Altersobdachlosigkeit in Japan

homelessMORIKAWA, Suimei (2013): Hyōryū no rōnin-sha hōmuresu shakai [Die Gesellschaft der aufgegebenen obdachlosen Senioren]. ASAHI Shinbun: Tokyo, 220 Seiten. 10,27 EUR (1470 JPY). ISBN 978-4-02-331189-3

 

 

 

Morikawa beschäftigt sich mit dem bekannten, aber oft ignorierten Problem der Altersobdachlosigkeit in Japan. Das Werk beruht auf seinen Arbeitserfahrungen als Psychiater und Repräsentant der NGO Tenohashi, die als nichtstaatliche Organisation in direkten Kontakt mit den Obdachlosen Ikebukuros in Tokyo tritt und diese zu unterstützen versucht.

In fast jedem Kapitel des Buches „Hyōryū no rōnin-sha hōmuresu shakai“ (Die Gesellschaft der aufgegebenen obdachlosen Senioren), das auch von dem staatlichen TV Sender NHK als Dokumentation verfilmt wurde, stellt der Autor die Lebensgeschichten verschiedener obdachloser Senioren vor. Mit einer gut lesbaren und präzisen Schriftsprache erfasst das Werk die Gründe der Obdachlosigkeit und widmet sich der Frage, warum das Sozialhilfe-System Japans bisher keine Abhilfe zu schaffen vermag. Der Autor versucht dem Leser zu bedenken zu geben, dass andere, besser geeignete Denkweisen und Lösungswege von Nöten sind, um die Probleme Obdachloser analysieren und erfolgreich angehen zu können. Die bisherigen Maßnahmen sieht er als veraltet und nutzlos an: So wird für den Empfang von Sozialhilfe der Nachweis eines ständigen Aufenthaltsortes und Besitz einer ID bzw. die Kenntnis des eigenen Familiennamens vorausgesetzt. Allerdings gibt es zahlreiche Senioren, die sich aufgrund einer etwaigen Erkrankung nicht mehr ihre Adresse einprägen oder an ihren Namen erinnern können. Weiterhin existieren Personen, die aufgrund von Gewalt oder anderen Misshandlungen von Seiten ihrer Familie ihren ständigen Aufenthaltsort verlassen haben. Die Voraussetzungen zur Bewerbung auf Sozialhilfe erscheinen für Obdachlose somit kaum umsetzbar.

In dem Buch werden die persönlichen Geschichten einzelner Betroffener herangezogen, um dem Leser generelle Vorurteile und das mangelnde Verständnis, den familiären Missbrauch in der Familie (der manche in die Obdachlosigkeit treibt) und die Gewalt von Seiten der Gesellschaft gegenüber Obdachlosen vor Augen zu führen. Die Obdachlosigkeit als Folge der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit wird ebenfalls sichtbar gemacht.

Außerdem wird auf Probleme der allein lebenden Senioren wie Demenz, die in Japan immer noch tabuisierte Schizophrenie oder Alkoholismus und Drogenabhängigkeit verwiesen.

Weiterhin macht der Autor auf die Problematik der Lernschwäche unter den Obdachlosen aufmerksam. Hierzu werden Daten und Beispiele angeführt, die verdeutlichen, wie stark Lernschwäche das Leben der Obdachlosen beeinflusst. In diesem Zuge betont der Autor, welche neuen, innovativen Maßnahmen ergriffen werden sollten.

Leider fehlen im Buch Informationen über die Obdachlosen, die als Arbeitskräfte in Fukushima eingesetzt werden. Dennoch stellt der Autor die heutige Situation der Obdachlosen umfassend und spannend dar.

Obwohl der Text nicht dem Anspruch der akademischen Forschung gerecht wird und kaum wissenschaftliche Daten enthalten sind, ist er eine außerordentlich gute Quelle für Fragen des demografischen Wandels, der Alterung sowie der Obdachlosigkeit in Japan.

EB – Ezgi Bilke