Friedrich Sieburg – Die stählerne Blume

Sieburg1Im Jahre 1939, kurz vor dem Ausbruch des Krieges in Europa, befindet sich Japan mitten auf dem Vormarsch in Ostasien. Korea und Taiwan zählen bereits zu den Kolonien Japans und große Teile von China sind besetzt oder stehen unter japanischem Einfluss. Die japanische Militärfraktion strebt mit ihrer Ideologie „Asien den Asiaten“ einen Zusammenschluss der ostasiatischen Länder, insbesondere China, unter japanischer Herrschaft an. Erklärtes offizielles Ziel ist es, unter der Führung Japans die europäischen Großmächte aus Asien endgültig zu vertreiben.

Zu dieser Zeit unternimmt der deutsche Schriftsteller und Literaturkritiker Friedrich Sieburg eine mehrmonatige Reise nach Japan und fasst seine Eindrücke und Erfahrungen anschließend in seinem Buch „Die stählerne Blume“ zusammen. Vor allem das Wesen der japanischen Kultur und der Gedanke hinter der Expansionspolitik Japans stehen dabei im Vordergrund. Seine Schilderungen reichen von Japans Religion über das Frauenbild bis zur damaligen Außenpolitik. 

Die Erkenntnisse während dieser Reise beruhen größtenteils auf bloßem Beobachten und Gesprächen mit Japanern, die des Englischen oder Deutschen mächtig waren. Um sich so viele Eindrücke wie möglich machen zu können, bereiste Sieburg verschiedene Landesteile. Auch über die Aufenthalte in den Ländern, die er bei der Hin- und Rückreise per Land- und Schiffsweg durchquerte, berichtet er ausführlich. Dabei bringt er diese Länder vor allem mit dem außenpolitischen Auftreten Japans in Zusammenhang.

Friedrich Sieburg (1893–1964), der in Literaturwissenschaften promovierte, war als Auslandskorrespondent für die Frankfurter Zeitung in Paris tätig, als er seine Reise nach Japan antrat. Zuvor arbeitete er als freier Schriftsteller in Berlin und hatte bereits Berichte über Auslandsaufenthalte in Ländern wie Frankreich und Portugal geschrieben. Mit der Machtübernahme 1933 bekannte er sich zum Nationalsozialismus und warb im europäischen Ausland für ein „neues Deutschland“, lehnte aber den Antisemitismus ab. Nach dem Krieg distanzierte er sich vom Nationalsozialismus und wurde zu einem der einflussreichsten Literaturkritiker Deutschlands. Mit seinem Tod gerieten sein Name und somit auch seine Werke jedoch allmählich in Vergessenheit.

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Sieburg erläutert den Grund für seine Reise nach Japan nicht explizit. Es lässt sich jedoch erschließen, dass der Reisebericht hauptsächlich dazu dienen sollte, den deutschen Lesern das Land näher zu bringen. Damals galt Japan zwar als loyaler Verbündeter, jedoch war es für viele Menschen in Deutschland ein fremdartiges Land. Nach Sieburgs Auffassung leben die Japaner in zwei Zeitaltern. Eins sei von Traditionen bestimmt, während das zweite vom modernen Leben geprägt sei. Beide diese Zeitalter würden dabei parallel nebeneinander verlaufen, ohne sich vereinigen zu können. Er erklärt das Leben in diesen Parallelen als dem Schutz der japanischen Kultur dienlich, da das Land über die rasante Industrialisierung versuche, den westlichen Mächten ebenbürtig zu werden und nicht in Kolonisation zu enden, wie es mit anderen asiatischen Ländern geschehen war. Denn nur auf diese Weise könnten die Japaner ihre alte Kultur beibehalten und sich vor fremden Einflüssen schützen. Daher sei es für das traditionsbewusste Volk eine besondere Herausforderung, mit den modernen Errungenschaften des Westens umzugehen. Zudem würden Traditionen immer wieder dem jeweiligen Zeitgeschehen angepasst, wodurch man nicht mehr von einer ursprünglichen Tradition sprechen könne. Beispielsweise berichtet Sieburg, wie der Shintoismus als Staatsreligion für politische Zwecke benutzt werde, indem man ihn auf die Göttlichkeit des Kaisers zurückführe, was der japanischen Bevölkerung bewusst machen solle, dass sie „als einziges Volk selbst göttlichen Ursprungs und zur Herrschaft über die Welt berufen sei“ (S. 106).

Auffallend ist, dass Sieburg zwar sehr ausführlich auf den Gedanken der japanischen Machtausweitung in Ostasien eingeht, aber niemals einen Vergleich oder gar eine Verbindung zu der damaligen Kriegspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands herstellt. Obwohl beide Länder sich zu der Zeit in einer ähnlichen Situation befanden, unternimmt Sieburg trotz seiner Bewunderung der japanischen Mentalität keinen Versuch, die positiven Eigenschaften auf das deutsche Volk zu übertragen. Das liegt möglicherweise daran, dass die Japaner nach Sieburgs Auffassung aufgrund ihrer Andersartigkeit ohnehin nicht mit den Deutschen zu vergleichen seien. Des Weiteren weise die japanische Nation eine völlig andere geschichtliche Entwicklung als Deutschland auf. Während das Land zunächst in der Edo-Periode von der restlichen Welt völlig abgeschottet war, erfuhr es anschließend eine rasante Industrialisierung und wuchs zu einer der mächtigsten Nationen heran. Nach Sieburg ist diese Modernisierung jedoch kein Ziel an sich, sondern nur der Weg „um die Unabhängigkeit des Landes zu wahren, um frei und japanisch bleiben zu können. (…) Es breitet sich aus, um nicht aus den Angeln seines Wesens gehoben zu werden“ (S.123f.). Die Ausbreitung in andere Länder soll daher überwiegend als reiner Selbstschutz der urjapanischen Kultur verstanden werden, um nicht selbst unter die Herrschaft westlicher Mächte zu geraten.

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Insgesamt weist das Buch als Reisebericht eine klar zusammenhängende Struktur auf, ist jedoch mit seinen zahlreichen metaphorischen – ja geradezu lyrischen – Beschreibungen, mit denen Sieburg dem Leser sein persönliches Japanbild genauestens zu vermitteln versucht, nicht einfach zu lesen. Des Weiteren bedient er sich einer Dichotomie zwischen Tradition und Moderne, um die Andersartigkeit des Verbündeten hervorzuheben. Bereits im Titel wird dieser Gegensatz deutlich gekennzeichnet und als ein wesentliches Merkmal des japanischen Volkes herausgestellt. Auf der einen Seite beschreibt Sieburg die Japaner mit ihren alten Traditionen als „blumenhaftes Volk“, auf der anderen Seite unterstellt er ihnen einen „stählernen Willen“ in Bezug auf die Ausbreitung in Ostasien.

Durch die Sprachbarriere – Sieburg selbst bezeichnete das Japanische als „unverständliche Laute, die (…) aus einer anderen Welt zu kommen scheinen“ (S. 48), während zu dieser Zeit nicht viele Japaner des Englischen mächtig waren – hatte er kaum die Möglichkeit, mit der japanischen Bevölkerung selbst zu kommunizieren. Auch ist nicht bekannt, welche Kenntnisse Sieburg über das Land bereits vor Antritt der Reise hatte. Ob seine Reise also für eine aussagekräftige Beurteilung über die Mentalität eines ganzen Volkes, welches von ihm durchweg als homogen betrachtet wird, ausreicht, darf stark angezweifelt werden. Es scheint, als reiche es für Sieburg aus, dass er im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute bereits Auslandserfahrung besitzt und die Möglichkeit hat, vor Ort Erfahrungen sammeln zu können.
Ein weiterer Aspekt, den man bei Sieburgs Ausführungen berücksichtigen sollte, ist, dass er zu dieser Zeit Anhänger des Nationalsozialismus war und eine gewisse voreingenommene Einstellung zu nicht-europäischen Nationen aufzeigt. Diese Einstellung durchzieht das Buch. So spricht er beispielsweise von „weißen“ und „gelben“ Menschen und schreibt Asiaten generell einen einfacheren Lebensstil zu. Auch kritisiert Sieburg mit keinem Wort die kriegerische Expansion der Japaner in China, sondern vollzieht lediglich die Fakten nach. Für die Ideologie der „neuen Ordnung in Asien“, welche als ein vereinigtes Asien unter Japans Herrschaft zu verstehen ist, findet Sieburg sogar anerkennende Worte.

Da die Schilderungen von Sieburg vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus entstanden sind, sind seine Ausführungen für wissenschaftliche Arbeiten im Bereich der heutigen Japanforschung selbstverständlich nicht mehr geeignet. Doch auch wenn man Sieburgs Ansichten nicht teilt, so ist „die stählerne Blume“ durchaus interessant für Leserinnen und Leser, die sich mit dem deutschen Japanbild aus der Zeit des Pazifikkrieges beschäftigen möchten. Zum einen erfährt man hierdurch, auf welchen Grundlagen derartige Reiseberichte aus der damaligen Zeit entstanden sind. Zum anderen wird durch das Buch von Sieburg deutlich, welche Kenntnisse über verbündete und doch letztlich fremde Nationen damals vorhanden waren und wie diese beurteilt worden sind. Besonders aufschlussreich sind Sieburgs detaillierte Schilderungen der Kriegsführung Japans. Während Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts sich der Japonismus hauptsächlich auf die Faszination der japanischen Kultur und den Einfluss in der europäischen Kunst beschränkte, wird Japan nun im kriegerischen Zusammenhang betrachtet, wodurch das bisherige Bild des Landes wesentlich verändert wird. Sieburgs Titel „Die stählerne Blume“ fasst das Japanbild seiner Zeit sehr gut zusammen.

Michaela Kroll

Sieburg, Friedrich (1939): Die stählerne Blume – Eine Reise nach Japan. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag, 188 S.