Onsen. Thermalquellen als Reiseziel – Badetouren und Badetourismus in Japan

onsenLegeland, Marie-Luise (2013): Onsen. Thermalquellen als Reiseziel – Badetouren und Badetourismus in Japan. iudicium: München. 504 Seiten. 58 €. ISBN: 978-3-86205-041-3.

 

 

 

 

Mit ihrer Dissertation zum Thema onsen verfolgt Legeland zwei Ziele. Zu Beginn versucht die Autorin eine historische Einordnung mit Mitteln der Kulturgeschichte, um den Wandel der Thermalquellennutzung vom „Kurbad“ zum „Badetourismus“ für den Leser nachvollziehbar zu machen. Zudem will die Autorin anhand zweier Fallstudien die aktuellen Unterschiede zwischen tourismus- und kurorientierten Thermalquellen aufzeigen.

Zu diesem Zweck bedient sich die Autorin verschiedener Methoden der Geschichtsforschung, der qualitativen und quantitativen Sozialwissenschaften und der Tourismusgeographie.
Kapitel 2, das den kulturgeschichtlichen Teil der Arbeit darstellt, ist chronologisch geordnet. Innerhalb dieser Chronologie greift die Autorin verschiedene Motive und Charakteristika der jeweiligen Epoche auf. Beginnend mit dem „vormodernen Japan“, nach Definition der Autorin die Zeit vor der Edo-Zeit, stellt Legeland drei zentrale Themen von Reisen zu Thermalquellen dar: Das erste ist die Funktion der Erholung oder Kur, das zweite die soziale Funktion des gemeinsamen Entspannens und Feierns und abschließend als drittes die Einbettung in religiöse Kontexte. Legeland sieht eine Verbindung zwischen dem Ausbau von Infrastruktur und der Erschließung von Thermalquellen und zeigt auf, dass die Verbesserung der Infrastruktur die beliebten Pilgerreisen vereinfachte. Das Einzugsgebiet war meist noch regional beschränkt und religiöse Motive spielten eine besondere Rolle.

Mit Beginn der Edo-Zeit kam es zu einer allgemein größeren Mobilität der Bevölkerung und Reisen wurden zum Massenphänomen. Anders als in Europa wurden Badeorte dabei nicht zu Treffpunkten der sozialen Elite, sondern standen der gesamten Bevölkerung zur Verfügung. Dennoch findet sich eine soziale Differenzierung innerhalb der Badeorte, wobei in diesem Segregationsmodell der Stand des Individuums wichtiger war als das Geschlecht. Die Segregation fand durch getrennte Badebereiche für die unterschiedlichen Stände statt. Weiterhin eröffneten die Thermalquellen Dependancen in den Städten, in denen Thermalwasser in Badehäusern benutzt wurde, und steigerten so ihre Bekanntheit; zugleich wurden Erholungsbäder unter der regionalen Bauernbevölkerung immer populärer. Da die Reisefreiheit in der Edo-Zeit noch relativ eingeschränkt war, wurden Badereisen als Vorwand für weitergehende Vergnügungsreisen benutzt, und auch Wallfahrten, für die Reisefreiheit galt, enthielten oft eine touristische Komponente.

Legeland betont jedoch, dass kein einseitiger Wandel der Badereisen stattgefunden habe, da die Unterscheidung zwischen „Vergnügungsreise“ und „Kur“ müßig sei und sowohl Anzeichnen von klassischen Kuren als auch von Tourismus in den Quellen vorzufinden seien. Beide Formen bestanden Legeland zufolge parallel.

Mit Beginn der Meiji-Zeit setzte ein zweiter onsen-Boom ein, der durch die Modernisierung und absolute Reisefreiheit ausgelöst wurde. Als Faktoren, die die zunehmenden Badereisen förderten, nennt Legeland die verbesserte Infrastruktur, die flächendeckende Einführung von Rikschas, der Eisenbahn und von Privatbahnen, die das öffentliche Verkehrsnetz mit den Badeorten verbanden. Den Höhepunkt des Ausbaus von Bahnverbindungen datiert Legeland zwischen 1910 und 1935. Mit Beginn des Pazifik-Kriegs stoppte dieser Ausbau.

Mit der Rezession und dem Kantō-Erdbeben in den 1920ern ebbte der onsen-Boom ab. Der Strukturwandel der Badeorte war jedoch nicht mehr aufzuhalten und es kam vielerorts zu Investitionen, die die eigentliche Nachfrage bei weitem überstiegen. Verbesserung der Infrastruktur und das Aufkommen von Reiseliteratur, Zeitschriften und Werbung sorgten für einen überregionalen Einzugsbereich einiger Badeorte, jedoch blieb die regionale Bevölkerung für den Großteil der kleineren Badeorte entscheidend.

Die Modernisierung Japans führte auch zur Etablierung der Balneologie (Bäderkunde), über deren Einführung und die Rolle westlicher Balneologen Legeland einen historischen Exkurs einarbeitet. Besonders interessant ist die extensive Nutzung der Erkenntnisse aus der Bäderkunde durch das japanische Militär in der Kriegszeit, wobei schwer zu interpretieren ist, ob die Balneologie die Zweckbeziehung mit dem Militär aus Opportunismus oder Zwang heraus einging.

Nach 1945 traf die Krise des Tourismus auch viele Badeorte, die erst durch den steigenden Konsum im Zuge des Wirtschaftswachstums überwunden wurde. Der Ausbau der Infrastruktur bezog sich nach 1945 in erster Linie auf Straßen, sodass die Motorisierung der Bevölkerung zunehmend einherging mit einer Individualisierung der Reisen. Die Kurfunktion von Badereisen spielte dabei eine immer geringere Rolle und im Vordergrund standen Vergnügen und eine entspannte Atmosphäre. Onsen wurden das Ziel von Kurzurlauben, was die klassische Balneologie, die längere Aufenthalte vorschreibt, schwächte. Trotz einer Stagnation der Besucherzahlen sind die Thermalquellen nach wie vor das beliebteste Ausflugsziel für Inlandreisen.

Die Fallbeispiele Hijiori und Kusatsu stellen zwei Ausrichtungen von Badeorten dar, die eine zentrale Rolle im gesamten Buch von Legeland spielen: Kur und Tourismus. Hijiori, das lange Zeit eine starke Ausrichtung als Kurbad aufwies und 1991 zum „Nationalen Heilbad“ ernannt wurde, musste erhebliche Besuchereinbußen hinnehmen, da eine staatliche Unterstützung von Kuren kaum vorhanden ist und die regionale Bevölkerung, die traditionell in Hijiori Entspannung fand, kaum noch längere Aufenthalte dort plant. Kusatsu hingegen nahm eine sehr wechselhafte Entwicklung und war historisch betrachtet schon früh für seine besonders ergiebigen Thermalquellen bekannt. Kusatsu sprach in der Nachkriegszeit oftmals Skitouristen an. Die Bedeutung der Kur blieb zwar erhalten, jedoch hatte diese gegenüber den zahlungskräftigen Touristen an Bedeutung verloren.

Die Fallbeispiele verdeutlichen erneut Legelands zentrales Argument, dass das Kurwesen in Japan ohne staatliche Unterstützung ein Nischenprodukt bleibe und viele Thermalquellen sich an Kurzurlauber und Touristen wenden, um wirtschaftlich zu überleben.

Insgesamt ist Legelands Arbeit sicherlich ohne Einschränkungen als Standardwerk zum Thema „Badereisen“ und „Badetourismus“ in deutscher Sprache zu bezeichnen. Die Fülle an historischem Material und die gründliche Recherche könnten Leser zugleich jedoch überfordern. Auch die Menge an japanischen Begriffen ist für Nicht-Japanologen nur schwer nachvollziehbar und stört mitunter den Lesefluss erheblich. Insbesondere die Kapitel zur Entwicklung der Infrastruktur und das zur Rolle der Balneotherapie in der Kriegszeit sind über die eigentliche Thematik hinaus lesenswert. Die Fallstudien sind zwar interessant, aber die Vermischung von historischer Forschung und soziologischer Forschung ist nicht ganz nachvollziehbar. Insgesamt sind die Zusammenfassungen am Ende der Fallstudien und am Ende des Buches sehr gut nachvollziehbar, jedoch hätte man sich als Leser gewünscht, dass der rote Faden insbesondere zwischen den historischen Kapiteln besser herausgearbeitet wird, um Parallelen, Unterschiede und historische Brüche einordnen zu können. Für Leser, die sich mit Tourismus, regionaler Entwicklung und Badeorten/Kurwesen beschäftigen, ist dieses Buch dennoch empfehlenswert.

AJ – Adam Jambor