Mori Ôgai als interkultureller Vermittler

ogaiMorikawa, Takemitsu (2013): Japanizität aus dem Geist der europäischen Romantik. Der interkulturelle Vermittler Mori Ôgai und die Reorganisierung des japanischen ‚Selbstbild‘ in der Weltgesellschaft um 1900. Bielefeld: Transcript. 322 Seiten. 40€. ISBN: 978-3837618938.

 

 

 

Im vorliegenden Buch, der auf Deutsch verfassten überarbeiteten Habilitationsschrift von Morikawa Takemitsu, wird Mori Ôgai (1862–1922) in seiner Rolle als interkultureller Vermittler untersucht. Dafür werden sein Einfluss auf die nachfolgende Generation von Intellektuellen wie Watsuji Tetsurô (1889–1996), Yanagita Kunio (1875–1962) und Nagai Kafû (1879–1959) sowie seine kanonisierten Werke in den Fokus gerückt. Der Leitgedanke des Buches lautet, dass für Ôgais Leben wie Werk dasselbe „Masternarrativ“ wie für das moderne Japan gelten solle: „Japan hat sich mit großer Mühe und Anstrengung erfolgreich westliche Technik und Wissenschaft angeeignet und doch seine kulturelle Identität nicht verloren.“ (S. 33, kursiv im Original).

In der Einleitung dient Morikawa als theoretischer Hintergrund Niklas Luhmann, aus dessen Semantik der im Buchtitel verwendete Begriff Reorganisierung entlehnt ist. Ferner werden für die Definition des Kulturbegriffs Max Weber und dessen Exeget Friedrich Tenbruck genannt. Bei der Frage nach der Konstruktion von Westen und Orient wird das Werk von Edward Said zitiert. Nach gut zehn Seiten wird schließlich der direkte Bezug zu Ôgai aufgebaut, wodurch die Lektüre anschaulicher wird. Auf die sich dem Leser eventuell stellende Frage, warum ein Soziologe einen Schriftsteller untersuchen sollte, wird Jan und Aleida Assmanns Gedächtnistheorie angeführt: der „Schrift-Steller“ produziere Texte, „die als Zirkulations- und Speichermedium einer Gesellschaft fungieren“ (S. 41).

Das zweite Kapitel trägt den Titel „Codierung“, womit erneut Luhmann und seine Systemtheorie als Fundament deutlich werden. Für die europäische Romantik wird von Morikawa der binäre Code Okzident-Orient beschrieben, zunächst allgemein und dann mit Blick auf die Werke von Ôgai. Die Analyse der Übersetzungen durch Ôgai von europäischer Literatur ins Japanische zeigt, dass Goethe als Autor und die Romantik als Epoche eine große Gewichtung erfahren. Anschließend werden die wichtigsten Werke Ôgais kurz zusammengefasst und die häufige Verwendung romantischer Begriffe wie „Tod, junge Frau (Mädchen, Prinzessin), der innere Raum (kokoro)“ (S. 81) und Motive wie „Heimat“ (S. 89) herausgearbeitet. Ausführlich wird Maihime („Die Tänzerin“) als Ôgais wohl berühmtestes Werk diskutiert und dessen Botschaft über das moderne Japan der Meiji-Zeit: „Indem er die Geschichte tragisch enden lässt, versucht Ôgai die Grenze zwischen Japan und dem Westen (hier: Deutschland) zu ziehen und zu zeigen, dass Japan nicht vollständig europäisiert werden kann und soll. Japan und der Westen können sich nicht für ewig verbinden, sondern Japan soll zu sich selbst, zu seiner eigenen Tradition zurückkehren, wobei gleichgültig ist, was als Tradition gelten soll.“ (S. 83, kursiv im Original). Ôgai versuche, „wie die deutschen Romantiker“ „die Nation auf Kunst zu begründen“ (S. 96). Er kritisiere auch den moralischen Verfall und verkörpere alte Werte, wodurch er für die Rolle des Identität stiftenden Volksdichters prädestiniert gewesen sei (vgl. S. 96).

Die Zeitgenossen und Nachfolger Ôgais werden im dritten Kapitel beschrieben und ihr „romantische[s] Syndrom“ (S. 97) – also ihre starken Beeinflussung durch die europäische Romantik – erläutert. Unter den elf „Jüngern“ (S. 111) sind die bekanntesten der Sammler von Volksmärchen und Schriftsteller Lafcadio Hearn (1850–1904, auch bekannt als Koizumi Yakumo), der vor allem durch seine Klimatologie bekannt gewordene Kultur- und Ethikphilosoph Watsuji Tetsurô, der Volkskundler und Ethnologe Yanagita Kunio und der Schriftsteller Nagai Kafû. Für sie sei Ôgai ein „Leuchtturm“ (S. 97) gewesen, der ihnen die europäische Romantik durch seine Texte und Übersetzungen nahe brachte. Morikawa zeigt anschaulich den großen Einfluss Ôgais auf die führenden Intellektuellen der späteren Generationen auf, aber mehr noch als das gelingt es ihm hier, diese wichtigen intellektuellen Persönlichkeiten des Vorkriegsjapans kompakt und dennoch ausreichend zu beschreiben, sodass z.B. der Abschnitt über Yanagita Kunio ebenso als Einführungstext gut geeignet ist.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Philosoph Kuki Shûzô (1888–1941) und dessen Beschreibung von iki als grundlegende japanische Eigenschaft. Anschließend wird die Sozialstruktur der Edo-Zeit mithilfe von Pierre Bourdieus Kapiteltypen analysiert und die Semantik von iki auf den sozialen Raum angewendet. Das ist für sich genommen durchaus interessant, aber es stellt sich beim Lesen die Frage nach dem Sinn des Kapitels. Im Schlusswort des Buches wird zwar kurz Kukis Beeinflussung durch die Romantik erwähnt, aber die Relevanz dieses Abschnitts für die Leitfrage des Buches ist in meinen Augen gering. Dennoch ist dieser Teil sehr informativ und ohne Frage lesenswert, z.B. als Einführungslektüre zu Kuki und seinem Konzept iki.

Der Erwähnung Ôgais in japanischen Reisebeschreibungen zu Europa wird das recht kurze fünfte Kapitel gewidmet. Das überraschende Ergebnis der Analyse lautet, dass ein direkter oder indirekter Verweis auf Ôgai oder auf seine Übersetzungen von europäischer Literatur im Falle von Berichten über Deutschland nur selten vorhanden ist, allerdings ist bei neueren Publikationen wie Reiseführern eine stärkere Präsenz von Ôgai festzustellen.

Das sechste Kapitel untersucht die Kanonisierung Ôgais in Schulbüchern. Während er in der Vorkriegszeit nur selten in Schulbüchern eine Erwähnung fand und wenn, dann zumeist mit seiner eher japanischen Erzählung Takasebune*, ist er in der Nachkriegszeit wesentlich präsenter und nach Soseki zum zweitwichtigsten Schriftsteller der Meiji-Zeit kanonisiert worden. Wenn ein Text von Ôgai in einem Schulbuch thematisiert wird, handelt es sich bei etwa der Hälfte der Fälle um seine Novelle Maihime**. Eine zweite Analyse von Fachzeitschriften bestätigt, dass Maihime in der Nachkriegszeit zum meist besprochenen Werk Ôgais wurde. Bei der Frage nach den Gründen für diese Tendenz, schlägt Morikawa nach einigen Umwegen den Bogen: Ein kollektives Gedächtnis wird konstruiert, im welchem die „Oberstadt (yamanote)“ und ihre hohe Kultur eine wichtige Rolle spielt. Dort formte sich in der Meiji-Zeit aus jungen Erwachsenen, meist aus der früheren niederen Kriegerkaste und Neuhinzugezogenen, die neue intellektuelle Elite mit kanonisierten Persönlichkeiten wie Ôgai, Watsuji, Yanagita. Dem gegenüber wurde die „Unterstadt (shitamachi)“ mit ihrer eher aus Händlern und Handwerkern bestehende Bevölkerung und ihrem als ausschweifend geltenden Lebensstil im Diskurs marginalisiert, und Vertreter wie Kafû und Kuki wurden schrittweise dekanonisiert (vgl. S.234).

In den „Schlussbemerkungen“ kehrt Morikawa zu seinem eingangs formulierten Masternarrativ zurück, dass er – und ebenso auch der Leser – bestätigt sieht. Ôgai wird nicht nur in Werk, sondern auch als Person zum Sinnbild Japans in der Meiji-Zeit kanonisiert und stilisiert. Er lernt vom Westen, bleibt aber bei seinen japanischen Wurzeln. Zudem wurde die insbesondere durch ihn nach Japan gebrachte europäische Romantik zu einer wichtigen Initiativkraft für die folgenden Intellektuellen bei der Konstruktion einer nationalen und kulturellen Identität Japans.

Insgesamt ist Morikawa ein überaus aufschlussreiches und gut strukturiertes Werk gelungen, das dank intensiver Recherche und Quellenanalyse fundierte Einblicke in die Rezeptionsgeschichte von Ôgai – sowohl als Schriftsteller wie auch als Repräsentant des Japans der Meiji-Zeit – bietet. Auch für Nicht-Japanologen sind zum Verständnis ausreichende Erläuterungen zu Vokabeln, Zeitgeschichte und Persönlichkeiten gegeben. Somit kann man das vorliegende Buch auch Soziologen und Literaturwissenschaftler empfehlen, die sich mit der Bildung von kollektivem Gedächtnis und dem Prozess der Kanonisierung beschäftigen. Darüberhinaus ist es für Japanologen lesenswert, die sich mit dem kulturellen Umbruch Japans in der Meiji-Zeit und dessen heutiger Interpretation beschäftigen.

* Deutsche Übersetzung: Mori, Ôgai (1960): „Das Geleitschiff Takasebune“. Übers. Watanabe, Kakuji. In: Watanabe, Kakuji (Hg.): Japanische Meister der Erzählung. Bremen: Walter Dorn Verlag, S. 29–38.
** Deutsche Übersetzung: Mori, Ôgai (2010): Das Balletmädchen. Eine Berliner Novelle. Übers. Berndt, Jürgen. Berlin: Bebra Verlag.

TT – Timo Thelen