Modernisierungsprozesse in Japan

modernisierungsprozesseHoldgrün, Phoebe Stella; Vogt, Gabriele (Hg.) (2013): Modernisierungsprozesse in Japan. München: Iudicidum. 210 Seiten. Ca. 50 Euro. ISSN 0941-1321.

 

 

 

Der im Jahr 2013 herausgegebene Band „Modernisierungsprozesse in Japan“ des Deutschen Instituts für Japanstudien bietet einen umfassenden Einblick in das Ausmaß der Diversität japanischer Modernisierungsprozesse und beschäftigt sich mit der Fragestellung, wie das Land die jeweiligen Modernisierungsphasen erlebt hat. Die Ergebnisse stammen teils aus verschiedenen Beiträgen der gleichnamigen Ringvorlesung im Sommersemester 2011 des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg. Die meisten Beiträge weisen eine sozialwissenschaftliche Herangehensweise auf, bei denen insbesondere politische, soziale und ökonomische Entwicklungen Japans von der Meiji-Zeit bis in die Gegenwart behandelt werden.

Kernpunkt des Bandes bildet die These, dass die Modernisierung Japans nicht mit Ende der Meiji-Zeit abgeschlossen war und als dynamischer Prozess aufgefasst werden sollte (12). Hierbei wird auf das in den 1990ern von Eisenstadt entwickelte Prinzip der multiple modernities verwiesen: Dieses sieht vor, Modernisierungen in historischen Kontexten zu betrachten und von einer „dynamische[n] Mannigfaltigkeit von Kulturen“ auszugehen (13). Daraus resultiert eine Vielfalt an Modernitäten, denen zentral drei Faktoren zugrunde liegen: Individualisierung, Rationalisierung und Differenzierung (14). So lässt sich Japans „Öffnung“ gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft in drei Phasen einteilen, denen die verschiedenen Beiträge des Bandes thematisch zugeordnet sind (15).

Die erste Modernisierungsphase Japans ist gemäß Holdgrün und Vogt in der Meiji-Zeit zu verorten, welche von einer Revision des staatlichen Selbstverständnisses und der Suche nach einer gemeinsamen Identität von Staat und Volk bestimmt war (15). Harald Baum thematisiert in diesem Kontext die Entwicklung des modernen japanischen Rechts und dessen Einbettung in die japanische Kultur. Baum zeigt, dass zwar „westliche“ Vorbilder bei der Etablierung des modernen Rechtssystems in Japan eine entscheidende Rolle spielten, dieses jedoch auch spezifisch „japanische“ Faktoren beinhalte. In diesem Zusammenhang diskutiert der Autor, welche langfristigen Folgen der derzeitige soziale Wandel auf die japanische Rechtspraxis hat (31–53).

Manfred Pohl wendet sich in seinem Beitrag der Bedeutung des Unternehmertums im Zuge der Modernisierung zu und erklärt betriebliche Umstrukturierungen während der Meiji-Zeit im Hinblick auf die Bildung einer wirtschaftsmächtigen „modernen Nation“ (19). Der Autor stellt heraus, inwieweit diese Bestrebungen bereits vor dem Beginn der Meiji-Restauration vorhanden waren. So lassen sich schon während der Sengoku- und Tokugawa-Epoche Verknüpfungen von Staats- und Großunternehmen zur Schaffung eines modernen Nationalstaates feststellen (54–79).

Die zweite japanische Modernisierungsphase lässt sich zeitlich in der Niederlage im zweiten Weltkrieg und den anschließenden Aufstieg Japans zur wirtschaftlichen Weltmacht verorten. In dieser Phase sei das Land in seiner Rolle als „Juniorpartner“ (20) der USA vor allem von der Frage nach der eigenen Eigenständigkeit geprägt gewesen. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich Tim Goydke mit der Beziehung zwischen Staat und Industrie in der Wirtschaftsentwicklung nach 1945, in der durch die staatliche Beeinflussung des Wettbewerbs insbesondere einzelne Großunternehmen gefördert wurden. Mittelständische Unternehmen hingegen seien noch heute nicht international wettbewerbsfähig. Dadurch habe sich ein System etabliert, welches nach Ansicht des Autors einer langfristigen eigenen Modernisierung bedürfe, um weiter auf dem globalen Markt bestehen zu können (80–95).

Gabriele Vogt widmet sich in ihrem Beitrag dem Thema der Rückgliederung Okinawas an Japan zum Ende der US-Administration im Jahr 1972. So thematisiert sie die Beweggründe dieses Vorhabens, dem vor allem die Aussicht auf ein Ende der US-Besetzung und die Hoffnung auf einen Anteil am Wohlstand der Hauptinseln zugrunde lagen. Die nach wie vor ungleiche Verteilung der Militärstützpunkte übt heutzutage einen starken Einfluss auf die Vorstellungen von Identität der okinawanischen Minderheit aus, die die Autorin in Form von Zeitzeugenberichten herausarbeitet und diskutiert (96–124).

Die gegenwärtige, dritte Modernisierungsphase Japans ist von den Herausforderungen verschiedener gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche geprägt. Diese Phase unterscheide sich gemäß Vogt und Holdgrün insofern von den vorherigen, als dass in diesem Fall kein Modernisierungsdruck von Außen vorherrsche und Lösungsstrategien eher aus der Gesellschaft heraus erarbeitet werden können (21).  Hugo Dobson diskutiert zunächst die Position Japans in der von ihm so genannten „GX-Politik“ (128 ff.) und stellt die Herausforderungen heraus, mit denen sich Japan insbesondere im Rahmen der G8- und G20-Politik konfrontiert sieht. Als Nation, der beim Treffen der G8 noch eine Vorreiterposition als Vertreter asiatischer Länder anerkannt wurde, muss sich Japan hinsichtlich der G20 heutzutage neu orientieren. Dobson stellt anschaulich heraus, inwiefern die bisherigen Ministerpräsidenten Japans ihrer zentralen Rolle auf diesen Treffen nur partiell gerecht wurden (127-142).

Phoebe Holdgrün äußert sich in ihrem Beitrag „Ausführen oder Entscheiden? Dezentrale Arbeitsteilung im japanischen Mehrebenensystem“ zu den Hintergründen und Zielen der Dezentralisierungsreformen in Japan. Diese wurden ab den 1990er Jahren umgesetzt und hatten Kompetenzerweiterungen für die Präfekturebene und verstärkte Bürgerbeteiligung zum Ziel. Anhand eines Fallbeispiels weist die Autorin auf die Grenzen dieser Differenzierung hin und stellt heraus, warum die Reformziele bislang recht eindimensional erscheinen (143–167).
Annette Schad-Seifert widmet sich in „‚Der Ehemann als Luxusgut‘ – Japans Trend zur späten Heirat“ den Folgen des späten und zunehmend individualisierten Heiratsverhaltens in Japan, welches häufig in nicht gewünschter Ehelosigkeit resultiert. In ihrem Beitrag weist sie darauf hin, dass die sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes nur wenig Freiräume für eine aktive Partnersuche bieten. Insgesamt sei das Heiratsverhalten besonders durch die ungenügenden Sicherheiten für die Zukunftsplanung und durch die mangelnden Perspektive einer erfolgreichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf zunehmend gehemmt (168–185).

Inger Maleen Bachmann setzt sich abschließend mit der aktuellen Lebenslage und dem Suizidverhalten älterer Menschen in Japan auseinander. Aufgrund der Bedeutung des demographischen und familiären Wandels in der derzeitigen Modernisierungsphase in Japan soll ihr Beitrag „Japans einsame Alte – Alterssuizid in einer sich wandelnden Gesellschaft“ (186–209) an dieser Stelle ausführlicher rezensiert werden.

Bachmann thematisiert in ihrem Beitrag die aktuelle Problematik des Altersuizids in Japan, indem sie mögliche Ursachen dieses Phänomens und die Effektivität bisheriger Präventionsmaßnahmen von Seiten lokaler Initiativen diskutiert. Vorweg schließt sie dabei die Vorstellung einer kulturell bedingten „japanische[n] Neigung zum Suizid“ (187) aus. Vielmehr verortet sie die Ursachen für die hohen Suizidraten unter der über 65-jährigen Bevölkerung Japans in einer mit dem hohen Alter verbundenen Perspektivlosigkeit. Diese lässt sich insbesondere auf derzeitige Faktoren des Renteneintritts, der Altersarmut, des Wandels familiärer Strukturen und dem Mangel eines Lebenssinns (ikigai) zurückführen (190).

Zunächst erörtert Bachmann, dass die Entwicklungen des demographischen Wandels eine zunehmende finanzielle Belastung für das Rentenversicherungssystem in Japan darstellen. Da das Verhältnis zwischen Einzahlern und Empfängern stetig unausgeglichener wird, reagieren Politik und Unternehmen in Japan mit einer Erhöhung des Renteneintrittsalters und Kürzungen der Rentensätze. Dies hat im Verlauf der letzten Jahre zu einem akuten Anstieg der Armutsrate im hohen Alter geführt (191). Zeitgleich lassen sich ein Wandel familiärer Strukturen und damit verbundene Unterschiede hinsichtlich der familiären Versorgungsverhältnisse ausmachen, da junge Menschen vermehrt in Großstädte ziehen (193). Da sie ihrer Familie nicht zur Last fallen wollen, sehen sich ältere Menschen so vermehrt mit dem Problem konfrontiert, ihren Alltag und Lebensunterhalt allein bestreiten zu müssen. Vor diesem Hintergrund erscheint es laut Bachmann schwierig, „die eigene Rolle zu definieren und einen Platz in der Gemeinschaft zu finden“ (194). Rentnern fehle es demnach an einem nötigen ikigai, nach welchem sie ihren Alltag ausrichten können. Dieser Mangel wird häufig als Auslöser für boke (geistige Verwahrlosung) und die Entwicklung depressiver Verhaltensmuster charakterisiert (197).

Der Erfolg therapeutischer Betreuung ist bei älteren Menschen aufgrund der unzureichenden Perspektive auf positive Veränderungen meist nur gering. Auf kommunaler Ebene wurden deshalb infolge des 2006 etablierten Basic Act on Suicide Countermeasures (Jisatsu taisaku kihon-hô) (198) diverse Präventionsprojekte gestartet. Bachmann evaluiert hierzu zwei Beispiele: Zunächst das SUPPRESS-Programm der Stadt Nagawa in Aomori, welches von 1999 bis 2004 primär auf die frühzeitige Erkennung von Depressionen unter den Teilnehmern abzielte. Des Weiteren stellt die Autorin ein Programm für gezielte Gruppenaktivitäten in Yuri, Akita Präfektur, aus den Jahren 1987 bis 2002 vor, das es sich zum Ziel setzte, die soziale Vernetzung der Teilnehmer zu stärken und sie wieder in gesellschaftliche Aktivitäten einzubinden (199). Beiden Projekten gemeinsam sei der Versuch, den jeweiligen Teilnehmern ein neues ikigai zu vermitteln.

Bachmann weist als Ergebnis der von ihr durchgeführten Realistic Evaluation insbesondere auf geschlechterspezifische Unterschiede in Bezug auf den Erfolg der Programme hin: Die verstärkte Beteiligung von Frauen kann demnach u.a. auf die Programminhalte und die in Umfragen deutlich werdende Tendenz zurückgeführt werden, dass weibliche Teilnehmer häufig stärkere soziale Vernetzungen vorweisen als Männer (201). Ältere männliche Teilnehmer hingegen, die vor dem Renteneintritt primär ihren Beruf als ikigai ansehen, hätten noch stärker mit dem Verlust einer Aufgabe im Leben zu kämpfen und fühlten sich nur selten von den angebotenen Gruppenaktivitäten angesprochen (202). Zudem liege der Fokus der Maßnahmen zu stark auf der bloßen Erkennung von Depressionen: In den Projekten werde somit zwar versucht, auftauchende Symptome zu behandeln, jedoch nur mangelhaft auf die Ursachen suizidalen Verhaltens eingegangen (203). Aufgrund dieser Schwachstellen seien beide vorgestellten Maßnahmen als Prävention von Alterssuizid unzureichend. Die Autorin schlägt die Etablierung differenzierterer Gruppenaktivitäten vor, in denen insbesondere männlichen Teilnehmern durch die erneute Aufnahme einer Erwerbstätigkeit oder Freiwilligenarbeit die Entwicklung eines neuen Lebenssinns ermöglicht werde (204).

Trotz der Kürze ihres Beitrags gelingt es Bachmann, die wesentlichen Faktoren des demographischen und gesellschaftlichen Wandels mit dessen Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse älterer Menschen in Japan herauszustellen. Die von der Autorin dargelegten Ursachen für die Entwicklung depressiver Verhaltensweisen unter Rentnern erscheinen dabei schlüssig. Auch die Zusammenfassung derzeitiger Schwachstellen bereits etablierter Präventionsmaßnahmen mit konkreten Fallbeispielen ist gelungen. Aufgrund der Kürze des Textes fällt der Ausblick hinsichtlich neuer Erwerbs- und Arbeitsmöglichkeiten für Senioren ein wenig kurz aus. Hier wäre noch eine kurze Evaluation zum Erfolg der Selbstorganisation unter Rentnern in Hinblick auf die Entwicklung eines ikigai aufschlussreich gewesen. Gleichwohl veranschaulicht der Beitrag Bachmanns präzise und verständlich die Probleme, mit denen sich Rentner in Japan derzeit konfrontiert sehen und stellt besonders für Studierende einen insgesamt ergiebigen Einstieg in das Thema dar.

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass der Band „Modernisierungsprozesse in Japan“ einen interessanten und vielfältigen Einblick in das Ausmaß und die Aktualität japanischer Modernisierungsprozesse bietet. Die Beiträge der einzelnen Autoren beinhalten anschauliche Beispiele einzelner Phänomene und Entwicklungen und weisen auf die Paradoxien und Gefahren von Modernisierungsprozessen hin. Es wird klar, dass diese „[…] ständig neue kulturelle Normen und gesellschaftliche Realitäten […] generieren “ (25) und als kontinuierliche Prozesse aufgefasst werden sollten, die noch heute stets präsent sind. Die aufgegriffenen Beispiele und Entwicklungen seit der Meiji-Zeit vermitteln dem Leser einen guten Eindruck davon, inwiefern sich Japan von der Vorgabe des Nacheiferns „westlicher“ Modernisierungsmodelle abgewendet hat und seine derzeitige Modernisierung selbstständig zu gestalten versucht.

TS – Theresa Sieland