Die Gesellschaft im „Familien-Exil“

kazokunanminYAMADA, Masahiro (2014): Kazokunanmin [Die Gesellschaft im „Familien-Exil“]. Asahi Shinbun Publikation: Tokyo, 214 Seiten. Ca. 12,60 Euro (1728 JPY) . ISBN 978-4-02-331261-6.

 

 

Yamada Masahiro, bekannt als Urheber berühmter Begriffe wie kakusashakai (dt. „Polarisierungsgesellschaft“)  und parasaito shinguru (dt. „parasitäre Singles“), diagnostiziert in diesem Buch ein weiteres Phänomen der japanischen Gesellschaft, das er mit dem reißerischen Namen kazokunanmin (dt. „Gesellschaft im Familien-Exil“) betitelt.

In der Einleitung legt er dar, warum das Single-Leben in Japan populär geworden ist, warum es ein großes Problem für die Gesellschaft darstellt und weshalb er dieses Phänomen mit einem so kontroversen Begriff wie „Familien-Exil“ beschreibt. Yamada bezieht sich auf den Begriff kaigonanmin (dt. „Pflegevertriebene“), der als Ausdruck für hilflose Pflegebedürftige mit langen Wartezeiten auf einen Pflegeplatz gilt. Laut dem Autor seien kazokunanmin Singles, welche in psychischer und ökonomischer Not sind, aber trotzdem keine Hilfe bekommen können, weder von ihren Familienmitgliedern, noch vom Staat. Sie seien kaum anders als Flüchtlinge, die in ihrem Heimatland verfolgt wurden und in ein anderes Land flüchten mussten.
Yamada betont von der Einleitung an, dass das Single-Dasein zumeist eine private Entscheidung und Lebensform sei. Allerdings führe ein übermäßiger Anteil dieser Lebensart in der Gesellschaft zu zahlreichen sozialen Problemen, wie dem Absinken der Geburtenrate (jp. shōshika), sozialer Entfremdung (jp. muenshakai), einsamem Sterben (jp. koritsushi) oder wirtschaftlichen Erschwernissen wie erhöhten Lebenshaltungskosten. Infolgedessen, so Yamada, solle man dieses Phänomen nicht nur als eine Lebensform, sondern auch als ein soziales Problem behandeln.

Das Werk besteht aus sechs Hauptkapiteln, einem Epilog und einem abschließenden Interview mit Hiroyuki Kubota, einem Associate-Professor an der Universität Tokio. Im ersten Kapitel versucht Yamada, den Begriff „Single“ konkret zu definieren. In dem folgenden Kapitel führt er die historische Entwicklung der zwei Lebensformen (Singles und Familie) in der japanischen Nachkriegsgesellschaft aus. Danach berichtet er in Kapitel drei über den Ursprung, die Umwandlung und die Grenzen des Begriffs „Parasitäre Singles“. In Kapitel vier weist Yamada auf die wachsende gesellschaftliche Ungleichheit (kakusashakai) zwischen Eheleuten und Singles hin. Anschließend diskutiert er in den letzten beiden Kapiteln über individuelle sowie gesellschaftliche  Maßnahmen gegen kazokunanmin. Im Epilog versucht er, einen Ausblick in die Zukunft und potenzielle Lösungswege zu veranschaulichen.

Laut Yamada sei es nach der längeren wirtschaftlichen Stagnation in Japan wichtig, gegebene gesellschaftliche Normen neu zu definieren. Die Massenmedien und der Staat würden demgegenüber noch immer ein ideales Familienkonzept vorgeben, bei dem der Mann als Festangestellter arbeitet, während sich die Frau als Hausfrau um die Kinder kümmert und den Haushalt erledigt. In fast jedem Kapitel steht dieses idealisierte Familienbild im Mittelpunkt und wird immer wieder mit Hilfe von unterschiedlichen Studien kontrovers diskutiert, da es nach Yamada heutzutage nur noch einen altmodischen und nostalgischen Traum darstelle. Demnach entspricht dieses Bild zwar nicht mehr der gesellschaftlichen Realität, werde aber trotzdem als eine grundlegende Norm für verschiedene Gesetze und soziale Dienste (Wohlfahrtssystem, Gesundheitssystem, Versicherungssystem usw.) betrachtet. Die Nicht-Festangestellten und Singles sind heutzutage insofern benachteiligt, da sie diesem idealtypischen Familienbild nicht länger entsprechen können.

Außerdem widmet der Autor einen großen Teil des Buches dem Thema „Parasitäre Singles“. Das ist kaum verwunderlich, weil die parasitären Singles der 1990er Jahre, die der Autor in vorangegangen Publikationen beschrieben hatte, bereits Betroffene des Phänomens kazokunanmin sind, oder in der Gefahr stehen, in der Zukunft davon betroffen zu sein. Heutzutage befindet sich diese Gruppe im mittleren Lebensalter. Sie können keine feste Arbeitsstelle vorweisen oder sind arbeitslos. Des Weiteren sind ihre Betreuer -die Eltern- schon in Rente und treffen selbst auf ökonomische Schwierigkeiten. In anderen Fällen sind sie möglicherweise selbst pflegebedürftig oder bereits verstorben. Der Autor geht hier auf Themen wie die Zunahme von Kriminalität, Fälle häuslicher Gewalt (besonders gegen ältere Familienmitglieder) und sozialer Isolation unter parasitären Singles ein und setzt diese miteinander in Bezug.

Auffallend ist, dass Yamada wiederholt die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität in Bezug auf das Familienbild bzw. auf die Wünsche von Singles anspricht. Dies thematisiert er in Kapitel vier anhand von Frauen und der Vorstellung eines Wunsch-Ehepartners. Er bezieht sich auf eine Studie, in der ledige japanische Frauen und Männer gefragt wurden, wie hoch das jährliche Einkommen ihres Ehegatten sein sollte. Das Ergebnis ist sehr erstaunlich: Ungefähr 68% der Frauen wünschen sich demnach einen Ehegatten mit einem Einkommen von mehr als 4.000.000 JPY (ca. 29.000 Euro), obwohl nur 25.1% der ledigen Männer über ein solches Einkommen verfügen.

In einer Gesellschaft wie Japan, in der man vornehmlich durch die Familie, Schule oder Arbeit neue Kontakte knüpft, sähen sich arbeitslose und parasitäre Singles vermehrt der Gefahr ausgesetzt, auf lange Sicht sozial oder psychisch zu verwahrlosen. Ohne soziale Kontakte versuchten sie laut Yamada, oberflächliche und virtuelle soziale Identitäten aufzubauen, wie zum Beispiel über die Fankultur einer Band, eines Fußballvereins oder Ähnliches. Auch Haustiere seien nichts anderes als eine weitere Form der einseitigen sozialen Beziehung, da diese Form der Beziehung nur einseitige Verpflichtungen beziehungsweise Unterstützung zulässt und nur bis zu einem gewissen Grad zum psychischen Wohlbefinden verhelfen kann.

Im sechsten Kapitel schlägt der Autor eine Diversifikation des Konzeptes der Paarbeziehung als Maßnahme gegen die schrumpfende Bevölkerung vor. Seiner Meinung nach sei dieses Bevölkerungsrückgang besonders in Japan akut, da außereheliche Kinder oder Adoption bei nicht verheirateten Paaren immer noch tabuisiert werden. Dieses Problem gelte auch für gleichgeschlechtliche Paare. Des Weiteren würden von der Norm abweichende Partnerschaften mit verschiedenen Schwierigkeiten im sozialen System – besonders im Versicherungssystem – konfrontiert, da sie nicht zum idealtypischen Familien- bzw. Paarbild hinzugezählt werden.

Zum Ende des Buches ist ein Interview zwischen dem Autor und Hiroyuki Kubota über die allgemeine Akzeptanz von Wohngemeinschaften und ihre Realität in Japan im Vergleich zu den anderen Ländern abgedruckt. Auch wenn der Autor beim Leser den Eindruck vermittelt, dass er Wohngemeinschaften als eine Lösung im Kampf gegen Einsamkeit beziehungsweise das einsame Sterben berücksichtigt, wirkt die Struktur des Interviews leider sehr undurchsichtig und beschränkt sich auf die Diskussion über die persönliche Fähigkeit der Japaner zu gemeinsamen Lebensformen. In Anbetracht dessen, dass in Japan sowohl die Lebensbedingungen als auch die Qualität von Wohngemeinschaften im Vergleich zu anderen Ländern sehr niedrig sind und diese kaum reguliert werden, bleiben leider viele Fragen offen. Statt den Hauptgrund des schlechten Ansehens von Wohngemeinschaften in Japan anzugehen, nämlich minderwertige Bedingungen für die Bewohner, legt Yamada bedauerlicherweise den Schwerpunkt auf die Eignung der Japaner zum gemeinsamen Leben.

Obwohl die Argumentation zu Wohngemeinschaften lückenhaft wirkt, bleibt die Lektüre des Gesamtwerkes doch empfehlenswert. Es eignet sich insbesondere als guter Überblick zu Themen des sozialen Wandels, zu vorherrschenden Familienkonzepten und dem demografischen Wandel in Japan. Überdies kann der Leser das Buch dank der gut lesbaren Schriftsprache auch mit durchschnittlichen Japanisch-Kenntnissen argumentativ leicht nachvollziehen und genießen.

EB – Ezgi Bilke