Übersetzung: „In Nacht und Nebel“ von Kita Morio

In Nacht und Nebel Kita MorioKita, Morio (2013): In Nacht und Nebel. Aus dem Japanischen von Otto Putz. Löhne: Cass Verlag. 176 Seiten. 15,95 Euro. ISBN: 978-3-9809022-9-8.

 

 

 

 

Kita Morio (1927–2011) zählt zu den japanischen Autoren, die in Deutschland bislang weniger bekannt sind. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass nun einer seiner Romane in deutscher Übersetzung erschienen ist. „In Nacht und Nebel“ hat sogar im Jahr seines Erscheinens (1960) den renommiertesten Literaturpreis Japans, den Akutagawa-Preis, erhalten. Kita verbindet in diesem Roman vortrefflich seine Qualifikationen als Schriftsteller und als studierter Mediziner: Die Geschichte spielt nämlich in einer Nervenheilanstalt in Deutschland zur der Zeit des Nationalsozialismus.

Dort wird unter anderem der Japaner Takashima behandelt. Er hofft jeden Tag auf den Besuch seiner jüdischen Frau. Er hofft jedoch vergebens, wodurch sich seine Krankheit mehr und mehr verschlechtert. Eines Tages erhält die Anstalt Besuch der SS: Einige Insassen, die als „unheilbar“ gelten, sollen „verlegt“ werden. Die Ärzte scheinen von der drohenden Deportation überrascht und reagieren ganz unterschiedlich. Manche resignieren, bei manchen schimmert eine Befürwortung dieser Aktion durch, manche verfallen in eine Art blinden Aktionismus und überschreiten medizinisch-ethische Grenzen, um zumindest ein paar Insassen vor dem Prädikat „unheilbar“ zu retten. Da ist zum Beispiel der Arzt Kersenbrock, der sich stark für die Präparierung von Gehirnzellen interessiert. Er nimmt die Situation zum Anlass, verschiedene Experimente durchzuführen, indem er als „unheilbar“ geltende Patienten mit höheren Medizindosen verarztet. Einerseits hofft er so auf eine Heilung dieser Menschen, andererseits befriedigt er durch diese Experimente am Menschen seine ärztliche Neugier. Der Patient Takashima stellt in der Romanhandlung das Bindeglied dar, denn durch ihn wird das Grauen erfahrbar; die anderen Patienten bleiben hingegen schemenhaft.

Kita Morio breitet vor dem Leser auf nüchterne, aber dennoch sehr eindringliche Weise ein sehr düsteres und beklemmendes Szenario aus. Aus verschiedenen Blickwinkeln heraus (Ärzte und Takashima) schildert er vor dem historisch realen Hintergrund des „Euthanasie-Befehls“ (systematische Ermordung körperlich und geistig Behinderter zwischen 1940 und 1945) eine Situation, in der Wahnsinn und Vernunft nicht eindeutig räumlich abgegrenzt werden können. Sowohl die Nervenheilanstalt als auch die Ereignisse außerhalb symbolisieren Wahnsinn und Vernunft zugleich.

Die Übersetzung ins Deutsche hat der renommierte und mehrfach ausgezeichnete Übersetzer Otto Putz (1954–2011) vorgenommen, der auch Werke von Kawabata Yasunari, Natsume Sôseki, Oe Kenzaburô und Inoue Yasushi übersetzt hat. Der deutsche Text ist trotz der medizinischen Fachbegriffe flüssig zu lesen. Besonderheiten im Satzbau, die sicherlich der japanischen Syntax geschuldet sind, tragen zu der besonderen Atmosphäre des Romans bei.

Fazit: „In Nacht und Nebel“ ist ein Roman mit außergewöhnlichem Setting und Plot, der interessante und vielschichtige Perspektiven auf historische und zwischenmenschliche Komplexitäten eröffnet. Die Geschichte spricht vor allem Leser/innen an, die sich für den Umgang mit psychisch Erkrankten während des Nationalsozialismus interessieren, aber auch für die komplexen Gedankengänge, folgeschwere Entscheidungsfindungen und Positionierungen, die sich vor einem schwierigen Hintergrund abspielen.

JS – Julia Siep