des nihonjinron bedient, die allzu oft die dörflichen Wurzeln der japanischen Gesellschaft hervorgehoben haben. Dass Japan inzwischen weitestgehend verstädtert ist, wird zwar angesprochen. Dass es aber schon seit Jahrhunderten großstädtische Räume gab, die sich in der Ausgestaltung von Festen nicht zwangsläufig einer agrarischen Sinngebung unterwarfen, wird ausgespart. Dafür wird im japanischen Fall die Rolle des Fernsehens an Weihnachten angesprochen, die im deutschen Fall ausgeklammert bleibt, weil sich die Fallstudien im Wesentlichen alleine auf die eigentliche Bescherung und das Essen danach beschränken. Der in den japanischen Familien untersuchte Zeitraum ist dagegen deutlich weniger klar abgegrenzt, so dass mehr Beobachtungen mit einfließen.

So ist das Buch letztendlich nicht leicht zu bewerten. Auf der einen Seite ist eine dichte Beschreibung gelungen und bietet Einblicke in zahlreiche Details. Die Art der Beschreibung der Abläufe in den Familien kann gerade Studierenden einen Einblick geben, auf was man in Feldforschungssituationen alles achten sollte. Außerdem sind einige grundlegende Schlussfolgerungen zur Inszenierung von Glück in Familien gut nachvollziehbar. Auf der anderen Seite wird der prinzipielle Ansatz durch einen naiven Blick auf Japan getrübt. Die ethnologischen Einsichten, die hier von Nöten gewesen wären, werden zwar im Text angerissen, aber schlagen letztendlich nicht voll durch.

CT – Christian Tagsold