Nuclear Host Communities Respond to the 3/11 Disaster

Aldrich, Daniel P. (2013): “A Normal Accident or a Sea-Change? Nuclear Host Communities Respond to the 3/11 Disaster”. Japanese Journal of Political Science 14 (2). 261–276.

Schon in den ersten Tagen nach der Dreifachkatastrophe vom 11.03.2011 kristallisierte sich die Havarie des AKWs Fukushima Dai-Ichi als Hauptfokus in der medialen Berichterstattung zur Situation in Japan heraus. Zudem nahmen verschiedene Staaten die hochbrisante Situation am Atomreaktor zum Anlass ihre eigenen Atomprogramme zumindest zeitweilig auf Eis zu legen. Auch die Forschung orientierte sich an diesem öffentlichen Fokus, wobei vor allem Analysen zur Rolle der beteiligten japanischen Regierungsinstitutionen im Vordergrund standen. Demgegenüber fokussiert der Politikwissenschaftler Daniel Aldrich die lokale Ebene, indem er thematisiert, wie Atomkraftwerke beherbergende Gemeinden auf die neue Situation reagierten und welche Krisenmanagementstrategien weiterhin angewendet werden. Auf diese Weise sollen die langfristigen Konsequenzen des AKW-Unfalls besser nachvollzogen werden können. In der Analyse unterscheidet Aldrich dabei zwischen direkten „host communities“ und angrenzenden Kommunen, die nicht direkt AKWs beherbergen, aber durch die räumliche Nachbarschaft zu Trägergemeinden von möglichen Risiken betroffen sein könnten.

Aldrich sieht die lokale Politik dabei im Zentrum der nationalen Atompolitik. Dies liege darin begründet, dass lokale Politiker als potentielle Vetospieler im Prozess um die Vergabe von AKW-Standorten agieren könnten, weshalb auf dieser Ebene eine starke Lobbyarbeit von regionalen Stromversorgern zu beobachten sei. Die meist strukturschwachen Provinzstädte oder –dörfer versprächen sich durch ein Atomkraftwerk die Belebung der lokalen Wirtschaft, direkte Einnahmesteigerungen durch die Erträge aus der Grundsteuer sowie indirekte Subventionsleistungen von der Zentralregierung (Three Power Source Development Laws).

Im theoretischen Teil des Artikels werden Atomkraftwerke unter dem Stichwort „öffentliche Last“ verhandelt. Laut Aldrich handele es sich bei AKWs nicht um öffentlichen Güter („public goods“), die allen Bürgern einer Volkswirtschaft gleich viel nutzen sollen.  Stattdessen müssten im Falle der Atomtechnologie immer die mit der Furcht vor ihrem Scheitern einherkommenden psychologischen Angstzustände mitbeachtet werden. Diese äußerten sich in Japan unter anderem auch in der Diskriminierung von Flüchtlingen aus den betroffenen Gebieten der Präfektur Fukushima (radiation-based discrimination).

Die Berücksichtigung dieser möglichen Negativfolgen der Beherbergung eines AKWs führt jedoch laut Aldrich nur bei den nicht direkt ein AKW beherbergenden Kommunen zu Änderungen in den Einstellungen gegenüber der Atomtechnologie. Die unmittelbaren Trägergemeinden hingegen verteidigten weiter die Vorteile des Status quo. Aldrich begründet dies mit den jeweiligen Wahrnehmungen des Nutzens der AKWs für die lokale Wirtschaft. So erhalten die direkt betroffenen Gemeinden auch einen viel höheren Prozentsatz an Subventionen als weiter entfernt liegende Gemeinden. Aldrich kritisiert diese Pro-AKW Haltung der Trägergemeinden jedoch, da der vermutete Nutzen für die lokale Wirtschaft wissenschaftlich nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte.

Im letzten Teil des Artikels stellt Aldrich noch einige der vielfältigen nationalen Anti-AKW-Bewegungen vor, die durch die Havarie des AKW-Fukushima hervorgerufen wurden. Aldrich relativiert die Bedeutung dieser auf nationaler Ebene agierenden Gruppen jedoch, da die Entwicklung der nationalen Atompolitik in Japan so sehr von Entscheidungen auf der lokalen Ebene abhänge. In dieser Hinsicht – und um auf die Titelfrage zurückzukommen – sei in Japan dementsprechend eher keine „grundlegende Kehrtwende“ („sea change“) zu erwarten, da die lokalen Politiker die Havarie des AKW Fukushima Dai-Ichi in Aldrichs Untersuchung mehrheitlich als „normalen Unfall“ gedeutet hätten.

Dieser sehr gut lesbare Artikel ergänzt die Diskussion um eine bislang wenig beachtete, aber unverzichtbare Perspektive. Verwendete Fachbegriffe aus den Politikwissenschaften bzw. den Volkswirtschaftswissenschaften werden ausreichend erklärt, sodass das theoretische Vorgehen auch für Fachfremde nachvollziehbar bleibt. Die Erklärung der Meinungsbildung auf der Ebene der lokalen Politik erscheint sehr realistisch, fraglich bleibt jedoch, ob Aldrich deren Bedeutung überschätzt. Hier wäre eine Ergänzung um die Rolle der regionalen Stromversorger und deren Vernetzung mit Institutionen der Zentralregierung sinnvoll.

ND