Lifelong Learning in Tokyo. A Satisfying Engagement with Action Research in Japan

Ogawa, Akihiro (2013): “Lifelong Learning in Tokyo. A Satisfying Engagement with Action Research in Japan”. In: Anthropology in Action, 20: 2 (Summer 2013). 46–57.

Die japanische Zivilgesellschaft ruft in der sozial- und politikwissenschaftlichen Japanforschung seit einigen Jahren ein besonderes Forschungsinteresse hervor. Dies führte oftmals zu dem schwierigen Unterfangen, mögliche Besonderheiten der japanischen Zivilgesellschaft auf einer verallgemeinernden und abstrakten Ebene erklären zu wollen. Im Gegensatz hierzu rückt der Anthropologe Akihiro Ogawa mit Hilfe einer besonderen Forschungsstrategie, über die der Forscher sich unmittelbar im Forschungsfeld engagiert, die Prozesshaftigkeit zivilgesellschaftlicher Arbeit in den Forschungsfokus. Ogawa thematisiert auf diese Weise Alltagspraktiken auf der lokalen Ebene einer Tokioter NPO (non-profit organization) und erforscht, was Zivilgesellschaft in diesem konkreten Fall tut und bewirkt.

Im Hintergrund des Artikels steht ein größer angelegtes Forschungsprojekt Ogawas, das 2001 begonnen wurde und schon zu verschiedenen anderen Publikationen geführt hat. (1) Den Mittelpunkt des Projektes bildet eine NPO aus einem shitamachi-Bezirk in Tokio, welche verschiedenste Kurse und Aktivitäten mit dem Ziel von „community-oriented lifelong learning“ anbietet (49). Hierunter fallen beispielsweise Kunst-, Sport- und Sprachkurse für verschiedene Altersgruppen oder Angebote für Grundschulkinder des Bezirks, welche ergänzend zum Unterricht besucht werden können.

Die von Ogawa hier durchgeführte Feldforschung folgt dabei dem Ansatz der Action Research, welche die stakeholders des Forschungsobjektes (hier: die Mitarbeiter der NPO) mit in den Forschungsprozess einbindet und explizit die Verbesserung der Situation der Mitglieder der Organisation zum Ziel hat. Die Mitarbeiter werden so Teil eines Forschungsteams, welches seine Aufgaben über mehrere, zyklische Arbeitsschritte gemeinsam zu lösen sucht, wodurch eine gerechtere und zufrieden stellende Situation für alle am Forschungsprozess Beteiligten hergestellt werden soll. (2) Während intensiven Feldforschungsphasen arbeitete und engagierte Ogawa sich in der NPO und untersuchte, welche Auswirkungen die von der Bezirksregierung forcierte NPO-Gründung für die Freiwilligen und ihre Arbeit hatte.

Die Position als Mitarbeiter (und Forscher) innerhalb der NPO hat Ogawa mittlerweile aufgegeben. Dennoch steht er weiter in Kontakt zu seinen ehemaligen Kollegen und hilft bei speziellen Problemen, indem er beispielsweise Teambesprechungen und Emailverteiler organisiert. Das Beispiel, das für diesen Artikel ausgewählt wurde, ist die Diskussion um den Betrieb eines Planetariums durch die NPO. Das Planetarium wird unter anderem für unterrichtsergänzende Kurse für Grundschulen der Nachbarschaft benutzt und ist eines der letzten öffentlichen Einrichtungen dieser Art in Tokio. Doch während sich viele Mitarbeiter einen Weiterbetrieb des eigenen Planetariums wünschten, plante die Bezirksregierung die Zahlung ihrer Unterstützungsgelder zu stoppen. Hierdurch war die NPO gezwungen, Sparmaßnahmen einzuleiten, um den Weiterbetrieb des Planetariums und mehrere bezahlte Arbeitsplätze zu sichern.

Der Fall veranschaulicht die komplexen Beziehungen zwischen dem Staat (hier insbesondere die Bezirksregierung eines Tokioter Stadtbezirks) und der NPO. Die Reaktionen einiger Mitglieder der NPO, Versuche, eigene Problemlösungsstrategien zu entwickeln, und hierbei auftretende Probleme und Erkenntnisse zeigen anschaulich, wie die japanische Zivilgesellschaft in diesem Feld funktioniert.

Der Artikel ist sehr gut lesbar und gibt Einblicke in Ogawas Forschungsprojekt, die, auch ohne den gesamten Hintergrund zu kennen, nachvollziehbar bleiben. Auf die Forschungsstrategie der Action Research wird kontinuierlich Bezug genommen, sodass der Artikel auch oder vor allem in dieser Hinsicht interessant ist. Zudem bietet er persönliche Reflektionen über die Rolle, welche ein Forscher nicht nur im Feld, sondern auch in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen einnehmen kann.

Nils Dahl

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(1)  Vgl. z.B. Ogawa, Akihiro (2009). The Failure of Civil Society: The Third Sector and the State in Contemporary Japan. Albany (New York): State University of New York Press.
(2)  Ogawa bezieht sich hierbei insbesondere auf das Action Research Konzept von Greenwood und Levin (vgl. z.B. Greenwood, D.J. und M. Levin (1998). Introduction to Action Research: Social Research for Social Change. Thousand Oaks (CA): Sage).